FIFA Fussball-Weltmeisterschaft England 1966™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft England 1966™

11 Juli - 30 Juli

In Erinnerung an Hans Tilkowski

Tilkowski: "Dieses Tor hat sich fest in die Sportgeschichte eingebrannt"

England - Germany FR (ENG - FRG) 22, AET 42, Final, London. Roger Hunt (ENG, No 21) cheers
© FIFA.com
  • Hans Tilkowski ist im Alter von 84 Jahren gestorben
  • 1966 stand er im legendären WM-Finale von Wembley im Tor
  • "Die WM 1966 bleibt immer in Erinnerung, dank dieses dritten Tores"

Eine FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ zu bestreiten ist wohl der Traum eines jeden Fussballers. Hans Tilkowski kam diesem Traum zwei Mal ganz nah, und als der deutsche Torhüter endlich bei einer WM zwischen den Pfosten stand, kassierte er das Wembley-Tor.

Der gebürtige Dortmunder und ehemalige Keeper des BVB gehörte zur scheinbar endlosen Liste deutscher Spitzentorhüter. Dennoch hatte der Europapokalsieger der Pokalsieger von 1966 eine etwas schwierige Beziehung zur FIFA-Fussball-Weltmeisterschaft™.

Im Gespräch mit FIFA.com vor einigen Jahren erinnerte sich der "König des Stellungsspiels" an England 1966, die bittere Degradierung von Chile 1962 und die knapp verpasste WM 1958 und erklärt, ob er den Wettbewerb trotz allem dennoch mag.

Was fällt Ihnen ein, wenn Sie an die Weltmeisterschaft 1966 in England denken?

Meine größte Erinnerung ist und bleibt das Wembley-Tor. Das dritte Tor Englands im Finale, welches kein Tor war. Auch das vierte Tor. Ich sage immer, wir sind kein Verlierer, sondern eher ein zweiter Sieger.

Welche Erinnerungen haben Sie noch an England, außer dem Finale und dem Wembley-Tor?

Wir haben ein gutes Turnier gespielt. Wir hatten schwere Gegner. Vor allem Spanien und Argentinien. Das waren harte Brocken, die wir aus dem Weg räumen mussten, um überhaupt ins Endspiel zu kommen. Und dann natürlich die Sowjetunion. Wir hatten eine richtig tolle Mannschaft, die geschlossen aufgetreten ist. Einer hat für den anderen gekämpft und gearbeitet.

Am Tag des Auftaktspieles hatten Sie auch noch Geburtstag. Wurde das extra gefeiert?

Nein, es war nichts Besonderes. Es war halt mein 31. Geburtstag. Ich habe mich gefreut, dass wir an meinem Geburtstag so einen grandiosen Sieg herausgespielt und die Schweiz mit 5:0 besiegt haben. Das war wichtig für uns. Mein Geburtstag war nicht so wichtig.

Sie waren beim Wembley-Tor direkt beteiligt. Wie haben Sie die Situation erlebt?

Alan Ball hat die Kugel von rechts geflankt und Geoff Hurst hat im Fallen den Ball aufs Tor gebracht. Ich habe den Ball dann mit den Fingerspitzen an die Latte gelenkt. Im Zurückschauen über meine linke Schulter konnte ich sehen, dass der Ball nicht die Linie überschritten hat, sondern auf der Linie aufkam. Deswegen bin ich mir bis heute 100 Prozent sicher, dass es kein Tor war.

Was haben sie zu Geoff Hurst gesagt, als Sie ihn nach dem Spiel wieder getroffen haben?

Ich habe ihm immer gesagt, dass der Ball nicht drin war. Er kann dieses Tor nur für sich beanspruchen, weil der Linienrichter es gegeben hat. Er selbst konnte es ja gar nicht sehen, weil er auf dem Boden lag. Aus seiner Perspektive konnte er das gar nicht sehen, ob der Ball davor oder dahinter war. Wir haben uns mittlerweile geeinigt, dass er für ihn drin war und für uns eben nicht. Jetzt können wir das eh nicht mehr ändern.

Wir blicken Sie insgesamt auf England 1966 zurück?

Wir sind damals nicht ins Turnier gestartet und haben gesagt, dass wir Weltmeister werden. Wir hatten richtig schwere Gegner vor der Brust, sind aber ins Endspiel gekommen und das war ein Highlight für uns. Wir waren nach 1954 erst die zweite [deutsche] Mannschaft, die ein WM-Finale erreichte.

Sie waren vor einigen Jahren in Aserbaidschan, um an der Einweihung der Statue für den damaligen Final-Linienrichter, Tofik Bakhramov, teilzunehmen. Wie kam das zustande?

