FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Mexico 1970™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Mexico 1970™

31 Mai - 21 Juni

Mexiko 1970

Zagallo: Es schien unmöglich, all diese Zehner zusammen einzusetzen

  • Mario Zagallo erinnert sich an einen Wutausbruch bei der WM Mexiko 1970
  • Er schwärmt von Jairzinho und Gerson
  • Welches Team war besser: das von '58 oder das von '70?

Wenn Pelé der Humphrey Bogart des Fussballs ist und Rinus Michels der Martin Scorsese, dann ist Mario Zagallo der Clint Eastwood des Fussballs: ein echter Virtuose, gleichermaßen als Spieler wie als Regisseur.

Einen Monat vor Beginn der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ FIFA Fussball-WM Schweden 1958™ hatte der herausragende Flügelspieler noch keinen einzigen Einsatz für Brasilien absolviert. Dennoch stellte Trainer Vicente Feola ihn in jedem Spiel in die Startformation. Bei der FIFA Fussball-WM Chile 1962™ trug er maßgeblich zur erfolgreichen Titelverteidigung der Seleção bei. Bei der WM Mexiko 1970 bewies Zagallo dann mit dem neuerlichen Titelgewinn, dass er auch als Regisseur eines Starensembles Erfolg haben konnte.

Doch der Erfolgshunger des 'Alten Wolfs' war selbst damit noch nicht gestillt. Und so wie Katharine Hepburn als Einzige vier Mal einen Oscar gewann, gelang ihm dies mit der prestigeträchtigsten Trophäe der Fussballwelt. Als Assistenztrainer von Carlos Alberto Parreira war er 1994 in den USA auch am vierten WM-Titelgewinn Brasiliens beteiligt.

Am 50. Jahrestag des unvergesslichen Titelgewinns der herausragenden Seleção im Azteken-Stadion sprach der 88-Jährige mit FIFA.com über dieses Turnier, seine Karriere und weitere Themen.

FIFA.com: Herr Zagallo, Sie haben zu Beginn Ihrer Karriere als Zehner in einem Land gespielt, in dem es vor herausragenden Zehnern nur so wimmelt. Hat die größere Chance auf einen Platz bei der WM Sie dazu bewegt, auf Linksaußen zu wechseln?

Ja, in der Tat. Ich hatte mein ganzes Leben lang davon geträumt, bei einer WM für die Seleção zu spielen. Ich war 1950 im Maracanã-Stadion dabei gewesen (Zagallo war in seiner Zeit beim Militär als Sicherheitskraft für das entscheidende Spiel zwischen Brasilien und Uruguay eingeteilt). Beim Club América begann ich als Zehner. Als ich dann 1950 zu Flamengo ging und schon davon träumte, eines Tages bei der WM zu spielen, beschloss ich, Flügelspieler zu werden. Das hat meine Karriere erst richtig ins Rollen gebracht.

Einen Monat vor Beginn der WM 1958 in Schweden hatten Sie noch kein einziges Länderspiel für Brasilien absolviert. Wie haben Sie es geschafft, nicht nur zur WM zu fahren sondern auch als Linksaußen in der Startformation zu stehen?

Der Glaube. Botafogo spielte im Maracanã-Stadion und der Fitnesstrainer Paulo Amaral sagte mir, dass ich vom Trainerstab der Nationalmannschaft beobachtet werden würde. Ich war sehr aufgeregt und motiviert und habe ein tolles Spiel abgeliefert. Das war der Ausgangspunkt für meine Nominierung für die WM 1958. Vor dem Beginn gab es einen Konkurrenzkampf zwischen Canhoteiro und Pepe. Sie waren die Favoriten. Doch zu meinen Gunsten wirkte sich vor allem der Wechsel vom 4-2-4- zum 4-3-3-System aus. Feola nahm diese Änderung wegen mir vor. Wenn wir den Ball verloren, agierte ich als Mittelfeldspieler. Und wenn wir den Ball hatten, war ich ein waschechter Linksaußen. Ich habe den Kampf gegen Pepe gewonnen, weil Pepe stets im 4-2-4 spielte. Bei mir war es anders, ich hatte eine Doppelfunktion. Ich war der Grund, warum die brasilianische Nationalmannschaft erstmals die brasilianische Spielweise aufgab und in einem 4-3-3-System spielte. Und wir haben die Weltmeisterschaft gewonnen.

Eine Verletzung hätte Ihre Teilnahme am Turnier um ein Haar verhindert…

Es passierte im Maracanã-Stadion. Es war im Training mit der Seleção. Wir machten ein Trainingsspielchen. Auf der einen Seite stand ich im Tor, auf der anderen Seite Pelé. Der Ball erwischte mich unglücklich am Finger und es entstand eine Risswunde. Ich kam ins Krankenhaus. Ich bat den Mannschaftsarzt sogar, mich nicht zur WM fahren zu lassen, doch er wusste, dass ich gute Chancen auf einen Platz in der Startelf hatte und nähte mich mit 12 Stichen (fast 13, Zagallos Glückszahl). So konnte ich beim Kader bleiben. Ich habe drei Spiele verpasst, doch im letzten Freundschaftsspiel vor der Weltmeisterschaft gegen Inter Mailand wurde ich eingewechselt und traf sogar. Ich wusste nicht, ob ich bei der WM spielen würde, doch auf dem Flug nach Stockholm setzte sich der Journalist Ricardo Serran von der Zeitung O Globo neben mich und sagte: 'Du wirst zur Startformation gehören.'Feola hatte es ihm kurz zuvor gesagt.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an Schweden 1958?

