FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Frankreich 1998™

10 Juni - 12 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1998™

Ricardo Gardner erinnert sich an Frankreich

© AFP

Es gibt einen Moment in der Sportgeschichte, der allen Jamaikanern einer bestimmten Altersgruppe unvergesslich ist. Am Sonntag, 16. November 1997, brauchten die Reggae Boyz im Independence Park in Kingston aus einem WM-Qualifikationsspiel gegen das übermächtige Mexiko noch einen einzigen Punkt, um sich erstmals die Teilnahme an einer FIFA WM-Endrunde zu sichern. Nach hart umkämpften 90 Minuten im insgesamt 18. Spiel Jamaikas in dieser schier unendlich langen Qualifikation pfiff der peruanische Unparteiische die Partie ab. Es waren keine Tore gefallen und somit hatten die Schützlinge von Trainer Rene Simoes den benötigten Punkt geholt. In der jamaikanischen Hauptstadt brach ein unglaublicher Jubelsturm aus.

"Das ist schon merkwürdig. Man muss einfach dabei gewesen sein, um voll und ganz zu begreifen, wie es damals war", so Ricardo ‘Bibi’ Gardner, der an diesem Tag spielte, in einem Exklusivinterview mit FIFA.com. "Es war etwas ganz Besonderes, nicht nur für die Jamaikaner im Land, sondern für alle rund um die Welt. Und nicht nur für Jamaikaner, sondern auch für alle, die sich Jamaika in irgendeiner Weise verbunden fühlten – sei es der Reggae-Musik oder der Lebensweise und Kultur. Jamaika ist ein wunderschönes Land. Sehr viele Menschen auf der Welt fühlen sich der Insel verbunden."

Der damalige Erfolg wurde auf typisch jamaikanische Weise gefeiert. Die Partys dauerten bis tief in die Nacht und manche sogar auch noch den gesamten folgenden Tag, denn Premierminister P.J. Patterson erklärte den Montag kurzerhand zum nationalen Feiertag. Der Erfolg war der erste Schritt einer unglaublichen Reise zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1998™ in Frankreich – für Gardner, seine Teamkameraden und alle Jamaikaner auf der Insel selbst und in aller Welt.

"Von einer WM-Teilnahme hatten wir noch nicht einmal zu träumen gewagt", so Gardner. "Die erfolgreiche Qualifikation hat die Mentalität von uns allen hier in Jamaika verändert. Für gewöhnlich freuten sich die Leute in Jamaika darauf, vor dem Fernseher zu sitzen und die WM zu verfolgen. Aber jetzt waren wir plötzlich selbst dabei! Viele buchten Reisen nach Frankreich und fuhren aus allen Teilen der Welt dorthin."

Kurz darauf schrieb Gardner ein Kapitel jamaikanischer Fussballgeschichte. Wie viele seiner in Jamaika aktiven Teamkameraden hatte er nie zuvor einen Fuß auf europäischen Boden gesetzt – und nun liefen er und sein Team im Juni 1998 vor fast 40.000 Zuschauern ins Stade Felix Bollaert von Lens ein. Gardner gehörte zur Startformation bei Jamaikas WM-Debüt gegen Kroatien.

"Es war ein unglaublich energiegeladener Moment. Wir hörten die Hymne und wussten, dass wir in wenigen Minuten unser Land auf der größten Fussballbühne der Welt repräsentieren würden – einfach unglaublich.  Es war fantastisch, vor so vielen Millionen Zuschauern rund um die Welt aufs Feld zu laufen. Ein unglaubliches Erlebnis, dort dabei zu sein."

Jamaika verlor mit 1:3 gegen die Kroaten, die bei ihrem eigenen WM-Debüt sensationell den dritten Platz erreichten. Es folgte ein 0:5 gegen den zweimaligen Weltmeister Argentinien. Doch die Reggae Boyz ließen sich auch davon nicht entmutigen. Stattdessen wollten sie in ihrem eigentlich bereits bedeutungslosen letzten Gruppenspiel gegen Japan unbedingt noch etwas erreichen, um nicht nur mit einem breiten Grinsen abzureisen.

"Ich weiß noch, wie der Trainer [Rene Simoes] uns sagte, wir sollten auf dem Platz einfach unser Spiel spielen", so Gardner. "Wir waren einfach brillant, jeder für sich und wir als Mannschaft. Wir wollten unserem Land Grund zum Jubeln geben. Ich kann diesen Moment gar nicht mit Worten beschreiben, wie es war, als wir dort erreicht haben, was wir erreichen wollten – nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere Familien und für alle Jamaikaner in der Heimat und rund um die Welt." Und genau das gelang ihnen - denn durch einen Doppelpack von Theodore Whitmore bezwang man die Japaner überraschend mit 2:1.

