FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™

9 Juni - 9 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™

Ukraine "italienisch" zum Erfolg

Bei der ersten WM-Teilnahme in ihrer Geschichte hat die Ukraine auf Anhieb das Viertelfinale erreicht. Dabei verdankt der WM-Neuling diesen großartigen Erfolg nicht etwa der Tatsache, dass man einen Weltklasse-Stürmer in seinen Reihen hat, sondern vielmehr einer soliden Abwehrleistung sowie einem Höchstmaß an Effizienz.

Der Auftakt beim weltweit größten Fussballturnier verlief für den Debütanten noch wenig verheißungsvoll. Im ersten Vorrundenspiel der Gruppe H wurde die ukrainische Abwehr von den spanischen Angreifern mehrfach überrannt, so dass man am Ende klar mit 0:4 unterlag. Der ukrainische Nationaltrainer Oleg Blokhin ging daraufhin hart mit der Leistung seiner Mannschaft ins Gericht. "Ich bin sehr enttäuscht. Bei uns fehlte jegliche Disziplin. Meine Spieler haben die taktischen Vorgaben nicht umgesetzt", so Blokhin nach der bitteren Auftaktniederlage.

"Dabei bin ich weniger vom Ergebnis enttäuscht als vom Verhalten meiner Mannschaft auf dem Platz", fügte der sichtlich verärgerte Trainer hinzu, wobei er vor allem die passive Haltung seiner Schützlinge gegenüber Xabi Alonso, David Villa und Fernando Torres im Auge hatte. "Das ist eine Schande. Noch so ein Spiel darf es auf keinen Fall geben". Man darf wohl annehmen, dass der frühere Stürmer von Dynamo Kiev damit die richtigen Worte gefunden hatte, denn die folgende Partie gegen Saudiarabien endete zwar erneut mit 4:0, diesmal allerdings für das Team aus der Ukraine.

Nachdem die Bilanz also wieder ausgeglichen war, erlebte man eine ukrainische Mannschaft, die es dank einer sicheren Abwehr und einem ausgeprägten Minimalismus bis ins Viertelfinale schaffte. Im abschließenden Gruppenspiel gegen Tunesien beschränkten sich die Osteuropäer vornehmlich darauf, einige zaghafte Angriffe der Adler von Karthago abzuwehren, bevor sie am Ende dank eines Elfmeters, den Andriy Shevchenko zur Freude der ukrainischen Fans sicher verwandelte, das Achtelfinale erreichen konnten.

Was dann im Achtelfinale gegen die Schweiz folgte, war erneut eine Demonstration dessen, wie sehr Effizienz im Sinne von Minimalismus zum Erfolg führen kann. Obwohl mit Andriy Rusol und Vyacheslav Sviderskyi zwei wichtige Verteidiger wegen einer Gelbsperre fehlten, leistete die ukrainische Hintermannschaft über 120 Minuten erfolgreich Widerstand, um dann im Elfmeterschießen die Partie für sich zu entscheiden. Einen herausragenden Anteil daran hatte der glänzend aufgelegte Oleksandr Shovkovskyi im Tor der Ukraine, der nach den Worten seines Trainers "Nerven aus Stahl" bewies.

Der Meister trifft auf seinen Schüler

Wenn er sich mit der Bemerkung konfrontiert sieht, dass seine Mannschaft nicht gerade den schönsten Fussball bei diesem Turnier spiele, gibt Blokhin auch unumwunden zu: "Wir spielen einen ergebnisorientierten Fussball". Eine Philosophie, die sich seine Spieler anscheinend voll zu eigen gemacht haben. Dies bestätigt auch Angreifer Andriy Voronin, für den das Turnier inzwischen jedoch wegen einer Verletzung zu Ende ist: "Unsere Spielweise ist für die Zuschauer zwar weniger attraktiv, doch bisher hatten wir damit Erfolg. Wir können auf eine solide Abwehr bauen. Schließlich haben wir in den letzten drei Spielen kein einziges Gegentor kassiert."

Dieses Konzept ähnelt erstaunlich jener Taktik, mit der ausgerechnet der nächste Gegner der Ukraine bislang ebenfalls erfolgreich war. Mit ihrem 1:0-Sieg dank eines von Francesco Totti in letzter Minute verwandelten Elfmeters über Australien knüpften die Italiener an das an, was lange Zeit als ihr Markenzeichen galt: aus einer stets soliden Abwehr heraus die wenigen Chancen höchst effizient zu nutzen. Also "italienischer Minimalismus" pur.

Demnach kommt es an diesem Freitag, dem 30. Juni, gewissermaßen zur Begegnung zwischen dem Schüler und seinem Meister, wobei Shevchenko und Co. als Außenseiter in dieses Duell gehen. "Dadurch wird es vielleicht etwas einfacher für uns, zumal uns niemand im Viertelfinale erwartet hat. Das allein ist für uns schon ein Riesenerfolg. Jetzt steht Italien unter Zugzwang", so der Ex-Mailänder.

Das Erreichen des Viertelfinales wird in der Ukraine, die erstmals in ihrer Geschichte bei einem FIFA-Weltpokal™-Turnier vertreten ist, schon jetzt als Riesenerfolg gefeiert. Selbst eine mögliche Niederlage gegen die Squadra Azzurra würde diesen Erfolg kaum schmälern können. "Wir haben bei diesem Turnier schon enorm viel erreicht. Dass wir jetzt so weit gekommen sind, ist wie ein Traum", freut sich Blokhin. "Italien hat ein starkes und stets torgefährliches Team. Es wird schwer werden, sich gegen diese Mannschaft Chancen herauszuspielen."

Dass sie es dennoch kann, hat Blokhins Mannschaft indes schon bewiesen: sie braucht nicht viele Chancen, um zu gewinnen...