FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™

9 Juni - 9 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™

Platini: "Ein WM-Finale ist mit nichts vergleichbar"

Er wirkt locker und entspannt und scherzt mit den französischen Pressevertretern, die "von Glück reden können, dass [ihre] Mannschaft im Finale steht, denken Sie mal an die anderen, deren Teams ausgeschieden sind und inzwischen die Heimreise antreten mussten!" Der Vizepräsident des Französischen Fussballverbandes und Vorsitzende des FIFA-Ausschusses für Technik und Entwicklung, Michel Platini, sprach exklusiv mit FIFAworldcup.com über die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™.

Die heute 51-jährige Ikone des französischen Fussballs verfolgt die Entwicklung des Weltfussballs stets mit wachen Augen. Er ist stolz, dass seine Nationalmannschaft bei ihrer dritten WM-Teilnahme in Folge zum zweiten Mal den Sprung ins Finale geschafft hat. Für ihn, den Franzosen mit italienischen Wurzeln, ist diese Finalpartie ein ganz besonderes Ereignis. In seiner gewohnt freundlichen Art analysiert er die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ im Allgemeinen, äußert seine Meinung zu taktischen Fragen, spricht über Frankreich und Zinédine Zidane und erzählt von seinem Spiel gegen Italien in Mexiko 1986. Sobald es um Fussball geht, ist Platini ein überaus kompetenter Gesprächspartner...

Michel Platini, welchen Eindruck haben Sie von der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™?

Für mich war es eine Weltmeisterschaft der Trainer. Mit anderen Worten, es war ein WM-Turnier der Taktik. Es ist ein gewisser Rückschritt in professioneller Hinsicht zu verzeichnen, das beobachte ich schon seit 20 Jahren. Es ist kein WM-Turnier der Spieler mehr. Früher gab es da größere Freiheiten, während heute nur noch taktische Zwänge regieren.

Das klingt ein bisschen nach Resignation...

Ich sage ja nicht, dass der Fussball von heute schlecht ist, aber er ist einfach zu stark den taktischen Erwägungen der Trainer untergeordnet. Und bei diesem Turnier waren ganz offensichtlich eher die defensiven Konzepte an der Tagesordnung. Aus rein fussballerischer Sicht gesehen glaube ich nicht, dass Deutschland 2006 als ein herausragendes Turnier in die Geschichte eingehen wird. Was dagegen die Organisation und die Stimmung im Gastgeberland anbelangt, so gibt es daran nicht das Geringste auszusetzen!

Wie erklären Sie sich, dass Frankreich das Finale erreicht hat, nachdem die Mannschaft noch vor wenigen Wochen am Boden zu sein schien?

Meiner Meinung nach hat Frankreich derzeit zwar nicht die beste Mannschaft der Welt, doch sie ist auf jeden Fall schwer zu schlagen, vor allem bei einem Turnier. Für Italien trifft genau das Gleiche zu. Es ist beileibe kein Zufall, dass sich diese beiden Teams jetzt im Finale begegnen.

In der Vorrunde haben Mannschaften wie Spanien oder Argentinien eine sehr starke Vorstellung geboten, bevor sie aus dem Turnier ausschieden. Wie erklären Sie sich das?

Das ist eben das Besondere an einer FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™: es ist kaum machbar, mit einer starken Leistung ins Turnier zu starten und es auch mit der gleichen Leistung zu beenden. Das ist faktisch unmöglich. Gerade im modernen Fussball ist dies immer auch eine Frage der physischen Vorbereitung und Fitness. Andererseits haben die Spieler in der Vorrunde stets den Gedanken im Kopf, unbedingt die nächste Runde erreichen zu müssen, auch wenn sie sich noch nicht in Bestform befinden. Die Franzosen haben die Vorrunde überstanden, weil sie ihre Gruppe vor eine lösbare Aufgabe gestellt hatte. Diese Mannschaft erspielt sich ihre Siege nicht einfach so, sondern sie muss dafür schon einiges tun und entsprechend kämpfen. Danach bekamen es die Franzosen mit Mannschaften zu tun, die ihnen eigentlich besser liegen, da sie mehr den Ball spielen. Das ist sowohl bei Spanien als auch bei Brasilien und Portugal der Fall. Gegen Italien stellt sich die Situation indes etwas anders dar, andererseits kann man ein Finale mit keinem anderen Spiel vergleichen.

Genau, wer wird in diesem Finale Ihrer Meinung nach für den Unterschied sorgen können?

Dafür kommen nach meiner Auffassung zwei Spieler in Frage. Auf Seiten der Italiener ist es Andrea Pirlo, der in der Lage ist, seine Mitspieler entsprechend mitzureißen. Bei den Franzosen wird viel vom Zusammenspiel zwischen Zidane und Henry abhängen. Letzterer ist immer noch enorm wichtig für die Mannschaft, bei allem Wenn und Aber hinsichtlich seiner Leistung bei diesem Turnier. Frank Ribéry ist inzwischen in die gleiche Rolle geschlüpft wie Robert Pires beim FIFA-Weltpokal France '98™: Er ist jederzeit in der Lage, die gegnerische Abwehr mit seinen kurzen Dribblings und schnellen Flügelläufen zu destabilisieren.