Gardner sparte auch nicht mit Lob für Simoes, der den damals 19-Jährigen in allen drei Gruppenspielen einsetzte, obgleich er mit einem ganzen Jahr Abstand der jüngste Spieler des gesamten Kaders war.

"Er hat mir diese Möglichkeit eröffnet und er hat unser Leben in Jamaika verändert", so Gardner. "Er war derjenige, der all das möglich gemacht hat. Ich möchte ihm danken, weil er uns diesen ruhmreichen Moment geschenkt hat, der unser ganzes Leben lang nachwirkt und auf den noch unsere Kinder und Enkel stolz sein werden."

Die WM-Teilnahme in Frankreich, die seitdem keine jamaikanische Mannschaft wiederholen konnte, wurde damals nahezu rund um die Welt begeistert verfolgt. Viele Fans rund um die Welt schlossen die Reggae Boys ins Herz und machten sie zu ihrem zweiten Lieblingsteam bei der WM.

"Jamaika ist zwar nur ein kleines Land, aber überall auf der Welt sehr beliebt", so Gardner lächelnd. "Reggae-Musik von Bob Marley, Dennis Brown, Peter Tosh – man könnte immer weiter machen. Diese Musiker haben uns einen Platz auf der Landkarte verschafft. Dass man uns nun auch auf dem Fussballplatz liebte, darüber waren wir alle sehr glücklich. Unser Spitzname Reggae Boyz hat wohl dazu beigetragen, dass wir bei den Fans rund um die Welt so beliebt waren."

Nicht nur dank dieser Unterstützung von Fans einer bestimmten Musikrichtung war die Stimmung im Mannschaftsquartier sehr entspannt. Das lag nach Gardners Worten auch daran, dass mehr als die Hälfte der Spieler im Kader für einheimische Klubs in Jamaika spielten.

"Wir haben in Frankreich keinerlei Druck empfunden", so Gardner. "Wenn viele von uns zusammenkommen, sind wir ehrlich gesagt wie eine große Familie. Die Atmosphäre unter uns war einfach fantastisch. Daran erinnern wir uns unser ganzes Leben lang gern. Es war die schönste Zeit meiner Karriere als Fussballer. Wir Spieler sind damals Freunde fürs Leben geworden."

"Die meisten von uns waren immer dort, im Quartier. Wir haben ständig trainiert", so Gardner weiter. "Der Trainer hat die Gelegenheit genutzt, uns seine Philosophie zu vermitteln. Auch die Spieler aus dem Ausland spielten eine wichtige Rolle, denn sie brachten ihre Professionalität ein. Einige von ihnen hatten schon auf höchstem Niveau gespielt und ich habe von allen etwas gelernt. All das hat uns zu einem ganz einzigartigen Team gemacht und uns schon in der Qualifikation geholfen."

Gardner selbst wechselte nach der WM-Endrunde nach England und unterschrieb bei den Bolton Wanderers, wo er 14 Jahre lang, bis zum Ende seiner Karriere 2012, blieb. Jetzt ist ‘Bibi’ wieder in Jamaika – "ein großartiges Gefühl", wie er selbst sagt – und betreut die U-20-Auswahl. Die meisten seiner Schützlinge waren noch Kleinkinder, als er selbst in Frankreich Geschichte schrieb.

Auch in Russland wird es allerdings keine Neuauflage einer WM-Teilnahme der Reggae Boyz geben, da sie den Einzug in die letzte Runde der Qualifikation in der CONCACAF-Zone verpasst haben. "Der Fussball in Jamaika steckt im Moment in der Krise", so Gardner. "Wir müssen einen Neuaufbau starten und uns auf das konzentrieren, was uns damals erfolgreich gemacht hat. Wir müssen aufhören, nach Entschuldigungen zu suchen und alles zu kritisieren. Wir müssen gemeinsam darauf schauen, was uns damals zum Erfolg verholfen hat und was uns in Zukunft zum Erfolg verhelfen kann."

Jamaikanische Nachwuchsfussballer auf der Suche nach einer besonderen Motivation können jedenfalls an die Erfolge ihres Teams im November 1997 und im Juni 1998 zurückdenken. Wenn es ihnen gelingt, einen ähnlichen Geist zu entwickeln, dann könnte die Generation, die derzeit unter Gardner heranreift, es eines Tages vielleicht selbst zu einer WM-Endrunde schaffen und damit wieder einmal für tagelange Partys und die Einführung eines neuen nationalen Feiertages sorgen.

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