FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Mexico 1970™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Mexico 1970™

31 Mai - 21 Juni

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1970™

Tostao: Maradona, Messi und Cristiano nicht auf dem gleichen Niveau wie Pelé

Tostao and Pele
© Getty Images
  • Tostao erklärt, warum er Bobby Moore bei der WM 1970 in Mexiko tunnelte
  • Er erklärt, warum er die letzten 20 Minuten des Endspiels weinte
  • Tostao vergleicht Maradona, Messi und Cristiano Ronaldo mit Pelé

"Ich habe unzählige Operationen wegen Netzhautablösung durchgeführt", so die Augenärztin Alice R. McPherson. "Die erste Frage der Patienten lautet immer: 'Werde ich wieder gut sehen können?' Dieser Herr aber fragte: 'Werde ich bei der Weltmeisterschaft spielen können?' "

Der Patient, den die Absolventin der Harvard University Ende 1969 auf dem Operationstisch hatte, sollte später selbst Arzt werden. Damals aber war er der Mann, der für Brasilien bei der bevorstehenden FIFA Fussball-WM Mexiko 1970™ mit chirurgischer Präzision die gegnerischen Abwehrreihen eröffnen sollte.

Tostao war damals eigentlich auf dem Höhepunkt seiner Leistungsfähigkeit. Tostao war der undurchschaubare Stratege, als Cruzeiro den sechsten brasilianischen Titelgewinn in Folge des FC Santos mit Pelé vereitelte, und zwar mit einem regelrecht erschütternden 9:4-Sieg im Gesamtresultat. In der Südamerika-Qualifikation für die neunte Auflage der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ war er mit zehn Toren in sechs Spielen der erfolgreichste Torjäger.

Doch dann schlug das Schicksal zu: Ein Befreiungsschlag von Corinthians-Verteidiger Ditao knallte an sein linkes Auge und verursachte eine Netzhautablösung. Diese Verletzung zwang Tostao schließlich sogar, im Alter von nur 26 Jahren seine Karriere zu beenden, wonach er sich der Medizin zuwandte. Doch zuvor konnte er noch eine wichtige Rolle in Brasiliens 'Jahrhundertmannschaft' spielen, dank der Künste von McPherson und Roberto Abdalla Moura, ebenfalls Augenarzt, dem Tostao später seine Siegermedaille schenkte.

Fünfzig Jahre danach sprach Tostao mit FIFA.com darüber, wie er die Verletzung überwand und warum er Bobby Moore tunnelte, wie er Brasiliens Leistung gegen Italien im Finale beurteilt und warum er die letzten 20 Minuten unter Tränen absolvierte, und warum Pelé der größte Spieler aller Zeiten war.

Sie waren bei der WM 1966 in England erst 19 Jahre alt. Was für eine Erfahrung war das für Sie?

Diese Erfahrung war sehr wichtig für mich. Ich war der Reservespieler für Pelé. Ich habe zwar nicht an seiner Seite gespielt, aber ich habe ihn aus nächster Nähe beobachtet. Pele war unglaublich schnell und dachte auch unglaublich schnell. Er wusste, was er tun würde, bevor irgendjemand sonst auch nur auf den Gedanken kam. Ich habe seine Gesten gesehen, seine Ausdrücke, seine Bewegungen. Das hat es mir viel leichter gemacht, als ich dann neben ihm spielte. Ich denke, 1966 war überaus wichtig für meine erfolgreiche Partnerschaft mit Pelé 1970.

Wie groß war Ihre Sorge, dass Sie die WM 1970 verpassen würden?

Sehr groß. Es gab enorm viele Hürden zu überwinden. Es bestand das Risiko, dass ich mein Sehvermögen nicht wiedererlangen würde. Dann musste ich die Augenärztin überzeugen, mir die Freigabe zu erteilen. Und dann musste ich auch noch die Mannschaftsärzte der Seleção überzeugen. Ich hatte sechs Monate lang nur Bücher gelesen, mein anderes Auge funktionierte ja. Ich musste wieder fit werden und meinen Rhythmus wiederfinden. Saldanha, der sehr an mich glaubte, war nicht mehr Trainer. Zagallo hingegen kannte mich nicht und war wegen meiner Verletzung sehr skeptisch. Und außerdem hatte die Seleção schon vor einer ganzen Weile mit der Vorbereitung auf die WM begonnen. Ich kehrte erst wenige Tage vor Beginn der WM zurück – und dann entwickelte sich auch noch ein Bluterguss in meinem Auge. Unglaublich viele Hürden!

Bei Ihrem Klub Cruzeiro waren Sie offensiver Mittelfeldspieler. Können Sie uns erklären, warum Sie als Nummer 9 für Brasilien gespielt haben?