Seit dem Achtelfinale ist die Leistung von Zidane in aller Munde. Wie sehen Sie seine derzeitige Rolle?

Zidane ist einer der auffälligsten Akteure dieses WM-Turniers. Weniger deshalb, weil er ein Topstar ist, sondern weil er vor allem eine ganze Mannschaft hinter sich weiß. Er ist ohne Zweifel der einzige Fussballer der Welt, bei dem seine eigene Leistung nicht im Vordergrund steht. Auch wenn er auf dem Platz mal nicht zu Höchstleistungen aufläuft, sorgt allein seine Anwesenheit auf dem Platz dazu, dass sein Team alles gibt. Kurzum, er ist bereit, sich für die Mannschaft aufzuopfern, das ehrt ihn kolossal. Überdies zeigt er bei diesem Turnier eine herausragende Leistung...

Es wurde auch viel über die Verantwortung gesprochen, die Patrick Vieira in der Mannschaft übernommen hat...

Ich meine nicht, dass bei Vieira in diesem Turnier irgendein Knoten geplatzt ist. Eines ist indes sicher: er ergänzt sich auf geradezu ideale Weise mit Claude Makelele. Ich würde sogar noch weitergehen und behaupten, dass die Vierer-Abwehrkette in Verbindung mit den beiden Mittelfeldspielern der Garant für eine solide französische Hintermannschaft ist. Sie sind gewissermaßen die "sechs Musketiere" im französischen Team.

Sie waren im Achtelfinale zwischen Frankreich und Italien in Mexiko 1986 persönlich mit von der Partie. Es war für Sie ein ganz besonderes Spiel. Könnten Sie uns etwas über Ihre damaligen Gefühle verraten?

Damals musste ich unbedingt gegen Italien gewinnen. Mehr noch als gegen jede andere Mannschaft. Auch ein bisschen wegen meiner Herkunft, denn ich hatte auch in Italien gespielt. Vor allem aber deshalb, weil mich sonst meine italienischen Freunde ein Leben lang gefoppt hätten (lacht)! Doch um ehrlich zu sein, im Jahr 1986 war ich ernsthaft der Meinung, dass wir stärker waren als die Italiener. Das haben sie mir gegenüber übrigens auch unter vorgehaltener Hand zugegeben... Und heute ist die Ausgangslage sicher ähnlich: Beide Mannschaften sind einander ziemlich nahe, was vor allem den menschlichen Beziehungen untereinander zu verdanken ist. Im Prinzip stellt sich dabei stets die Frage, wer das bessere Ende für sich haben wird. Und genau das ist in meinen Augen das Normale und Gesunde daran.

Erstmals seit 1982 ist keine südamerikanische Mannschaft mehr unter den letzten Vier vertreten. Wie sehen Sie das?

Ich glaube nicht, dass man von einer allgemeinen Fehlleistung der Südamerikaner bei diesem Turnier sprechen kann. Nur wenn man das reine Ergebnis in Betracht zieht, insbesondere im Vergleich zu dem, was man von diesen Teams beim FIFA Konföderationen-Pokal Deutschland 2005 sehen konnte, von daher haben die Brasilianer doch eine hervorragende Mannschaft. Jetzt haben sie gegen ein französisches Team verloren, gegen das nur schwer ein Vorteil zu erspielen ist. Da sie gegen den späteren Finalteilnehmer ausgeschieden sind, würde ich nicht von einem Ausrutscher sprechen wollen...Gleiches gilt für Argentinien. Schließlich ist die Mannschaft erst im Elfmeterschießen und dazu noch gegen Gastgeber Deutschland ausgeschieden. Man sollte jetzt keine "voreiligen" Schlussfolgerungen aus dem Ausscheiden der Südamerikaner ziehen. Alles ging sehr eng zu. Vom Terminkalender bis hin zur Tatsache, gegen die gastgebende DFB-Elf antreten zu müssen...

Andererseits hat von den afrikanischen WM-Teilnehmern nur eine Mannschaft das Achtelfinale erreicht. Ist das nicht etwas enttäuschend?

Ich glaube, dass dies vor allem auf die mangelnde Erfahrung zurückzuführen ist. Vier von fünf WM-Teilnehmern waren zum ersten Mal für eine WM-Endrunde qualifiziert. Es ist sehr schwer, bei einer Premiere auf Anhieb einen großen Erfolg zu landen. Keine der traditionsreichen Fussballnationen des afrikanischen Kontinents war dieses Mal dabei. Und außerdem findet das große Turnier für die Afrikaner erst in vier Jahren statt.

Welche Mannschaft und welchen Spieler fanden Sie bei diesem Turnier besonders herausragend?
Dazu sollten wir noch das Finale abwarten. Es ist das einzige Spiel, das wirklich zählt. Vorher ist es praktisch unmöglich zu sagen, welcher Spieler oder welche Mannschaft aus dem Turnier herausragen. Das macht einfach keinen Sinn.