FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

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14 Juni - 15 Juli

An diesem Tag...

Pickles und der gestohlene WM-Pokal

World Cup Theft
© Getty Images

Die meisten hollywoodwürdigen Fussballgeschichten spielen auf dem Platz und drehen sich um Triumphe von Außenseitern, Tore in letzter Sekunde und andere dramatische Ereignisse. Doch eine geradezu unglaubliche Episode mit allen Zutaten für einen spannenden Krimi ereignete sich abseits des Flutlichts. Im Mittelpunkt standen der WM-Pokal, ein Erpresserbrief und ein eher ungewöhnlicher Held, nämlich ein kleiner Hund.

Am Sonntag, 20. März 1966, nur wenige Monate vor Beginn der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1966™, wurde in London der Siegerpokal des Turniers gestohlen. Das Ereignis machte weltweit Schlagzeilen und sorgte verständlicherweise für Panik beim englischen Fussballverband FA, der die Verantwortung für die Trophäe hatte, und der London Metropolitan Police. Am Ende jedoch wendete sich alles zum Guten und der Finder des Pokals, ein Hund namens Pickles, sowie sein Herrchen David Corbett wurden zu Berühmtheiten.

Bis heute ist diese Episode bei Fussballfans rund um die Welt unvergessen, wie Corbett bestätigt. "Das ist schon ziemlich außergewöhnlich", sagte er gegenüber FIFA.com. "Es liegt wohl daran, dass alle vier Jahre wieder daran erinnert wird. Daher gerät diese ganze Geschichte nicht in Vergessenheit." Immer wieder melden sich Journalisten aus aller Welt, um sich Corbetts Version der Ereignisse erzählen zu lassen. Er allerdings meint bescheiden: "Die Leute erinnern sich an den Hund, aber nicht an mich."

Der kleine Collie-Mischling ist natürlich der Star der Geschichte, die allerdings schon vor dem Auftritt des haarigen Helden im letzten Akt alle Zutaten eines Hollywood-Films aufweist.

Der Reihe nach: Knapp vier Monate vor Beginn der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ ging beim englischen Fussballverband FA ein Antrag ein, den WM-Pokal auf der Stanley Gibbons Stampex-Briefmarkenmesse in der Westminster Central Hall auszustellen – nur ein paar hundert Meter entfernt vom englischen Parlament.

Der damalige FIFA-Präsident Stanley Rous stimmte unter drei Bedingungen zu: der Transport des Pokals musste durch eine seriöse Werttransportfirma erfolgen, während der Ausstellung musste der Pokal in einem geschlossenen Glaskasten untergebracht und rund um die Uhr bewacht werden und es musste eine Versicherung über 30.000 Pfund abgeschlossen werden. Der eigentliche Wert des Pokals betrug nur etwa ein Zehntel dieser Summe. Die Briefmarken der Ausstellung indes hatten zusammen einen Wert von rund drei Millionen Pfund.

Tatsächlich war allerdings die Bewachung rund um die Uhr nicht sichergestellt. Während der Mittagspause von 11 Uhr bis kurz nach 12 Uhr und während in der ein Stockwerk darunter gelegenen Methodistenkirche ein Gottesdienst stattfand, drang der Täter durch die Hintertür ein, entwendete den Pokal und verschwand, ohne Spuren zu hinterlassen. Dass dies direkt unter der Nase der Metropolitan Police geschehen konnte, war natürlich mehr als peinlich.

Lösegeldforderung

Kurz darauf gab die Polizei die Beschreibung eines Tatverdächtigen heraus: männlich, schlank, Mitte 30, mit dunklem, geölten Haar und möglicherweise einer Narbe in der rechten Gesichtshälfte. Daraufhin gingen mehrere Meldungen über mögliche Sichtungen des Täters ein und es wurden sogar U-Bahn-Züge angehalten und durchsucht. Dann ging beim FA-Vorsitzenden Joe Mears eine Lösegeldforderung ein:

"Werter Joe, Sie sind über den Verlust des WM-Pokals sicher zutiefst beunruhigt. Für mich ist das bloß ein Stück Goldschrott. Wenn ich bis Donnerstag oder spätestens Freitag nichts von Ihnen höre, landet er im Schmelztiegel."