Das Auftaktspiel gegen Österreich war sehr wichtig. Wir haben 3:0 gewonnen. Nilton Santos hat ein Tor erzielt. In der Presse war zu lesen, dass Feola ihn ständig zurück in die Abwehr beorderte, aber dass ich rief 'Los, Nilton, ich halte dir den Rücken frei!' Ich spielte also bereits meine Rolle im 4-3-3-System. Im Finale lagen wir mit 0:1 gegen Schweden zurück. Doch dann haben wir das Spiel gedreht. Ich habe das vierte Tor geschossen und dann den Ball auf Pelés Kopf gespielt, der das fünfte Tor machte. Ich war also an den letzten beiden Toren beteiligt, mit denen Brasilien zum ersten Mal die WM gewann.

Nur 75 Tage vor dem Anpfiff der WM 1970 in Mexiko wurden Sie zum Nationaltrainer Brasiliens ernannt. Was ging Ihnen durch den Kopf, als man Ihnen das Angebot machte?

Das war mein größter Wunschtraum. Es war ungefähr vier Uhr nachmittags. Ich war bei Botafogo, als Funktionäre des brasilianischen Fussballverbands CBF auftauchten. Unser Konditionstrainer sagte zu mir: 'Geh' rüber zu diesem Auto. Sie bieten dir an, Trainer der Seleção zu werden.' Der Kader war zu dieser Zeit schon im Trainingslager. Sie fuhren mich nach Hause, ich raffte einige Sachen zusammen, und los ging's. Das war der größte Wunschtraum meines Lebens. Und es war kurios, denn als [João] Saldanha im Jahr zuvor die Seleção übernahm, hatte ich seine Radiosendung übernommen. Und als er die Seleção verließ, habe ich ihn auch dort ersetzt.

Gerson, Rivelino, Tostao, Jairzinho und Pelé spielten bei Ihren Klubs alle als Zehner. Wie ist es Ihnen gelungen, ihre Rollen so zu verändern, dass sie alle zusammen in einem Team spielen konnten?

Ich hatte zwei WM-Titel mit einem 4-3-3-System gewonnnen. Als ich die Seleção übernahm, hatte ich in meinem Kopf bereits klare Vorstellungen davon, was ich verändern wollte. Ich setzte Piazza auf der Position des Innenverteidigers ein, brachte Clodoaldo ins Team und schaffte es so, all die Zehner ins Team zu holen: Rivelino, Tostao, Pelé, Jairzinho und Gerson. Viele sagten, es wäre unmöglich, dass das so stark umgebaute Team in so kurzer Zeit wieder zu einer Einheit zusammenwächst, aber wir haben die WM gewonnen.

Titelverteidiger England ging mit einem Team ins Turnier, das viele für noch stärker hielten als das Weltmeisterteam von 1966. War das Spiel gegen England das schwerste Brasiliens in Mexiko?

Das Spiel war sehr schwer, das schwerste von allen. Aber Tostao meinte in einem Gespräch, für ihn sei das Halbfinale gegen Uruguay das schwerste Spiel gewesen. Uruguay ging mit 1:0 in Führung. Ich dachte schon daran, Paulo Cesar Caju einzuwechseln und Rivelino ins zentrale Mittelfeld zu beordern. Doch das Glück kam mir zu Hilfe. Eigentlich wollte ich Clodoaldo auswechseln, doch er erzielte in der 45. Minute den Ausgleich – der perfekte Zeitpunkt! An diesem Tag war ich in der Pause ziemlich wütend. Ich war wütend auf das ganze Team. Ich sagte den Spielern, sie müssten nichts anders machen, als was sie so gut konnten, doch genau das taten sie gegen Uruguay nicht.

Wer war Brasiliens bester Spieler bei der FIFA Fussball-WM Mexiko 1970™?

Oh, das ist wirklich schwer zu sagen.Jairzinho war bei dieser WM wirklich herausragend. Aber natürlich muss man auch Pelé, Tostao, Rivelino, Clodoaldo und Gerson nennen. Gerson war der beste Zehner, der beste Mittelfeldspieler, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.

Sie haben in dem Team von 1958 gespielt und dasjenige von 1970 trainiert. Welches Team war das bessere?

Ich möchte diese Teams nicht vergleichen. Sie waren beide unglaublich. Das Team von 1958 war jedenfalls so stark, weil wir eine sensationelle Abwehr, ein großartiges Mittelfeld und einen herausragenden Angriff mit Garrincha, Pelé und Vava hatten. Ach ja, und wir hatten auch noch Mario Zagallo auf dem linken Flügel! (lacht)

Welcher Ihrer vier Weltmeistertitel war Ihnen am wichtigsten?

Diese Frage ist leicht zu beantworten: 1958 als Spieler und 1970 als Trainer. Ich war an sieben WM-Endrunden und an vier Endspielen beteiligt. Das letzte Finale war 1998, als es allerdings ein Problem mit Ronaldo gab, dem besten Spieler der Welt. Das war eine unglaubliche Mannschaft, und wir hätten dieses Finale eigentlich nicht verlieren dürfen.

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