Durch einen Bekannten, der in Aserbaidschan arbeitet, kam die Verbindung zustande und ich war zuvor schon privat in Baku. Man darf nicht vergessen, dass er nicht nur Linienrichter war, sondern auch Generalsekretär des Verbandes. Und er hat die Statue nicht nur für seine Leistungen an der Linie bekommen (lacht).

Ihre persönliche WM-Geschichte begann schon 1958. Damals waren Sie im erweiterten Kader, durften aber doch nicht nach Schweden mit. Wie empfanden Sie das?

1958 war ich gerade 22 Jahre alt. Ich spielte in der Oberliga bei Westfalia Herne. Ich war im Kader mit Fritz Herkenrath und Heinrich Kwiatkowski. Sepp Herberger [damaliger Trainer der Nationalmannschaft, Anm. d. Red.] kam zu mir und erklärte mir, er nehme nur zwei Torhüter mit nach Schweden. Da ich noch so jung sei und erst drei Länderspiele hatte, würde er sich für die anderen beiden entscheiden. Er wollte zwei erfahrene Torhüter dabei haben. Ich hab da natürlich keinen Freudentanz gemacht. Ich musste das akzeptieren. Nach der Weltmeisterschaft stand ich schnell wieder im deutschen Tor und vier Jahre später kam die nächste WM in Chile.

Dort reisten Sie als Stammtorhüter an und spielten dann doch nicht.

Das wäre, wie wenn heute Manuel Neuer kurzfristig ersetzt würde durch einen Torhüter, der gerade einmal ein Länderspiel hatte. Ich hatte eigentlich die Nummer eins und darüber gab es auch gar keine Diskussion. Alle waren dann überrascht von der Entscheidung. Eine Erklärung konnte mir Herberger auch nicht geben. Er hat sich für Wolfgang Fahrian, mit dem ich heute noch befreundet bin, entschieden. Bezogen auf 1958 habe ich dem Trainer dann gesagt, "Sie lehren etwas anderes, als sie praktizieren und praktizieren etwas anderes, als Sie lehren. Was soll ich Ihnen glauben?".

Sie wollten dann sofort nach Hause fliegen...

Damals durfte man ja noch nicht ein- oder auswechseln. Wenn man also nicht unter den ersten Elf war, war man Zuschauer. Man musste sich im Stadion oder auf der Bank einen Platz suchen. Man hatte keine Chance rein zu kommen. Die Weltmeisterschaft war für mich dann enttäuschend. Auch enttäuschend von der Person Sepp Herberger, weil er mir vier Jahre vorher genau das Gegenteil gesagt hat von dem, was er dann in Chile gemacht hat. Wolfgang Fahrian war erst 21 und hatte erst ein Länderspiel. Wir sind dann gegen Jugoslawien ausgeschieden und ich war froh, als es aus war.

Danach wollten sie eigentlich nicht mehr für Deutschland spiele, sind aber kurz vor der WM 1966 doch zurückgekehrt. Warum?

Mittlerweile gab es die Bundesliga und ich wechselte zu Borussia Dortmund. Dort spielte ich im Europapokal, unter anderem auch gegen Benfica Lissabon. Ich hatte einige gute Spiele. Vor allem in Lissabon, wo wir knapp 2:1 verloren haben, habe ich ein richtig gutes Spiel abgeliefert. Wir hätten auch 10:1 verlieren können. In der ersten Halbzeit waren wir nur einmal über der Mittellinie. Beim Rückspiel in Dortmund war dann auch Sepp Herberger im Stadion und hat mich beim Bankett kurz angesprochen. Er meinte, er müsste jetzt gehen, weil sein Zug in Kürze abfahre, ob er mich denn Mal anrufen dürfe. Ich habe dazu "Ja" gesagt. Nachdem wir ein drittes Mal telefonierten, sagte ich dann zu. Als ich in Frankfurt am Flughafen zum Abflug für ein Länderspiel ankam, sagte Herberger: "Hans, ich freu mich". Das war alles, das war seine Begrüßung.

Ihre persönliche WM-Geschichte war nach dem Wembley-Tor beendet. Haben Sie eine schlechte Beziehung zur FIFA-WM?

Nein, überhaupt nicht. Die WM 1966 bleibt immer in Erinnerung, dank dieses dritten Tores. Wer erinnert sich noch in 50 Jahren an solch ein Endspiel? Dieses Tor, diese Weltmeisterschaft hat sich fest in die Sportgeschichte eingebrannt.

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