FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

14 Juni - 15 Juli

FIFA Weltmeisterschaft™

Tite: "Die Gruppenphase birgt ein unvermeidbares Risiko"

© AFP

Am Dienstagnachmittag machte Tite sich auf den Weg nach Russland, wo er am Freitag an der Endrundenauslosung der 21. Auflage der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft teilnehmen wird.

Nach dem hervorragenden Auftritt seines Teams in der Südamerika-Qualifikation zählt der brasilianische Nationaltrainer zu den herausragenden Persönlichkeiten, die im Staatlichen Kremlpalast in Moskau zugegen sein werden. Vor seiner Reise in die russische Hauptstadt, wo er die Erstrundengegner seines Teams kennenlernen wird, sprach er in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com

Den ersten Teil des Interviews, in dem er unter anderem über das spektakuläre Wiedererstarken seiner Mannschaft in der Qualifikation, Neymar und den Einfluss der 1:7-Niederlage gegen Deutschland spricht, finden Sie hier

Im zweiten Teil geht der Trainer der Seleção auf die Bedeutung der Endrundenauslosung, die gefürchtetsten Gegner sowie auf seine Vision des modernen Fussballs ein.

Die Auslosung steht kurz bevor. Welche Bedeutung messen Sie dem Losglück bei? Gibt es einen Gegner, den Sie gern vermeiden würden?
Für Brasilien kommt es vor allem darauf an, seine Entwicklung fortzusetzen und als Team weiter zusammenzuwachsen. Wir haben keinen Einfluss darauf, auf welche Teams oder Fussballphilosophien wir treffen werden. Daher müssen wir uns auf alles vorbereiten, denn es wird unvermeidbar sein, dass wir gegen große Mannschaften antreten – sowohl per Zufall, wie bei der Auslosung, als auch im späteren Verlauf des Wettbewerbs. Wir könnten auf Russland, Deutschland oder Japan treffen ... ganz unterschiedliche Fussballphilosophien. Daher müssen wir uns als Team mental und physisch stärken. Darauf wird es ankommen. 

*Nach Ihrem Debüt im August 2016 hat Brasilien die Qualifikation im Sturmlauf genommen. Wie wollen Sie verhindern, dass die Leistungskurve jetzt nach diesem Hoch bereits zur WM wieder abknickt? Ein Beispiel dafür ist vielleicht Argentinien im Jahr 2002. *Ich bin – bei allem Respekt – anderer Meinung bezüglich der Leistungskurve. Die damalige argentinische Mannschaft von [Marcelo] Bielsa, die nach der Gruppenphase ausgeschieden ist, hatte mit England, Nigeria und Schweden eine schwere Gruppe erwischt. Die Entscheidung fiel in einer sehr ausgeglichenen Partie gegen England aufgrund eines Elfmeters. Es wäre ohne Weiteres möglich gewesen, dass Argentinien weiterkommt und England ausscheidet. Die Gruppenphase birgt eben ein unvermeidbares Risiko. In einer Einzelsportart kannst du das Leistungshoch zu einem idealen Zeitpunkt planen. Bei einem Mannschaftssport schweißen die Erfahrungen in einem Qualifikationswettbewerb das Team zusammen, und im Falle Argentiniens hatte das Ausscheiden eher etwas mit der Qualität der Gegner zu tun als mit einer abknickenden Leistungskurve.

(Bald werden wir die Gegner Brasiliens bei der FIFA-WM kennen! Tite und Edu Gaspar machen sich auf den Weg nach Russland!)

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*Worum beneiden Sie Deutschland? *Deutschland kann auf eine sehr gute, solide Arbeit zurückblicken und hat bereits seit elf Jahren denselben Trainer, der zuvor schon als Assistent von Jürgen Klinsmann tätig war. Er kennt die Weltmeistermannschaft aus dem Effeff und hat es darüber hinaus geschafft, eine junge Generation einzubinden, die die Erfolgsgeneration von 2014 noch verstärken wird. Deutschland ist aufgrund des langfristig angelegten Projekts eine sehr starke Mannschaft. Für mich als Trainer ist es eine Herausforderung, es mit diesem Projekt aufzunehmen.

