FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

14 Juni - 15 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018™

Martinez: "Im Fussball muss man sich immer anpassen"

© AFP

Roberto Martinez avancierte dank seiner Arbeit bei Swansea City, Wigan Athletic und FC Everton in weniger als zehn Jahren zu einem der renommiertesten Trainer der Premier League.  Seit Anfang August ist der 43-jährige Spanier der Nationaltrainer Belgiens. Er löste Marc Wilmots ab, von dem sich der belgische Verband trennte, nachdem die Roten Teufel im Viertelfinale der UEFA EURO 2016, bei der sie zu den Favoriten gehörten, ausschieden.

"Talent alleine reicht nicht aus", erklärt Martinez in diesem Exklusiv-Interview mit FIFA.com. Ein Satz, den auch sein Vorgänger an gleicher Stelle im Dezember 2014 äußerte, und ein Zeichen dafür, dass die belgische Problematik im Grunde die gleiche geblieben ist. Wie stellt man ein Gleichgewicht her, wie erreicht man "das kleine Extra" im mentalen Bereich, damit das kleine Land mit seinen begnadeten Fussballern ein großes Turnier gewinnen kann?

Es gibt Argumente dafür, dass Martinez dies gelingen kann. In wenigen Monaten hat der unermüdliche Arbeiter und feine Taktiker die belgische Auswahl wieder in die Erfolgsspur gebracht. Mit drei Siegen und 13:0 Toren gelang den Roten Teufeln der beste Start aller Teams in die Europa-Qualifikation zur FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™. Im Gespräch mit FIFA.com zieht der Trainer eine erste Bilanz.

*Roberto Martinez, waren Sie überrascht, als der belgische Verband Sie kontaktiert hat?
*
Die Frage war für mich nicht, ob ich überrascht bin oder nicht. Es ging eher darum, zu verstehen, um was für ein Projekt es sich handelte, an dem das neue Verbandskomitee arbeiten wollte. Als für mich alles klar war und ich verstand, welche Vision ihnen vorschwebte, hat mich das in meinem Enthusiasmus bestärkt. Schon der Gedanke, mit der aktuellen Generation arbeiten zu können, hatte mich begeistert.

*Was wussten Sie zu dem Zeitpunkt schon über die Auswahl?
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Die Spieler aus der Premier League kannte ich gut, vor allem Romelu Lukaku, Marouane Fellaini oder Kevin Mirallas, mit denen ich in Everton zusammengearbeitet habe. Auch die Spieler, die in Italien aktiv sind, kannte ich sehr gut. Im Gegensatz dazu wusste ich wenig über die Spieler in Belgien. Ich bin immer noch dabei, sie zu entdecken und sehe mir so viele Spiele an, wie ich kann. Ich bin wirklich beeindruckt von der Qualität der jungen Belgier und möchte ihnen Chancen geben, es in die erste Mannschaft zu schaffen. Ich versuche auch, meine Spieler nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch die Menschen und die Geschichte, die hinter jedem von ihnen steckt, besser kennenzulernen.

*Wie war die Stimmung in der Mannschaft bei Ihrer Ankunft? 
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Die Spieler kennen sich untereinander schon sehr lange. Sie sind zusammen groß geworden und freuen sich, zusammenzukommen und Zeit miteinander zu verbringen. Das ist ein großer Vorteil für mich und erleichtert die Arbeit sehr. Hinzu kommt, dass all diese Einzelkönner einem die Vorbereitung und die Trainingseinheiten leichter machen. Außerdem ist diese Generation sehr stolz darauf, ihr Land zu vertreten. Häufig ist es so, dass die Arbeit in den großen europäischen Klubs so hohe Ansprüche stellt, dass die Nationalmannschaft in den Hintergrund rückt. Diese Spieler aber zeigen einen enormen Enthusiasmus, wenn sie in der Nationalmannschaft zusammentreffen. All dies macht die Arbeit viel angenehmer.

*Sie verfügen auf jeder Position über Weltklassespieler, was wenige Klubs bieten können...
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Das Talent ist vorhanden, aber wie wir alle wissen: Talent alleine reicht nicht aus. Man muss das richtige Gleichgewicht herstellen, sonst kann man leicht in Schwierigkeiten geraten. Es muss auch die richtige Einstellung vorhanden sein, damit Ziele erreicht werden können, die der belgische Fussball zuvor nicht erreicht hat. Das ist schon vielen Ländern passiert, dass sie außergewöhnliche Mannschaften hatten, die kein großes Turnier gewinnen konnten. Es ist sehr wichtig, daran zu arbeiten.

*Wie schätzen Sie die Leistungen Belgiens bei der UEFA EURO 2016 ein, bei der das Team im Viertelfinale gegen Wales ausschied? 
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Ich beschäftige mich nicht mit der Vergangenheit. Ich ziehe es vor, die Gegenwart zu untersuchen, um zu sehen, wie weit wir es bringen können. Bei meinem ersten Spiel als Nationaltrainer gegen Spanien [Freundschaftsspiel im September, das 0:2 verloren wurde, Anm. d . Red.] habe ich sowohl bei den Spielern als auch im Publikum viele Emotionen und Schmerz gespürt. Mir ist sehr klar geworden, dass die enttäuschende Leistung bei der EURO ihre Spuren hinterlassen hat. Dies musste verarbeitet werden. Ich will ein Team haben, das sich auf unsere Ziele konzentriert, und werde nicht zulassen, dass die Vergangenheit unsere Arbeit beeinträchtigt. Wenn ich mir unsere ersten drei Qualifikationsspiele ansehe, macht mich das stolz. Wir sind mit großer Frische an die Sache herangegangen, sehr konzentriert und mit einer sehr guten Einstellung. Die Vergangenheit muss immer als etwas Positives gesehen werden, als eine Erfahrung, die es jedem Spieler ermöglicht, sich zu verbessern. Die Art und Weise, wie die Spieler gemeinsam mit dem Publikum den Sieg gegen Bosnien gefeiert haben, zeigt, dass alle die schlechte Erinnerung an die EURO überwunden haben.

