FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022

21 November - 18 Dezember

FIFA Weltmeisterschaft™

Simões blickt zurück auf England 1966 und Eusébios Glückszahl 13

© FIFA.com

António Simões war der jüngste Spieler in Portugals Kader für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft England 1966™. Die Portugiesen belegten bei ihrer ersten Endrundenteilnahme gleich den dritten Platz. Ein halbes Jahrhundert später blickt Simões gemeinsam mit FIFA.com auf das Turnier und zahlreiche herausragende Spiele an der Seite Eusébios zurück.

"Wer gut genug ist, der ist auch alt genug."

Diesen Satz hört man im Fussball wieder und wieder. Doch allzu häufig kommt es nicht mehr vor, dass außergewöhnlich junge Akteure im Fussball brillieren, wo Erfolg und Misserfolg so nah beieinander liegen. Portugal hat als eines der wenigen Länder gleich mehrere Beispiele dafür geliefert, dass in manchen Fällen das Alter nur eine untergeordnete Rolle spielt. So feierte ein gewisser Cristiano Ronaldo sein Länderspieldebüt bereits im Alter von 18 Jahren und auch der Bayern-Neuzugang Renato Sanches sorgt bereits als Teenager für Schlagzeilen in der Nationalmannschaft. Schon mehrere Jahrzehnte früher gab es indes einen Spieler, der bereits in jungen Jahren für Furore sorgte, nämlich António Simões.

Der frühere Flügelstürmer von Benfica Lissabon feierte sein Debüt in der Nationalmannschaft bereits wenige Monate nach seinem 18. Geburtstag in einer Partie gegen Brasilien. Nur wenige Tage zuvor hatte er mit Benfica den Europapokal der Landesmeister gewonnen. Damit ist das Wunderkind bis heute der jüngste Gewinner des Europapokals (bzw. der UEFA Champions League). Nach diesem enorm frühen Beginn seiner internationalen Karriere war Simões bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft England 1966™ bereits ein vergleichsweise erfahrener Akteur. Doch trotzdem war er mit seinen 22 Jahren das jüngste Mitglied des Kaders der Portugiesen, die bei diesem Turnier ihr WM-Debüt feierten.

"Diese Partie an diesem Tag und in diesem Stadion war für alle portugiesischen Spieler etwas ganz Besonderes", so Simões in einem Exklusiv-Interview mit FIFA.com im Rückblick auf das erste WM-Spiel Portugals im Old Trafford gegen Ungarn. "Wenn man nach England fährt und in sagenumwobenen Stadien wie dem Old Trafford antritt, dann fühlt man sich wie eine sehr wichtige Persönlichkeit."

Der junge Flügelflitzer war damals schon sehr mit Erfolgsdruck vertraut, schließlich hatte er nach dem Titelgewinn von 1962 bereits zwei weitere Europapokal-Endspiele absolviert. Doch die Weltmeisterschaft war noch einmal eine ganz andere Hausnummer.

"Sein Land zu repräsentieren, ist eine außerordentliche Herausforderung", so Simões mit einem versonnenen Lächeln. "Alle Spiele wurden im Fernsehen übertragen. Das war schon etwas Besonderes für die Spieler. Und natürlich ist es ein großes Privileg, als Spieler stellvertretend für viele Millionen Landsleute auf dem Platz zu stehen. Wie viele Menschen würden das liebend gern einmal tun, bekommen aber nie eine Chance?"

Der sensationelle 3:1-Sieg im Auftaktspiel gegen die überaus WM-erfahrenen Ungarn ließ bereits erahnen, was noch folgen sollte. Im zweiten Spiel setzten sich die Portugiesen mit 3:0 gegen Bulgarien durch. Im dritten Gruppenspiel wartete dann Brasilien, das die letzten beiden WM-Titel gewonnen hatte.

"Die Brasilianer hatten damals unglaubliche Spieler", so Simões. "Das war ein ganz besonderer Tag, und das nicht bloß, weil wir gewonnen haben. An diesem Tag veränderte sich so manches. Rückblickend kann man durchaus ohne Arroganz sondern voller Überzeugung sagen, dass wir völlig verdient gewonnen haben. Denn wir waren an diesem Tag eindeutig die bessere Mannschaft."

Simões trug den ersten Treffer zum 3:1-Sieg Portugals bei, der Brasiliens Hoffnungen auf einen historischen dritten Titelgewinn zerplatzen ließ. Im Viertelfinale traf Portugal dann auf die DVR Korea, die ebenfalls ihr WM-Debüt feierte und mit einem 1:0-Sieg gegen Italien im letzten Gruppenspiel auch einen Ex-Weltmeister aus dem Turnier befördert hatte. Nach 25 Minuten lagen die Portugiesen völlig überraschend mit 0:3 zurück.

