FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

12 Juni - 13 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Lizarazu: "Deutschland hat ein gutes Gleichgewicht gefunden"

Bixente Lizarazu, from France
© Others

Bixente Lizarazu hat zwar längst seine professionelle Spielerkarriere beendet, doch aufgrund seiner Tätigkeit in den Medien ist er alles andere als von der Bildfläche des Fussballs verschwunden. Ob im Radio, im Fernsehen oder in den Printmedien: Der französische Weltmeister von 1998 und Europameister von 2000 ist auf sämtlichen medialen Spielfeldern präsent.

Zurzeit befindet er sich in Brasilien und kommentiert für das französische Fernsehen zahlreiche Spiele im Rahmen der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™. Vor dem Finale hat sich der frühere Linksverteidiger der Bleus und des FC Bayern München Zeit für ein Exklusiv-Interview mit FIFA.com genommen.

Bixente, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie Zeuge der bitteren Halbfinal-Niederlage Brasiliens wurden?Da kamen viele verschiedene Gedanken auf. Man kann nicht erklären, was da passiert ist. Eine 1:7-Niederlage im Halbfinale einer WM, das kann man nicht wirklich technisch oder taktisch analysieren. Es hat meiner Meinung nach psychologische und emotionale Hintergründe. Ich glaube, dass bei den brasilianischen Verantwortlichen für diese Weltmeisterschaft einfach übermäßig viele Emotionen beteiligt waren. Die Mannschaft war einem zu großen Druck ausgesetzt, und das war letztendlich ihr Untergang. Das ist die einzige Erklärung, die ich habe. Man hatte das Gefühl, dass es bei dieser Weltmeisterschaft um Leben oder Tod ging. Vor den Spielen, wenn die Nationalhymnen gesungen wurden, in wichtigen Momenten während des Spiels. Es war alles zu überwältigend. Um nach Rückschlägen wieder zurückzukommen, muss man auf höchstem Niveau spielen und einen kühlen Kopf bewahren. Ich hatte das Gefühl, das die Brasilianer das nicht ausreichend umsetzen konnten.

Brasilien hätte es also Ihrer Meinung nach nicht geschafft, den Titel zu holen?Viele kommentieren nach dem Spiel und vertreten die Ansicht, dass diese brasilianische Mannschaft nicht besonders gut war, aber dass sie immerhin gegen Chile und Kolumbien gewonnen hatte. Und das müsse man auch erst einmal schaffen. Natürlich haben Neymar und Thiago Silva in diesem Halbfinalspiel gefehlt, aber es schien, als hätte die gesamte Mannschaft aufgehört, Fussball zu spielen. Brasilien ist mit einem Schlag wie ein Fünftligist aufgetreten. Es war einfach alles zu viel geworden. Der Druck war zu groß, um ein Fussballspiel bestreiten zu können.

Wie kann man sich nach einer solchen Niederlage wieder motivieren und versuchen, das Spiel um Platz drei gegen die Niederlande zu gewinnen?Ich weiß es nicht. Ich war noch nie in einer solchen Situation, die in der WM-Geschichte so gut wie einzigartig ist. Wenn Felipao eine Antwort gehabt hätte, dann hätte er in der Halbzeitpause eine Lösung gefunden, seine Mannschaft wieder aufzubauen. Es ist als hätte sich das über Wochen hinweg angesammelt und als seien immer mehr Dinge dazugekommen, bis es schließlich nach einiger Zeit nicht mehr verdrängt werden konnte und die Nerven versagten. Dem letzten Spiel ist nichts mehr hinzuzufügen. Es wird kein leichtes Spiel werden, und es wird, egal was passiert, die 1:7-Niederlage nicht vergessen lassen.

Welche Qualitäten hat Deutschland bei all dem gezeigt?Die ganze Welt spricht über Brasilien, und natürlich gibt es eine gewisse Fassungslosigkeit aufgrund der extrem großen Unterschiede zwischen den beiden Mannschaften. Doch nach all den Diskussionen muss ich sagen, dass Deutschland ein außergewöhnlich gutes Spiel gezeigt hat. Die Mannschaft hat sich im Verlauf dieser Weltmeisterschaft taktisch außergewöhnlich gut entwickelt. Sie haben nach und nach Lösungen für ihre Problemstellen gefunden, insbesondere was die Abwehrschwächen im Spiel gegen Algerien angeht, in dem Torhüter Manuel Neuer das Weiterkommen der Mannschaft gerettet hatte. Philipp Lahm spielt nun auf der Position des rechten Außenverteidigers, und die beiden defensiven Mittelfeldspieler Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger haben sich von Spiel zu Spiel gesteigert. Meiner Meinung nach ist der Groschen gegen Frankreich gefallen, wozu sicherlich auch die Rückkehr von Mats Hummels in die Innenverteidigung der Abwehrkette beigetragen hat. Deutschland hat ein gutes Gleichgewicht gefunden. Kein Geringerer als Brasilien, der fünfmalige Weltmeister und Gastgeber der WM 2014, ist ausgeschieden, und das lässt die Anerkennung für die Leistung der deutschen Mannschaft fast in Vergessenheit geraten. Aber Deutschland hat es 2002, 2006, 2010 und 2014 mindestens bis ins WM-Halbfinale geschafft.