*Sie waren es gewohnt, Ihre Spieler im Verein täglich zu sehen. Vermissen Sie diesen Aspekt?
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Ab dem Moment, in dem man die Natur dieser Arbeit versteht, nicht mehr. Sicher könnte ich bestimmte Aspekte meiner Arbeit im Verein vermissen, aber ich denke lieber positiv und konzentriere mich auf die guten Seiten. Was ich schätze, ist dieses Streben nach Präzision, Klarheit und Konzentration auf die kurzen Zeiträume, über die ich mit den Spielern verfüge. Es unterscheidet sich sehr von der Arbeit im Verein, das ist klar. Aber im Fussball muss man sich immer anpassen und von dem absehen, was man nicht hat.

*Drei Siege, 13 erzielte Tore, kein Gegentreffer - kein Team in Europa ist derzeit besser…
*
Wir haben uns darauf vorbereitet und unser Bestes gegeben. Wir sind zufrieden, wie das Team aufgetreten ist und sich an die verschiedenen Situationen angepasst hat. Aber es waren nur die ersten drei Spiele. Wir konzentrieren uns auf das, was vor uns liegt.

*Über was für ein Potenzial verfügt Belgien Ihrer Meinung nach auf dem internationalen Parkett?
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Die Dinge werden in mehreren Etappen gemacht. Zunächst erfolgt die interne Arbeit, um gut abschätzen zu können, welche Kräfte zur Verfügung stehen. Es muss die bestmögliche Auswahl zusammengestellt werden mit Konkurrenz auf jeder Position. Die taktische Arbeit muss geleistet werden. Erst wenn man das bestmögliche Team aufgebaut hat, kann man damit beginnen, abzuschätzen, wie man im Vergleich mit den anderen dasteht. Das Freundschaftsspiel gegen Spanien war ein guter Test für uns. Es hat uns von Anfang an deutlich gemacht, welche Arbeit noch vor uns liegt. Die Teilnahme an einem großen Turnier ist wieder etwas Anderes. Es herrscht großer Druck, man trägt die Last eines ganzen Landes. Das ist der Grund dafür, dass häufig die gleichen Länder gewinnen. Es ist eine psychologische Frage. Daran werden wir arbeiten müssen, aber momentan sind wir erst in der ersten Phase.

*Bei der letzten FIFA U-17-Weltmeisterschaft konnte man ein sehr gutes belgisches Team sehen, das den dritten Platz erreichte. Was ist das Geheimnis Belgiens, um ständig neue Talente hervorzubringen?
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Zunächst einmal gibt es sehr viele junge Menschen im Land, die Fussball spielen. Die technische Ausbildung ist exzellent. Und es wird in allen Alterskategorien die gleiche Philosophie angewandt, die von Ballbesitz und dem Bestreben, das Spiel zu kontrollieren, geprägt ist. Schließlich sei noch das Bemühen genannt, dafür zu sorgen, dass sich in jeder Generation die Spieler zusammen entwickeln, damit eine gewisse mannschaftliche Geschlossenheit gewahrt wird.

*Thierry Henry hat sich den Ruf eines wahren Fussball-Lexikons erworben, ein sehr akribischer und fleißiger Arbeiter. Ist er der ideale Assistent? 
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Absolut. Er ist ein leidenschaftlicher Fussballfan und ein großer Kenner des Spiels, der sehr auf die Details achtet. Der Fussball ist sein Leben. Was mich aber am meisten beeindruckt hat, ist seine Fähigkeit als Trainer, den Spielern seine Erfahrung zu vermitteln. Das ist sehr wichtig. Nicht alle großen Spieler haben diese Fähigkeit. Thierry hat das von Natur aus. Ich versuche mit meinem Stab alle Bedürfnisse der Spieler abzudecken. Er steuert diese Erfahrung auf höchstem Niveau bei, denn er weiß, was es bedeutet, eine WM oder EURO zu gewinnen. Er weiß auch, was es heißt, etwas zu erreichen, was den früheren Generationen nicht gelungen ist. Thierry ist ein psychologisches Mittel, das wir so oft wie möglich einsetzen.

*Wie ist diese Zusammenarbeit zustande gekommen?
*
Ich kannte ihn nicht wirklich, aber ich habe einen gewissen Draht zu ihm gespürt, als ich Trainer bei Wigan und Everton war und er im englischen Fernsehen als Experte kommentierte. Ich spürte bei seinen Analysen, dass wir die gleiche Fussballphilosophie teilen. Über gemeinsame Bekannte haben wir uns schließlich getroffen und miteinander gesprochen. Ich suchte jemanden, der den Spielern diese Erfahrung vermitteln kann. Außerdem kennt er alle Spieler gut, die in der Premier League aktiv sind. Thierry erschien mir der Beste für diesen Posten, und danach ergab sich alles wie von selbst.

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