Der Absender, der sich ‘Jackson’ nannte, stimmte schließlich der Übergabe des Lösegeldes im Battersea Park zu. Allerdings sollte nicht Mears, sondern Detective Inspector Len Buggy, getarnt als ‘McPhee’, der Assistent des Vorsitzenden, die geforderten 15.000 Pfund überbringen. Im Geldkoffer befanden sich allerdings nur rund 500 Pfund – darunter war nur wertloses Zeitungspapier. Als der mutmaßliche Dieb das ihn verfolgende Polizeifahrzeug bemerkte, ergriff er die Flucht, doch er konnte verhaftet werden.

Der Mann namens Edward Betchley beteuerte, er sei nur ein Mittelsmann, und wurde schließlich als solcher zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Der eigentliche Dieb konnte indes nie ermittelt werden. Betchley erwies sich während seines Prozesses indes als Fussballfan und meinte: "Wie auch immer meine Strafe ausfällt, ich hoffe, dass England den WM-Pokal gewinnt."

Ein haariger Held

Eine Woche nach dem Diebstahl kamen nun Corbett und sein Hund Pickles ins Spiel. Corbett machte sich mit Pickles im Schlepptau auf den Weg zur Telefonzelle ein paar Straßen weiter, um nachzufragen, ob das Baby seines Bruders zur Welt gekommen sei.

Plötzlich begann der Hund, aufgeregt an einem Paket zu schnuppern, das er gefunden hatte. "Es war in Zeitungspapier eingewickelt und mit Paketschnur zusammengebunden. So lehnte es an einem Rad des Autos eines Nachbarn", erzählt Corbett seine Geschichte wohl zum tausendsten Mal. "Ich hob es auf. Es war ziemlich schwer aber nicht besonders groß – ein besonders spektakulärer Pokal war es ja nicht.

"Damals war die IRA (die Irish Republican Army) ziemlich aktiv, daher dachte ich zuerst, es könnte eine Bombe sein und legte es schnell wieder hin. Ich hob es erneut hoch und legte es wieder ab. Dann siegte die Neugier. Ich riss ein Stück der Zeitung ab und sah eine runde Scheibe. Als ich mehr Papier abriss, kamen die Inschriften zum Vorschein – Brasilien, Deutschland, Uruguay... Ich ging schnell nach Hause zurück und sagte zu meiner Frau: ‘Ich glaube ich habe den WM-Pokal gefunden!’ "

Seine Frau zeigte sich recht unbeeindruckt, und als Corbett seinen Fund auf der nächsten Polizeiwache vorzeigte, bekam er als Reaktion zu hören: "Das sieht mir aber nicht unbedingt wie der WM-Pokal aus." Corbett wurde zunächst in Verwahrung genommen und nachdem die Echtheit des Pokals bestätigt worden war, sah er sich plötzlich in der Schusslinie. "Ich war für die Polizei der Hauptverdächtige! Das war mir nicht im Entferntesten in den Sinn gekommen, bevor ich dort in der Cannon-Row-Polizeiwache saß!"

Nach einer eingehenden Befragung wurde Corbett schließlich nach Hause geschickt und ein paar Wochen später wurde sein Name von der Liste der Verdächtigen gestrichen. Es folgten zahlreiche Auftritte in Fernsehshows und bei öffentlichen Anlässen sowie die Übergabe einer Belohnung. Pickles bekam eine Medaille, eine Jahresration Hundefutter und trat sogar in einem Film mit dem Titel Der Spion mit der kalten Nase auf. Nach dem Titelgewinn Englands wurden Corbett und Pickles auch zum Festbankett des Teams eingeladen. Der Hund zeigte sich allerdings von all dem Rummel reichlich unbeeindruckt und erleichterte sich schließlich sogar im Fahrstuhl des Fünf-Sterne-Hotels.

Nach seinem Tod im folgenden Jahr wurde Corbetts treuer Begleiter im Garten des Hauses in South Norwood begraben, das sein Herrchen bis heute bewohnt. Und immer wenn Corbett das legendäre Bild von Bobby Moore sieht, der auf den Schultern seiner Mitspieler den Pokal in die Höhe reckt, erinnert er sich an seine eigene, unvergessliche Rolle in dieser Geschichte: "Ein bisschen Stolz empfinde ich dabei schon und ich habe das gute Gefühl, dass auch ich diesen Pokal einst in den Händen hielt!"

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