Wie erklären Sie es sich, dass die deutsche Mannschaft in den letzten Jahren keine Titel gewinnen konnte?Sie haben sehr gute Fussballer in dieser Generation, doch sie haben bislang keinen Titel gewinnen können. Sie hätten es verdient, auch wenn das nichts zu sagen hat. Ich würde sagen, dass sie bei der EM 2012 am nächsten daran waren. Damals haben sie jedoch gegen Italien verloren, weil sie zu gravierende Fehler in der Defensive gemacht hatten. Und das obwohl sie als Favorit gehandelt wurden. Vielleicht waren sie einfach zu besessen davon, schönen Fussball zu spielen. Meiner Meinung nach ist Deutschland, neben Spanien, eine Mannschaft, die kontinuierlich auf qualitativ hohem Niveau zu spielen weiß, der es jedoch auch an einigen Dingen fehlt, wie zum Beispiel an dem Gespür dafür, im richtigen Moment zum Abschluss zu kommen und das Spiel für sich zu entscheiden, wenn es notwendig ist. Sie haben sich im Verlauf dieser WM an viele verschiedene Situationen angepasst, um schließlich gegen Brasilien den taktischen Plan mit Perfektion umzusetzen. Es gibt Tage wie diese, wo man so begnadet spielt, mit Kombinationen, Dreiecksspiel und einem Tor bei fast jedem Torschuss. Diese Mannschaft hätte es verdient, endlich einen internationalen Titel zu gewinnen, nachdem sie schon so oft nur knapp gescheitert ist.

Argentinien gegen Deutschland. Ist das ein Finale, das Ihnen zusagt?Es ist ein sehr interessantes Finale. Argentinien hatte Probleme in der Qualifikation für diese WM. Auch sie haben Probleme in der Defensive, aber wie Deutschland haben sie erkannt, was an der Aufstellung geändert werden musste: Martín Demichelis wurde zum Stammspieler auf der Position des Innenverteidigers, Lucas Biglia kehrte in die Anfangsformation zurück und Javier Mascherano übernahm die Rolle als Chef im Mittelfeld. Das alles hat das Gleichgewicht in der Mannschaft wieder hergestellt. Gegen Belgien haben die Argentinier sehr defensiv gespielt, wie auch gegen die Niederlande, wobei letzteres wohl DAS Defensivspiel schlechthin war. Mit Angel Di Maria mussten sie auf einen sehr wichtigen Spieler verzichten, und es ist noch nicht sicher, ob er im Finale spielen kann. Doch sie haben Lionel Messi in ihren Reihen, der entscheidend war für das Spiel, und der selbst eine großartige Erfolgsgeschichte zu verzeichnen hat. Gonzalo Higuain spielt seit zwei Spielen sehr gut, und Sergio Agüero kommt zurück. Damit ist auch die Offensive gut besetzt. Es ist eine sehr intelligente Mannschaft, die das Spiel verlangsamen und ganz in ihrem eigenen Tempo spielen kann. Argentinien spielt mit Köpfchen und ist kein einfacher Gegner. Die Mannschaft beeindruckt durch ihre Schnelligkeit, ihre Spritzigkeit und der technischen Stärke ihrer Angreifer. Doch besonders beeindruckt bin ich von ihrer Fähigkeit, das Spiel des Gegners zu brechen. Die Niederlande haben quasi gar nicht in ihr Spiel gefunden, auch wenn sie bis dahin als eine der besten Mannschaften dieser WM aufgetreten sind.

*Reden wir ein wenig über die französische Mannschaft. Sind Sie zufrieden mit der Leistung der *Bleus während dieser Weltmeisterschaft? **Es gibt Dinge, die haben mir gefallen, aber ich bin enttäuscht darüber, wie wir ausgeschieden sind, sogar ein wenig frustriert. Ich finde, es hat diesem Spiel an Klasse gefehlt. Das ist wirklich zu bedauern. Gut, Frankreich hat gegen Deutschland gespielt, und das Spiel gegen Brasilien hat gezeigt, zu was die Deutschen fähig sind. Es ist eine erfahrene Mannschaft, die vieles erreicht hat, was Frankreich noch nicht gelungen ist. Entweder hat Frankreich zu reserviert und vorsichtig gespielt, oder die Spieler hatten einfach nicht genug Kondition, aber es hat eindeutig an Ideen gefehlt. In meinen Augen war das Spiel gegen Nigeria das schwierigste, weil wir da als Favorit gehandelt wurden, was gegen Deutschland jedoch nicht der Fall war. Normalerweise ist man dann etwas lockerer und steht unter keinem so hohen psychologischen Druck. Ich hatte das Gefühl, die Mannschaft hätte etwas mehr kämpfen können.

*Wer gefällt Ihnen besonders gut in dieser französischen Mannschaft? *Didier Deschamps. Ich mag ihn sehr, weil er die Richtung und den Ton angibt, sowohl durch seine Wahl der Spieler als auch in seinen Ansprachen. Er weiß genau, welche Mittel er einsetzen und welche Worte er benutzen muss. Er hatte darauf geachtet, dass seine Mannschaft auf dem Boden blieb nach dem 5:2-Sieg gegen die Schweiz. Er brachte wieder Ordnung in alles. Das ist gar nicht so einfach, und er wusste, wie er Dinge rund um die französische Mannschaft beruhigen konnte. Alles war ausgeglichen und es ist ein gutes Gefühl, wenn wieder Normalität einkehrt. Das war eine wichtige und grundlegende Arbeit, die sich in den kommenden zwei Jahren auszahlen wird. Was ich auch sehr schätze, ist seine Klarheit. Er verkauft uns keine Märchen. Er ist ein "Erschaffer", und ich mag diese Mentalität, weil Dinge nicht von heute auf morgen entstehen, und ganz sicher kann man innerhalb von zwei Jahren keine Mannschaft erschaffen, die den Weltmeistertitel gewinnt. In zwei weiteren Jahren, also rechtzeitig zur EM 2016 in Frankreich, sollte diese Mannschaft jedoch solide genug sein.

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