FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

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14 Juni - 15 Juli

FIFA Weltmeisterschaft™

Martino: "Die Messlatte liegt sehr hoch"

Gerardo Martino coach of Argentina speaks
© Getty Images

Der Posten des argentinischen Nationaltrainers scheint Gerardo Tata Martino nicht verändert zu haben. Diesen Eindruck gewinnt man zumindest im Gespräch mit ihm. In spielerischer Hinsicht gehen aus seinen Antworten dieselben Überzeugungen hervor, die er bereits zu Beginn seiner Trainerlaufbahn und später als Nationaltrainer Paraguays und beim FC Barcelona zum Ausdruck gebracht hat. So spricht er beispielsweise mehrmals von seinem "Konzept" und geht davon aus, dass dies mittlerweile allgemein bekannt ist: offensiv agieren, immer auf Ballbesitz bedacht, den Gegner früh unter Druck setzen und vor allem das Ruder nie aus der Hand geben.

Auch auf persönlicher Ebene ist Martino noch immer der Alte. Er erklärt uns, dass er auch nach seiner Amtsübernahme nicht aufgehört hat, seinen liebsten Freizeitbeschäftigungen nachzugehen. So geht er beispielsweise gern ins Kino oder mit Freunden essen, auch in seiner Geburtsstadt Rosario, in der es eine der traditionellsten Fussballrivalitäten Argentiniens gibt. Er bekennt sich sogar eindeutig zu den Newell's Old Boys, ohne dadurch Probleme zu bekommen. "Meine Laufbahn und mein Verhalten haben mir sogar den Respekt der Fangemeinde von Rosario Central eingebracht", erklärt er nicht ohne Stolz.

Der 52-jährige Trainer macht zwar deutlich, dass er Interviews mag, in denen "viel über Fussball gesprochen wird", sperrt sich im Gespräch mit FIFA.com aber auch nicht gegen persönlichere Fragen. Gesprächsthemen waren unter anderem ein Vergleich zwischen dem Kader des FC Barcelona und dem der argentinischen Nationalmannschaft sowie der hohe Ergebnisdruck, mit dem er konfrontiert ist.

Als Nationaltrainer stehen Sie sehr im Rampenlicht. Wie gehen Sie damit um?
Das ist ein Thema, das mit dem Posten zusammenhängt, den man bekleidet, aber auch mit der eigenen Lebensweise. Meine Art zu leben sorgt dafür, dass es gar kein so großer Unterschied ist, ob ich ein einfacher Mann auf der Straße oder der Nationaltrainer bin. Ich habe immer ein ruhiges, wenig exponiertes Leben geführt. Auch wenn ich durch mein Amt stärker ins Rampenlicht rücke, sehe ich keine Notwendigkeit, viel daran zu ändern.

Sie sind jetzt seit acht Monaten im Amt. Spüren Sie schon etwas von der Zermürbung, die all Ihre Vorgänger beklagt haben? Schließlich hat seit Marcelo Bielsa kein einziger Nationaltrainer mehr die volle Amtszeit von vier Jahren abgeleistet, und das ist schon eine Weile her…*
Das ist schon ein anstrengender Posten, der mit einer besonderen Belastung verbunden ist, aber ich sehe [in der kurzen Amtszeit] auch kein generelles Muster. Im Allgemeinen haben die argentinischen Nationaltrainer ihre Arbeit zu einem Abschluss gebracht, einige in acht, andere in vier Jahren. Es gab fast keinen, der weniger lange im Amt war, einmal abgesehen von den letzten Trainern, und dafür gab es ganz präzise Gründe. Letztendlich hat jeder das Recht, selbst zu bestimmen, ob es für ihn weitergeht oder nicht, ob er die nötige Kraft hat oder nicht, oder ob er es für nötig befindet, in einem bestimmten Augenblick einen Schnitt zu machen. Wenn jemand glaubt, dass er nicht mehr genügend Energie hat, um die Sache voranzutreiben, ist es viel ehrlicher, beiseitezutreten. *

Nach Ihrer Tätigkeit beim FC Barcelona haben Sie eine tiefgreifende Selbstkritik geübt. Das ist in diesem Metier nicht gerade üblich. Hinterfragen Sie Ihr Tun auch in allen anderen Lebensbereichen?
Ich versuche, bei allem selbstkritisch zu sein. Und dann kommt es natürlich darauf an, welche Schlüsse ich ziehe, wenn ich mich selbst hinterfrage. Sollte ich allerdings auf Fehler stoßen, sei es im beruflichen oder im privaten Leben, dann halte ich damit auch nicht hinter dem Berg. Im Falle von Barça habe ich das im Gegensatz zu anderen öffentlich kommentiert. Andere tun vielleicht dasselbe wie ich, ziehen es jedoch vor, nicht darüber zu sprechen.