Bei Cruzeiro spielte ich gewöhnlich im Mittelfeld, etwas zurückgezogen, und leitete Angriffe ein. Ich war in den Qualifikationsspielen für die WM 1970 unter Trainer Joao Saldanha zwar Torschützenkönig unseres Teams, aber ich war kein Spieler, der mit dem Rücken zum Tor spielte. Als Zagallo Trainer wurde, sagte er mir, nachdem ich fit war, dass ich der Reservespieler für Pelé würde, weil wir auf der gleichen Position spielten. Er wollte mit einem waschechten Stürmer spielen. Roberto Miranda spielte, und er hatte auch noch Dario. Doch als wir in Mexiko ankamen, spielte ich in einem Freundschaftsspiel ziemlich gut und er sagte mir, dass ich jetzt ein Neuner wäre, ein Stürmer. Ich hatte noch nie in meinem Leben auf dieser Position gespielt. Ich musste mich erst anpassen. Und ich war ja auch nicht der typische Mittelstürmer, kein durchschlagskräftiger Strafraumstürmer, sondern hatte als Vorbereiter für Pelé und Jairzinho gespielt, die selbst immer in den Strafraum eindrangen. Ich mochte lieber etwas weiter hinten die Bälle bekommen und als Spielmacher agieren, aber die Umstellung war erforderlich. Glücklicherweise habe ich mich gut angepasst.

Viele meinten damals, England wäre noch besser als beim Gewinn der Weltmeisterschaft 1966. Das Spiel zwischen Brasilien und England wird manchmal als Traumfinale, das es nie gab, gesehen.

England hatte ein großartiges Team. Das war ein sehr schwieriges Spiel, sehr ausgeglichen. Glücklicherweise ist mir dieser individuelle Spielzug gelungen, ich konnte auf Pelé passen, Pelé dann weiter auf Jairzinho – und wir gewannen. Wir wussten, dass durchaus das Risiko bestand, dieses Spiel zu verlieren. Auch das Spiel gegen Uruguay war sehr schwer. Das Spiel gegen England war weniger gefährlich, denn selbst bei einer Niederlage hätten wir uns noch für die nächste Runde qualifizieren können. Das waren jedenfalls zwei der schwersten Spiele, die ich für die Seleção bestritten habe, gegen England und gegen Uruguay bei der WM 1970.

Was für ein Gefühl war es, den großartigen Bobby Moore zu tunneln und den Spielzug einzuleiten, über den die Menschen noch Jahrzehnte später reden?

Bobby Moore war ein großartiger Spieler, auf der ganzen Welt geschätzt, und Weltmeister von 1966. Er war ein starker Manndecker und ließ seinen Gegnern keinerlei Raum oder Zeit. Aber ich habe das nicht versucht, weil es Bobby Moore war. Ich hatte zur Seitenlinie geblickt und gesehen, dass sich Roberto für eine Einwechslung fertig machte. Er war ein Stürmer. Mir war klar, dass Pelé nicht ausgewechselt würde, also war ich es wohl. Ich wusste also, dass ich etwas Besonderes machen musste. Wer weiß, ob ich sonst in der Startelf geblieben wäre? Der Ball kam zu mir und ich versuchte es mit einem Schuss aus der Distanz, der aber abgeblockt wurde. Sekunden später kam der Ball wieder zu mir. Es war ein sehr enges Spiel, und ich beschloss, es einfach zu versuchen. Es gelang mir tatsächlich, den Ball durch die Beine von Bobby Moore zu spielen, zu dribbeln und dann zu Pelé zu spielen. Damit hatte ich meinen Platz im Team zementiert.

Genau wie Pelé gegen Uruguay haben Sie gegen Peru den Ball einfach zurück in Rivelinos Laufweg gespielt, so dass er ihn flach ins Toreck jagen konnte. Wie gut waren seine Distanzschüsse?

Seine Schusskraft war gewaltig. Deshalb hatte er ja auch den Spitznamen 'Patada Atômica' (Atom-Schuss). Das waren echte Knaller. Er hat unzählige Tore von außerhalb des Strafraums erzielt. Brasilien hatte schon viele herausragende Schützen – Nelinho und Eder beispielsweise – doch Rivelinos Schuss war unglaublich hart und fantastisch platziert, absolut perfekt. Seine Schüsse waren einfach eine andere Liga. Und das war nur eine von Rivelinos Stärken. Er war einfach großartig. Er war sehr intelligent, hatte fantastisches Können, war ein großartiger Passgeber. Er war einfach ein kompletter Spieler.

