FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™

9 Juni - 9 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™

Wandlungsfähige Italiener gegen ukrainische Defensivkünstler

Nach der Achtelfinalpartie zwischen Italien und Australien behauptete die internationale Sportpresse, dass man wieder einmal "die übliche italienische Spieltaktik" erlebt hätte, die "nur ergebnisorientiert" sei. So konnte man in den vergangenen Tagen die klassischen verbalen Duelle zwischen den Verfechtern des Offensivfussballs und denen eines "ergebnisorientierten" Spiels mit den mannigfaltigsten Gedankenspielen erleben.

Aber all diese Scharmützel deuten darauf hin, dass die Anspannung im Vorfeld des Viertelfinales der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ immer größer wird. Und wenn nicht Gianluca Pessotto, der Ex-Verteidiger von Juventus Turin und der Squadra Azzurra gerade einen Selbstmordversuch begangen hätte, bei dem er aus einem Fenster in fast zehn Metern Höhe sprang, könnte man nüchtern darüber berichten, dass die Anspannung im italienischen WM-Quartier positiver Natur ist. Glücklicherweise schwebt Pessotto inzwischen offenbar nicht mehr in Lebensgefahr.

Es gibt kaum etwas über interne Querelen zu berichten, dafür aber über einen großen Motivationsschub, der die italienischen Spieler dazu anspornt, die Kritiker der Sportgazetten aus der ganzen Welt zum Verstummen zu bringen. Alles in allem sollte das Thema Konzentration auf die bevorstehende Aufgabe keinerlei Problem für die Schützlinge von Nationaltrainer Marcello Lippi darstellen, der von seinen Jungs für die letzten Etappen auf dem Weg zum Endspiel in Berlin noch einmal höchste mentale Anstrengungen verlangt hat.

Das ist auch dringend notwendig, denn das Spiel gegen die Ukraine wird zwar sicher kein Spaziergang werden, könnte aber eine gute Gelegenheit sein, der Öffentlichkeit zu zeigen, was tatsächlich in diesen Azzurri steckt, die bisher eher durchwachsene Leistungen gezeigt haben. Nach einer offensiv geführten Partie gegen eine sehr unterhaltsame ghanaische Mannschaft und drei Spielen (USA, Tschechische Republik und Australien), in denen Lippis Elf das Mittelfeld vollständig dem Gegner überlassen hatte, wobei sie erstaunlicherweise nur einen Gegentreffer (Eigentor) hinnehmen musste und immer zuerst den Führungstreffer erzielte, deutet sich gegen die Osteuropäer ein anderes Szenario an.

Ukraine: Schwer einzunehmende Festung?

Die Ukraine ist aus vielerlei Gründen ein unangenehmer Gegner. Der WM-Neuling liebt es, aus der sicheren Defensive zu agieren und überrascht durch das Aufbieten von Weltklassestürmern wie Shevchenko an der Seite von talentierten Jungstars wie Artem Milevskyi . Die Ukraine ist die einzige Nationalmannschaft, die noch für eine richtige Sensation bei dieser an Überraschungen recht armen Endrunde sorgen kann. Und vor allem stellt sie die klassische osteuropäische Fussballnation dar, deren stärkste Waffe ihr Nationalstolz und der Enthusiasmus ist, den sie als WM-Debütant in sich trägt.

Die Partie gegen die Schweiz hat gezeigt, dass die Mannen von Oleg Blokhin nicht darauf erpicht sind, ein schnelles Spiel aufzuziehen und gegen die italienische Abwehr um Cannavaro und Co. anzustürmen. Ganz im Gegenteil. Sie werden eher darauf hoffen, dass ihr Gegner in diese Rolle schlüpft. Mannschaften wie Polen mit Grzegorz Lato (1974) oder Zbigniew Boniek (1982), Belgien mit Vincenzo Scifo (1986), Bulgarien mit Hristo Stoitchkov (1994), Kroatien mit Zvonimir Boban (1998) und die Türkei mit Hakan Sükür (2002) haben einen ganz ähnlichen Stil gepflegt und sind damit jeweils unter den ersten Vier des Turniers gelandet. Die Ukraine mit Shevchenko würde sich in dieser Liste sehr gut machen.

Ukraine: Leicht einzunehmende Festung?

Fussball bedeutet nicht nur Dribblings, spektakuläre Tore und Ballbesitz. Fussball bedeutet auch, dass eine Mannschaft, wenn sie nicht über "außergewöhnliche technische Qualitäten im Mittelfeld" verfügt – was bei der aktuellen italienischen Elf nur bedingt der Fall ist – auch in der Lage sein muss, über 90 Minuten keine nennenswerten Torchancen zuzulassen und bei jeder Partie mit Spielwitz und Intelligenz zu überzeugen.

Ein Weltklassestürmer kann 89 Minuten nicht zu sehen sein, um dann mit einer genialen Aktion eine ausgeglichene Partie doch noch für seine Mannschaft zu entscheiden. Ein Weltklasseverteidiger muss über 90 Minuten höchst konzentriert und ständig in Bewegung sein sowie maximale Einsatzbereitschaft zeigen. Denn ein einziger kleiner Moment der Unachtsamkeit kann ihn zum Buhmann machen. Schönspielerei für die Galerie ist nicht immer angebracht. Manchmal muss man den Ball wegdreschen. Aber vor allem darf insbesondere bei Spielen in der K.-o.-Runde keine Sekunde gezögert werden. Auch wenn es manchmal Pfiffe von den Rängen gibt.

Bei ihrer Viertelfinalpartie im FIFA WM-Stadion Hamburg könnten die Italiener dazu gezwungen sein, in die Rolle zu schlüpfen, die in den Partien zuvor von ihren Gegnern gespielt wurde. Offensivspiel könnte die Devise lauten. Und die Stärke der Squadra Azzurra könnte gerade darin liegen, ihre Wandlungsfähigkeit als Mannschaft unter Beweis zu stellen, die in der Lage ist, sich je nach Spielsystem und Gegner perfekt anzupassen.

Lippi weiß, dass seine Mannschaft dazu sehr wohl in der Lage ist. Denn seine Elf hat in ihrer langen Erfolgsserie seit der 0:1-Niederlage gegen Slowenien am 9. Oktober 2004 eine ganze Reihe interessanter Spiele und Erfahrungen äußerst positiv durchlebt.

Vor allem drei Azzurri könnten sich in dieser Partie als Schlüsselspieler erweisen. Francesco Totti, der durch sein erstes WM-Tor an Selbstbewusstsein gewonnen hat, Andrea Pirlo und der bisher nur sporadisch zum Einsatz gekommene Mauro Camoranesi. Ein Camoranesi in Bestform gehört zu der Art von Spielern, die durch Spritzigkeit und technische Qualität entscheidende offensive Impulse setzen können.

Sollte Italien die Ukraine bezwingen, würde es zu einem Klassiker kommen, denn unter den verbleibenden Teams gibt es keine Underdogs mehr. Aber um auch in der erwarteten Partie gegen Deutschland oder Argentinien bestehen zu können, sollte nach Möglichkeit Alessandro Nesta wieder an Bord sein. Denn mit ihm könnte sich die Squadra Azzurra in der Defensive noch sicherer fühlen...