Nach Ihren eigenen Worten gehörte "das Leben mit den Stars" zu den wenigen Dingen, die Sie in Ihrer Zeit bei Barça gelernt haben. Kann man den damaligen Kader Barcelonas mit dem der argentinischen Nationalmannschaft vergleichen?*
*
Er ist im Hinblick auf die Qualität der Fussballer ähnlich, die Bedingungen sind allerdings andere. Für einen argentinischen Fussballer ist es etwas Einzigartiges, für die Nationalmannschaft spielen zu dürfen, und er ist unter allen Umständen dazu bereit – ob er nun zum Einsatz kommt oder nicht. Die Spieler akzeptieren die Entscheidungen, weil ihre Teamkameraden über dieselben Fähigkeiten verfügen wie sie selbst, und weil der Stolz über allem steht. Bei einem Klub wie Barcelona liegt der Unterschied darin, dass die Abstände zwischen den Spielen kurz sind. Der Trainer muss schnelle Entscheidungen treffen, bei denen auch die Eigenschaften der unterschiedlichen Gegner ins Gewicht fallen. Also versucht er zu rotieren, damit sich alle wohl fühlen und motiviert sind. Vor dem ersten entscheidenden Spiel ist es damit aber ohnehin vorbei. Da sagt der Spieler sich nämlich: 'So sieht also die Realität aus. Das mit der Rotation ist ja schön und gut, aber in den entscheidenden Spielen läuft diese oder jene Mannschaft auf.' Und das bleibt bis zum Saisonende in den Köpfen. Wenn man einen Spieler am zehnten Spieltag gegen Real Madrid nicht auflaufen lässt, denkt er, dass er in keinem entscheidenden Spiel zum Einsatz kommen wird.

Sie haben bereits Mannschaften mit bescheidenen Mitteln und kleinen Kadern, eine im Umbruch begriffene paraguayische Nationalmannschaft und das Staraufgebot des FC Barcelona trainiert. Was ist schwieriger zu leiten, ein Team mit Spielermangel oder eines, bei dem man aus dem Vollen schöpfen kann?
Auf jeden Fall hat man mehr Chancen, erfolgreich zu sein, wenn man aus dem Vollen schöpfen kann. Auch das bringt natürlich komplexe Probleme mit sich, aber sie lassen sich besser bewältigen. Bei einem Mangel gibt es nichts, auf das man zurückgreifen könnte. Wenn nichts da ist, ist eben nichts da. Auf der anderen Seite muss man es verstehen, die Mannschaft zu führen. Man muss dafür sorgen, dass das ganze Team optimistisch bleibt und den Spielern vermitteln, dass jeder Einzelne wichtig ist und eine Rolle spielen wird... Ein Mangel [an Ressourcen] ist fürchterlich, aber er hat auch einen Vorteil: Wenn man einmal eine Spielweise festgelegt hat und alle sich für die Sache engagieren, dann ist die Anerkennung im Erfolgsfall viel größer als bei Teams, in denen es vor Stars nur so wimmelt.

Wie verbessert man eine Auswahl, die bereits in einem WM-Finale stand?*
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Bei uns liegt die Messlatte auf jeden Fall sehr hoch. Die Finalteilnahme war ein wichtiger Erfolg, durch den wir gezwungen sind, auch bei den nächsten Wettbewerben den Anforderungen gerecht zu werden. Tatsache ist allerdings auch, dass der spielerische Weg, den wir einschlagen möchten, sich von dem des letzten Zyklus unterscheidet. Es gibt viel zu tun, denn die Spielweise ist so anders, dass wir natürlich ein Konzept entwickeln müssen. Dabei gilt es viele Spieler einzubinden, die mit der vorherigen Philosophie einen wichtigen Erfolg errungen haben. Es ist sehr interessant, den Wandel und die Entwicklung zu verfolgen, die das Team auf dem Weg zu dieser neuen Spielweise durchmacht.

Kommen wir zu einer ganz konkreten Frage: Welche Rolle messen Sie Standardsituationen in der täglichen Arbeit zu?
Sie spielen eine sehr wichtige Rolle, allerdings nur unter der Prämisse, dass die Spieler auch mit unserer Spielweise vertraut sind. Ich habe noch keine Mannschaft gesehen, die keine Chancen herausspielt und aufgrund von Standardsituationen gewinnt. Innerhalb einer funktionierenden Mannschaft sind Standardsituationen ein Faktor, auf den man Aufmerksamkeit legen sollte. Ich distanziere mich allerdings von denjenigen, die glauben, die Arbeit eines Trainers beschränke sich darauf, für die saubere Ausführung einer Flanke, eines Eckballs oder eines Einwurfs zu sorgen. Das ist nur ein Aspekt der Arbeit eines Trainers.

In den nächsten 18 Monaten haben Sie zwei Auflagen der Copa América, die Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™ und die Olympischen Spiele vor sich. Wie Sie bereits sagten, liegt die Messlatte hoch und man erwartet gute Ergebnisse. Ist es ein Problem für Sie, dass gleich zu Beginn Ihrer Amtszeit so viel von Ihnen erwartet wird?*
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Ob man nun seltener oder regelmäßiger spielt, ein Trainer lebt immer von den Ergebnissen. Gute Resultate sind immer erforderlich, erst recht in Argentinien. Besonders schön wäre es, wenn diese Ergebnisse auf der Basis eines fest verinnerlichten Spielkonzepts zustande kämen, hinter dem wir alle stehen und das wir mit Freude umsetzen, um unsere Gegner zu schlagen. Das Gute an dieser schnellen Abfolge von Turnieren ist, dass ich viel häufiger und regelmäßiger mit den Spielern in Kontakt stehe. Das ist ein großer Vorteil, wenn es darum geht, ein Konzept umzusetzen.

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