FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

12 Juni - 13 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

WM-Rekorde und ihre Hintergründe: Tim Howard

© Getty Images

"Ich war traurig, und ich war wütend. Und ich fühlte mich regelrecht benommen." Das sind nicht unbedingt die Worte, die man von einem Spieler erwarten würde, der über das wohl beste Spiel seiner Karriere spricht. Doch genau das sagte U.S.-Torhüter Tim Howard gegenüber FIFA.com mit Blick auf die Achtelfinalpartie gegen Belgien bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™, in der er nicht weniger als 16 gegnerische Schüsse abwehrte.

Hätte er als Stürmer eine derart herausragende Partie gezeigt, dann wäre der Tag sicher nicht mit einer 1:2-Niederlage und dem WM-Aus zu Ende gegangen. Doch das Leben eines Torhüters ist manchmal tragisch und manchmal reicht selbst die beste Leistung des Lebens nicht für den Erfolg. So auch in diesem Fall: Trotz seiner herausragenden Leistung, die ihn in der Heimat zum Helden machte, das Internet durch die Decke gehen ließ und mit der er seine dramatisch unterlegene Mannschaft im Spiel hielt, musste sich Howard am Ende mit der bitteren Niederlage abfinden.

Doch niemand, der an diesem warmen Tag in Salvador miterlebte, wie Howard mit Händen und Füßen, mit Kopf und Körper einen Ball nach dem anderen abwehrte, wird dies so schnell wieder vergessen. Auch dem Torhüter selbst ist der Tag bis heute unvergesslich, da er trotz der Niederlage ein Kapitel WM-Geschichte schrieb: Seine 16 Rettungstaten in 120 Minuten zwischen den Pfosten sind bis heute WM-Rekord.

Der Spieler  
Tim Howard wurde am 6. März 1979 geboren. Schon früh zeigte er sein sportliches Talent als Mittelfeldspieler und im Basketball. Mit seiner Highschool-Mannschaft gewann er eine Staatsmeisterschaft und trug dabei im Schnitt 15 Punkte pro Spiel bei. Auch seinen ersten Einsatz als Profitorhüter absolvierte der rastlose Youngster noch während seiner Highschool-Zeit. Nach einigen Spielzeiten bei den MLS-Klubs New York/New Jersey MetroStars (heute New York Red Bulls) folgte ein Wechsel, den kaum jemand für möglich gehalten hatte: Kein Geringerer als Sir Alex Ferguson persönlich wählte ihn als Nachfolger von Fabien Barthez im Tor von Manchester United aus. Eine solche Gelegenheit bekommen amerikanische Spieler nur höchst selten. Für den erst 24-jährigen Howard war dies die Chance seines Lebens.

In seiner ersten Saison im Old Trafford wusste Howard mit starken Leistungen zu überzeugen, doch schon bald lernte er, wie eng Erfolg und Misserfolg auf höchstem Niveau beisammen liegen. Nachdem er sich einige Fehler geleistet hatte, wurde er 2006 zunächst auf Leihbasis an den FC Everton abgegeben. Mit einem regulären Vertrag ausgestattet verbrachte Howard dann die nächsten zehn Jahre in Liverpool und begeisterte die blaue Fangemeinde. Im Goodison Park wurde er zum Publikumsliebling und entwickelte auch seine Präsenz auf dem Feld konsequent weiter. Der lebhafte, immer zu einem Wortwechsel mit seinen Verteidigern und den gegnerischen Angreifern aufgelegte Schlussmann bot mit seinem buschigen Bart, dem glatt rasierten Schädel und seiner mit Tattoos übersäten Haut schon damals ein auffälliges Bild. Tim Howard war nicht nur ein herausragender Torhüter, sondern hatte auch seinen ganz persönlichen Stil.

Bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ war er am Höhepunkt seines Könnens angelangt. Er war 35 Jahre alt, hatte bereits bei zwei WM-Endrunden Erfahrung gesammelt und war mit rund 100 Länderspieleinsätzen der erfolgreichste U.S.-Torhüter aller Zeiten. In der englischen Premier League hatte er mit 210 Einsätzen in Folge gerade einen neuen Rekord aufgestellt und zudem hatte er im Dienste von Everton stehend bereits 100 Mal seinen Kasten sauber gehalten. Nicht zuletzt deswegen waren die Toffees in der Tabelle vor ihrem Lokalrivalen FC Liverpool auf dem sechsten Platz gelandet. In der U.S.-Nationalmannschaft war er eine Führungsfigur und der unumstrittene Chef der Hintermannschaft.

Der Rekord  
Das Spiel gegen Belgien lief noch keine 60 Sekunden, als Howard bereits zum ersten Mal sein ganzes Können zeigen musste. Bei einem Schuss von Divock Origi schaffte er es mit einem Spreizschritt gerade noch, den Ball mit der linken Fußspitze um den Torpfosten zu lenken. Es schien, als sollte es wieder einer dieser ganz besonderen Tage für die USA werden. Howard indes raffte sich wieder auf und hob die Faust in Richtung seiner Verteidiger. Schon jetzt konnte man ahnen, dass hier noch einiges im Busch war.