Was sagen Sie zu Ihrer Leistung gegen Peru?

Ich habe zwei wichtige Tore geschossen, aber es war nicht meine beste Leistung bei dieser WM. Meine beste Leistung zeigte ich gegen Uruguay. Gegen Peru hatte ich zwei Torchancen und habe sie beide genutzt. Gegen Uruguay habe ich zwei Tore mit Pässen vorbereitet und ich habe auch den Pass gespielt, nach dem Pelé um ein Haar getroffen hätte, nachdem er den Torwart versetzt hatte. Ich habe nicht wie ein traditioneller Stürmer agiert, sondern eher wie ein Vorbereiter, ein Spielmacher.

Was sagen Sie zu Brasiliens Leistung im Finale gegen Italien?

Das war herausragend. Die erste Halbzeit war schwerer. Die Italiener haben uns in Manndeckung genommen und wir hatten nicht viele Chancen. Jedem Brasilianer klebte immer ein Italiener an den Fersen. Aber so eng zu decken, ist sehr anstrengend. In der zweiten Halbzeit war die Deckung daher nicht mehr ganz so eng. Und wir haben in der zweiten Halbzeit spektakulär gespielt. Es war ein sehr starkes italienisches Team, doch wir haben das WM-Finale mit 4:1 gewonnen.

Sie haben die Schlussphase des Endspiels offenbar unter Tränen gespielt…

Nach dem dritten Tor, mit dem die Entscheidung fiel, war ich von meinen Emotionen überwältigt. Mir liefen die Tränen herunter, ich konnte es nicht verhindern. Ich dachte an alles, was ich durchmachen musste, um zu dieser WM zu kommen und wie nah ich daran gewesen war, sie zu verpassen. Ich bin für diese Augenoperation um die halbe Welt gereist. Um ein Haar hätte man mir nicht zu spielen erlaubt, und um ein Haar wäre ich nicht nominiert worden. Es war ziemlich schwierig, nach der Zwangspause wieder ins Spiel zu finden. Und daher musste ich weinen, als klar wurde, dass wir Weltmeister sein würden.

Denken Sie, das brasilianische Team von 1970 war das beste Nationalteam aller Zeiten?

Das weiß ich nicht, denn es gab auch andere großartige Teams, auch aus Brasilien. 1958 war es das Team mit Garrincha, Pelé, Nilton Santos, Didi. Aber 1970 war ganz gewiss ein spektakuläres Team und für diese Zeit auch ein revolutionäres Team. Und wir sind Weltmeister geworden. Die Seleção 1982 war auch spektakulär, aber sie hat nicht gewonnen. Wir haben gewonnen und spektakulären Fussball gespielt. Wir waren revolutionär, denn wir haben modernen Fussball gespielt. Diese Spielweise kannte man damals noch nicht. Und wir hatten großartige Spieler – Pelé, Gerson, Jairzinho, Rivelino. Ich denke, dass es ein herausragendes Team war. Ich denke, wir haben die ganze Welt begeistert.

Wer war Brasiliens bester Spieler 1970 in Mexiko?

Pelé. Er hat unglaublich stark gespielt. Und auch Gerson, unser Mittelfeldregisseur, hat eine fantastische WM gespielt. Jairzinho war herausragend, er hat in jedem Spiel getroffen. Und Rivelino war ebenfalls fantastisch. Diese vier Spieler würde ich nennen, aber Pelé war einfach eine Klasse für sich.

Im Laufe der Jahre wurden Diego Maradona, Cristiano Ronaldo und Lionel Messi mit Pelé verglichen. Denken Sie, dass Pelé der größte Spieler aller Zeiten war?

Ich denke, dass Pelé besser als sie alle war. Für mich ist das kein Vergleich. Pelé war viel kompletter. Er hatte alle Qualitäten, die ein Stürmer nur haben kann. Er hatte keinen einzigen Mangel, keine Schwäche. Maradona war spektakulär, aber er war physisch nicht auf dem gleichen Niveau wie Pelé und er hat längst nicht so viele Tore geschossen wie Pelé. Messi ist auch spektakulär, aber er ist nicht annähernd so kopfballstark wie Pelé, er schießt nicht so gut mit beiden Füßen und er macht nicht die Bewegungen wie Pelé. Cristiano Ronaldo ist ein außergewöhnlicher Spieler, aber er hat nicht die gleichen Fähigkeiten wie Pelé und er spielt nicht solch unglaubliche Pässe wie Pelé. Würde man die Stärken von Cristiano Ronaldo und Messi zusammenbringen, dann hätte man einen Spieler, den man mit Pelé vergleichen könnte! (lacht)

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