*Im Weltfussball scheint es derzeit drei Topteams zu geben: Deutschland, Brasilien und Spanien. Was hat Spanien, das Sie gern hätten? *
Die Spanier spielen einen Fussball, der dem brasilianischen sehr ähnlich ist, mit guter Ballbehandlung und Dreiecksspiel. Wir verfügen derzeit vielleicht über schnellere, aggressivere Spieler, doch die Spielphilosophie ist ganz ähnlich. Spanien hat mit Isco oder [Andrés] Iniesta zwei tonangebende Spieler in seinen Reihen. Das Spiel basiert eher auf gegenseitiger Unterstützung, auf Ballbesitz. Das sind Eigenschaften, die mir an der spanischen Mannschaft sehr gut gefallen. Ich glaube, die "Top 3" lassen sich noch etwas erweitern, beispielsweise um Frankreich, das über eine reifere und stärkere Mannschaft verfügt als in der Vergangenheit und mit Kräften wie [Antoine] Griezmann, [Kylian] Mbappé oder [Alexandre] Lacazette aufwarten kann. Das ist ein sehr starkes Team. Und dann wäre da noch der Europameister Portugal, oder Belgien, das mit Spielern wie [Kevin] De Bruyne, [Romelu] Lukaku, [Thibaut] Courtois oder [Axel] Witsel über eine hochklassige Generation verfügt. Es gibt einige Mannschaften mit großem Potenzial.  

Lionel Messi sagt, Argentinien werde nach der extrem mühsamen Qualifikation nun stärker werden. Stimmen Sie dem zu?
Ja, da bin ich ganz Messis Ansicht. Die Argentinier sind mit dem riesigen Druck in der Qualifikation fertig geworden. Wenn in einem einzigen Qualifikationswettbewerb drei Trainer am Werk sind, bringt das eine Mannschaft unweigerlich aus dem Gleichgewicht. Doch jetzt ist die WM-Teilnahme in trockenen Tüchern und die Mannschaft hat noch Zeit, an sich zu arbeiten. Angesichts der Klasse von [Jorge] Sampaoli und seinen Spielern bin ich sicher, dass Argentinien sich steigern wird. In welchem Maße, kann ich nicht sagen, aber sicherlich wird das Team bessere Leistungen bringen. 

Wie sehen Sie den modernen Fussball?
Im modernen Fussball fallen die technischen Fähigkeiten der Spieler stärker ins Gewicht. Und davon hängt auch die Fähigkeit der Trainer ab, ihre Teams taktisch zu organisieren, ein Gleichgewicht innerhalb der Teams herzustellen und ihre Vorstellungen auf die Spieler zu übertragen. Auch die Fitness spielt eine entscheidende Rolle, beispielsweise für Zweikämpfe und Richtungswechsel. Ein weiterer Aspekt, der vielleicht noch entscheidender ist, ist die mentale Einstellung. Man muss mit dem Druck und den mentalen Anforderungen umgehen können, die mit guten Ergebnissen einhergehen und immer da sind. Die Fähigkeit, Drucksituationen auszuhalten, ist ganz wichtig. Auf diesen vier Säulen basiert der Erfolg.

Früher reichten gute Einzelspieler aus, um Erfolg zu haben. Heute müssen mehrere Faktoren zusammenkommen. Ist der Fussball heute schwieriger als je zuvor?
Ja, dem stimme ich voll und ganz zu. Heute werden theoretische Aspekte und Informationen in vielerlei Hinsicht immer wichtiger. Und die Lücken, die zwischen den Teams klaffen, werden immer kleiner. Nur ein Faktor – beispielsweise talentierte Einzelspieler – ist heute nicht mehr ausschlaggebend. Stattdessen ist das Zusammenspiel mehrerer Faktoren nötig.


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