Denn dies war keine der leichten Paraden gewesen, die die meisten Torhüter zu Beginn einer Partie am liebsten haben, um ins Spiel zu finden. Vielmehr war es ein erster Warnschuss der Belgier, die damit einen regelrechten Ansturm einleiteten. Und die Roten Teufel hatten mit Eden Hazard, Kevin De Bruyne und Romelu Lukaku eine enorm stark besetzte Angriffsreihe zur Verfügung und galten sogar als Geheimtipp auf den Weltmeistertitel. Um das schöne Wetter zu genießen, waren sie gewiss nicht nach Salvador gekommen…

Die Schützlinge des damaligen U.S.-Nationaltrainers Jürgen Klinsmann wurden regelrecht eingeschnürt und konnten sich nur selten etwas Luft verschaffen. Sie kamen nur zu sehr wenigen Chancen, während Howard mit seinen Leistungen immer wieder nach schweren Fehlern im Mittelfeld und in der Abwehr in höchster Not klären musste. Während die Anzahl seiner Rettungstaten immer weiter stieg, gab es auch ein erstes Echo im Internet. Langsam aber sicher entwickelte sich der Hashtag #ThingsTimHowardCouldSave zum erfolgreichsten Thema des Abends. Zu den teils überaus amüsanten Vorschlägen gehörten die Dinosaurier, die Titanic und auch Private Ryan. Ein Scherzbold veränderte gar den Wikipedia-Eintrag des amerikanischen Verteidigungsministers und präsentierte spaßeshalber Tim Howard als neuen Amtsinhaber.

Mit nicht weniger als zwölf Paraden mit seinen Händen und seinem Körper sowie vier mit den Füßen hielt Howard die überforderten Amerikaner im Spiel. In der 92. Minute fiel der Ball im gegnerischen Fünfmeterraum Chris Wondolowski quasi auf die Füße und die Stars and Stripes hätten die Partie sogar gewinnen können, wenn dem eingewechselten Akteur ein besserer Abschluss gelungen wäre. Ohne Howards Glanztaten indes hätten die Amerikaner die Partie sicher klar verloren und wären nicht in der Schlussphase noch um Haaresbreite am Sieg vorbei geschrammt.

Auch in der Verlängerung glänzte Howard weiter und wurde nach der Partie zum besten Akteur auf dem Platz gewählt. Doch es sollte nicht reichen. De Bruyne und Lukaku (Howards Teamkamerad bei Everton) sorgten für die Entscheidung zugunsten der Belgier. Julian Green gelang nur noch der Anschlusstreffer für die USA und man kann bis heute nur spekulieren, was Howard wohl in einem möglichen Elfmeterschießen noch geleistet hätte. Dies allerdings wurde von Thibaut Courtois, seinem Gegenüber im belgischen Tor verhindert, der in den letzten Sekunden noch eine Glanztat gegen Clint Dempsey zeigte.

Die Erinnerungen  
Unsere Gruppe galt als Hammergruppe. Es hieß immer, wir hätten keine Chance, uns gegen Portugal, Ghana und Deutschland durchzusetzen. Aber wir haben es geschafft! Wir haben viele Leute Lügen gestraft, all diese Neinsager, die immer nur negativ denken."

"Am Tag der Partie gegen Belgien (im Achtelfinale) war ich ziemlich nervös. Ich war sogar sehr nervös. Während das Spiel lief, habe ich mir keinerlei Gedanken über die Anzahl meiner Paraden gemacht. Ich habe einfach versucht, für den nächsten Angriff bereit zu sein, die nächste Chance eines Schützen zu vereiteln und die Abwehr zu dirigieren. Wie viele Bälle tatsächlich auf mein Tor kamen, war mir gar nicht klar. Erst als ich nach dem Spiel bei der Dopingkontrolle war, sagte mir jemand, dass es 16 gewesen seien. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen, so viele Paraden hatte ich nicht in Erinnerung.

Nach einem solchen Spiel empfindet man sehr intensive Emotionen – Ärger, Trauer und mehr als alles andere auch Enttäuschung, denn solche Gelegenheiten bekommt man eben nicht jeden Tag. So etwas gibt es gerade einmal alle vier Jahre.

Doch als wir nach der WM wieder in den USA waren, hatte ich ständig ein Lächeln auf den Lippen, denn wo auch immer wir auftauchten, wurden wir mit Glückwünschen überschüttet. Leute aus allen Teilen der Gesellschaft - Alte, Junge, Männer, Frauen - das spielte keine Rolle. Das WM-Fieber hatte offenbar alle in den USA erfasst. Das fand ich einfach cool."
Tim Howard

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