FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™

21 November - 18 Dezember

FIFA Fussball-WM 2022™

Sandesh Jhingan inspiriert auf und abseits des Spielfelds 

Sandesh Jhingan of India against United Arab Emirates at the 2019 AFC Asian Cup
© imago images
  • Indiens beliebter Verteidiger Sandesh Jhingan sprach mit FIFA.com
  • Er ist auf und abseits des Spielfelds eine inspirierende Persönlichkeit
  • "Zu große Sorgen wegen Verletzungen sind ungerecht gegenüber Menschen, denen es wirklich schlecht geht"

In Indien gehört er zu den beliebtesten und leidenschaftlichsten Fussballern: Sandesh Jhingan beeindruckt auf dem Feld als Verteidiger mit kompromisslosen Auftritten und soliden Leistungen.

Der robuste und kopfballstarke Innenverteidiger war eine der Schlüsselfiguren Indiens beim AFC Asien-Pokal im vergangenen Jahr. Es war für das Land erst die zweite Teilnahme innerhalb von 35 Jahren. Jhingan trug sogar schon die Kapitänsbinde, als Stamm-Spielführer Sunil Chhetri fehlte.

Mit seinem langen Haar und dem Bart gibt der Verteidiger auf dem Feld ein geradezu einschüchterndes Bild ab. Doch der Schein kann trügen, wie man weiß.

Abseits des Spielfelds überrascht Jinghan mit seiner nachdenklichen und gebildeten Art. Wenn er die Zeit dafür findet, schreibt er Gedichte und Kurzgeschichten. Außerdem interessiert er sich sehr für Geschichte und hat sehr fest gefügte Überzeugungen zu gesellschaftlichen Fragen.

Eine schwere Knieverletzung im vergangenen September bedeutete eine Zwangspause für ihn. Doch Jhingan machte das Beste aus der Situation, ähnlich wie viele Fussballer während der COVID-19-Ausgangssperren.

Der in Chandigarh geborene Spieler arbeitete verbissen an sich, um rechtzeitig für die verbleibenden Spiele Indiens in der WM-Qualifikation für Katar 2022 wieder fit zu werden, die eigentlich vor zwei Monaten stattfinden sollten, nun aber auf unbestimmte Zeit verschoben sind. Also ließ er seine Gedanken und Emotionen ins Schreiben fließen.

"Ich habe das geschriebene Wort schon immer geliebt", so Jhingan im Gespräch mit FIFA.com. "Wenn ich eine besonders schöne Passage in einem Buch oder in einem Liedtext lese, bekomme ich Gänsehaut."

"Wenn ich die Stiefel mal an den Haken gehängt habe, will ich meinen Traum wahr machen und ein eigenes Buch schreiben."

Im Moment allerdings ist sein wichtigstes Ziel, dem indischen Fussball zu weiteren Fortschritten zu verhelfen. Es fällt schwer, sich einen Menschen mit noch mehr Leidenschaft für diese Aufgabe vorzustellen.

"Asiatische Kinder wollen für Manchester United oder Real Madrid spielen. Ich aber habe schon immer davon geträumt, für Indien zu spielen", so Jhingan.

"Als ich 14 oder 15 war, habe ich in der Schule immer skizziert, in welcher Formation wir beim nächsten Länderspiel antreten sollten, und habe lang und breit mit Freunden darüber diskutiert."

"Ich liebe mein Land sehr. Diesen Stolz trage ich schon immer in mir. Als ich 2010 als Teenager ein Trainingslager des Nationalteams verließ, habe ich mir geschworen, die Nationalhymne erst wieder zu singen, wenn ich mir einen Platz im Team erobert habe."

"Am 12. März 2015 feierte ich dann mein Debüt in der Nationalmannschaft und konnte endlich wieder die Hymne singen. Und so laut habe ich sie noch nie gesungen! Ich habe mir ein Tattoo mit diesem Datum stechen lassen. Und auch heute noch bedanke ich mich jedes Mal mit einem kleinen Stoßgebet, wenn ich ins Nationalteam berufen werde. Es ist einfach großartig, für 1,3 Milliarden Menschen zu spielen und mein Bestes für sie zu geben."

Jhingan hat in den fünf Jahren seit seinem Debüt viel für das Nationalteam erreicht und eine überaus wichtige Rolle gespielt. Beim AFC Asien-Pokal verpasste er mit Indien den ersten Einzug in die K.o.-Runden seit 1964 nur um Haaresbreite. Im letzten Gruppenspiel kassierten die Inder in der Nachspielzeit das entscheidende Gegentor.

In der WM-Qualifikation für 2022 hat Indien nur noch theoretische Chancen auf den Einzug in die dritte Runde, trotz eines starken Unentschiedens beim amtierenden Asienmeister Katar. Doch die Qualifikation für den AFC Asien-Pokal 2023 ist durchaus noch in Reichweite.

"Der AFC Asien-Pokal im vergangenen Jahr war eine sehr lehrreiche Erfahrung", so Jhingan trotz des Scheiterns. "Man muss einfach sein Bestes geben, und wenn das nicht reicht, dann muss man daraus lernen.

"In den vergangenen Jahren lief alles ziemlich gut. Wir haben vier Spiele in Folge ohne ein einziges Gegentor absolviert und blieben 13 Spiele in Serie unbesiegt. Gegen Ende des WM-Qualifikationsspiels in Katar hätten wir sogar den Siegtreffer für möglich gehalten. Das zeigt, wie sehr sich die Mentalität in unserem Nationalteam verbessert hat."

"Wir müssen den Traum von der WM-Teilnahme weiter träumen, den auch ich teile. Dieses Ziel will ich unbedingt erreichen, bevor ich meine Stiefel an den Nagel hänge. Und wenn ich es als Spieler nicht schaffen sollte, dann will ich alles tun, um Indien als Trainer dazu zu verhelfen."

"Wir müssen uns damit anfreunden, dass wir auf dem Weg zu diesem Ziel nur einen Schritt nach dem anderen machen können. Der AFC Asien-Pokal im vergangenen Jahr und all die andere Dinge sind nur einzelne Schritte auf dem Weg zur Erfüllung unseres großen Traumes."

Jhingan gönnte sich während der sechsmonatigen Reha nur einen einzigen freien Tag, nämlich als er zum Jahreswechsel verreiste. Inspirierend wirkt er nicht nur durch seine Taten, sondern auch durch seine Worte.

"Als es zu der Verletzung kam, habe ich keine Sekunde lang Selbstmitleid empfunden", sagt er. "Ich habe darin eine Herausforderung gesehen. So etwas gehört leider zum Fussball dazu. Viele andere große Spieler haben ähnliche Verletzungen überwinden müssen. Ich habe eine Menge aus dieser Zwangspause gelernt. Jetzt fühle ich mich stärker. Was auch geschieht, ich bin sicher, dass ich damit zurecht komme."

"Ich muss keine mentale Stärke haben, um eine Verletzung zu überwinden. Es gibt Menschen ohne Wohnung, die sich fragen müssen, woher sie ihre nächste Mahlzeit bekommen. Es gibt Menschen, die mit Behinderungen zur Welt kommen. Ich weiß wirklich nicht, warum wir aus Verletzungen und ähnlichen Dingen eine so große Sache machen müssen."

"Ich habe eine Familie und ich habe ein Haus. Würde ich anfangen, mir große Sorgen zu machen, wäre das ungerecht gegenüber Menschen, denen es wirklich schlecht geht."

Mehr zu diesem Thema erfahren

Empfohlene Artikel