"Heute kann man leicht behaupten:  'Ich war nicht besorgt, ich wusste, dass wir noch gewinnen würden.' Aber das ist natürlich Unsinn", so Simões. "Wir waren sogar sehr besorgt. 0:3? Das ist einfach zu viel. Wir waren von der spielerischen Qualität des Gegners überrascht. Und wir waren mental nicht gut vorbereitet. Das war ein Fehler.

Doch dann haben wir reagiert. Wir waren sauer und frustriert. Wir hatten auf dem Platz ein intensives Gespräch, und dann noch einmal in der Pause. Unser Trainer Otto Gloria hat uns einige mehr als klare Worte gesagt. Er hat uns ans Limit geführt und uns wurde klar, dass wir nicht mit einer solchen Niederlage nach Hause fahren wollten."

Dann kam der zweite Akt des großen Auftritts von Eusébio. Der sagenhafte Stürmer hatte schon vor der Pause zwei Tore erzielt und ließ danach noch zwei weitere folgen. Mit dieser herausragenden Einzelleistung schoss er sein Team doch noch ins Halbfinale gegen Gastgeber England. In diesem Halbfinale musste Portugal dann allerdings den Preis für die enorme Energieleistung gegen die DVR Korea zahlen und unterlag mit 1:2. Im Spiel um Platz drei setzten sich die Portugiesen gegen die Sowjetunion durch und wurden somit WM-Dritter. Eusébio gewann mit neun Toren in sechs Spielen den Goldenen Schuh. Und glaubt man Simões, war all das seiner Glückszahl zu verdanken – der 13!

"Vor dem Turnier haben wir unsere Rückennummern ausgelost", erzählt Simões. "Die 11 war meine Nummer, schon immer. Aber dann zog Eusébio die 11 und ich die 13. Das ist – wie wir alle wissen – eine Unglückszahl. Ich sagte daraufhin zu Eusébio: 'Wenn du bei der WM mit der 13 spielst, wirst du Torschützenkönig und niemand wird die 13 jemals wieder als Unglückszahl sehen. Du kannst für das ganze Land diesen Fluch der 13 brechen, für immer!' "

Nach anfänglichem Zögern willigte Eusébio schließlich ein – und tatsächlich sollte sich das Versprechen bewahrheiten, das Simões dem "Schwarzen Panther" gegeben hatte. Simões erinnert sich noch gern an Eusébio, an dessen Seite er viele Jahre spielte.

"Er gehörte zu den Königen auf dem Spielfeld", so Simões über seinen verstorbenen Freund. "Dieser Mann wäre in jeder Ära ein Superstar geworden. Seine Einstellung zum Fussball, seine gedankliche Schnelligkeit, sein ganzes Verhältnis zum Fussball war einfach großartig. Wir haben in 14 Jahren fast 700 Spiele gemeinsam bestritten."

Die enge Bindung der Akteure von Benfica wirkte auch in der Nationalmannschaft. Insgesamt standen sieben Spieler von Benfica und acht vom Erzrivalen Sporting Lissabon im Kader, doch es gab keinerlei Kluft im Mannschaftslager.

"Unsere Familien wurden sogar gute Freunde", so Simões über den Kader von 1966. "Ich ging häufig mit Eusébio, Hilario und Jose Carlos aus – und die beiden letzten waren von Sporting! Wir gingen auch zusammen mit ihren Frauen und den Kindern aus. Heute wäre das wohl fast unmöglich. Das liegt an den Fans und den Leuten, die die Klubs heute führen. Sie denken nicht mehr auf die gleiche Weise. Sie wiederholen immer und immer wieder, der Gegner wäre der Feind. Aber das ist ein Problem. Ich stimme dem nicht zu.

Die Stimmung und die allgemeine Haltung in unserem Team hat bestimmt zu 25 Prozent zu unserem Erfolg beigetragen. Man kann nicht siegen, wenn man nicht zusammenhält."

Mittlerweile ist Simões über 70 Jahre alt und nicht mehr direkt im Fussball aktiv. Doch selbstverständlich hat er dank seiner enormen Erfahrung noch viel zu sagen. Schließlich hat er in Portugal und in den USA gespielt und war dort auch als Trainer tätig, ebenso wie zuletzt in Iran, dessen Nationalmannschaft er gemeinsam mit seinem Landsmann Carlos Queiroz zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ führte.

"Ich möchte meine Karriere, meine Erfahrungen, mein ganzes Leben mit allen teilen, insbesondere mit jungen Menschen", so Simões. "Ich will ihnen vermitteln, dass Fussball ein wunderbarer Sport ist, eine große Leidenschaft, ganz unabhängig von den finanziellen Mitteln."

Und wenn einer wie er spricht, dann lohnt es sich, gut zuzuhören. Denn es gibt kaum jemanden der besser geeignet wäre, der jungen Generation wertvolle Ratschläge zu erteilen, als Antonio Simões, Portugals erstes Fussball-Wunderkind.

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