FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Frankreich 1998™

10 Juni - 12 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1998™

Laudrup: "Wir waren ganz nah dran, Brasilien zu schlagen"

© Getty Images

Dänemarks Triumph bei der UEFA EURO 1992 zählt noch immer zu den größte Überraschungen des internationalen Fussballs, denn die Skandinavier waren eigentlich gar nicht für das Turnier qualifiziert, rückten erst in letzter Minute nach und holten dann zum allgemeinen Erstaunen den Titel.

Brian Laudrup, einer der mittlerweile legendären Laudrup-Brüder, zählte zu den Schlüsselfiguren in Richard Møller Nielsens Aufgebot. Nachdem er Dänemark beim FIFA Konföderationen-Pokal 1995 zum Sieg verholfen hatte, zählte er auch zu den Leistungsträgern des Teams, das bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Frankreich 1998™ das beste Ergebnis Dänemarks aller Zeiten erreichte.

Mittlerweile ist der offensive Mittelfeldspieler in seinem Heimatland als TV-Experte bei Kanal 5 tätig. Er nahm sich Zeit für ein Gespräch mit FIFA.com, bei dem es um die erfolgreichste Periode Dänemarks in der Fussballgeschichte ging.

Wenn Sie auf die jüngste Fussballgeschichte Dänemarks zurückblicken, glauben Sie dann, dass der Europameistertitel 1992 Ihnen in den letzten 25 Jahren zu einer gewissen Aura in der internationalen Fussballszene verholfen hat?Ja, ganz sicher. Die Europameisterschaft von 1984 war ein Wendepunkt im dänischen Fussball. Bis dahin waren wir vielleicht nicht unbedingt eine Lachnummer, denn wir hatten viele talentierte Spieler, aber wenn sie nach Hause kamen war eher Feiern als wirkliches Fussballspielen angesagt. Es war die Mentalität eines kleinen Landes. Manchmal haben wir stärkere Teams geschlagen, manchmal haben wir gegen kleinere Mannschaften verloren. Aber als [der deutsche Trainer] Sepp Piontek das Ruder übernahm, veränderte er diese Mentalität. Und er hatte eine sehr gute Mannschaft zur Verfügung. Diese Akteure haben Dänemark bekannt gemacht. Das war das "Dynamite"-Team von 1984 und der WM 1986. Sie waren absolut sensationell. Sie haben wirklich dafür gesorgt, dass die Leute Dänemark und den dänischen Fussball mit anderen Augen gesehen haben.

Und 1992 wurde diese Siegermentalität in die nächste Generation weitergetragen?
Ja, genau. Wir hatten wirklich Schwierigkeiten, diesem Team gerecht zu werden. Aber dann haben wir 1992 alle und sogar uns selbst überrascht. Dieser Erfolg hat uns auch 1998 beflügelt, und wir haben in Frankreich eine sehr gute WM gespielt. Danach kam eine neue Ära mit einer neuen Spielergeneration.

Worauf war dieser überraschende Erfolg Ihrer Meinung nach zurückzuführen?Mein Bruder [Michael] war 1992 nicht dabei, ich glaube, das vergessen einige Leute. Nachdem wir gewonnen hatten, hieß es häufig, wir hätten Glück gehabt und dass unsere Mannschaft eigentlich nicht gut genug gewesen sei. Doch das Erfolgsgeheimnis war, dass wir uns schon so lange kannten, als Spieler und als Menschen. Eine Reihe von Spielern hatte einige Jahre lang bei Brøndby gespielt. Später bestritten wir dann die Olympischen Spiele und viele Akteure waren auch in der U-21-Auswahl. Daher kannten wir uns wirklich sehr, sehr gut. Das war unser Erfolgsgeheimnis.

Wenn Sie sich anschauen, welche Mannschaften wir auf dem Weg zum Titel geschlagen haben, ist das schon beeindruckend. Jetzt treten bei der EURO 24 Teams an, aber damals waren es zwei Vierergruppen. Du durftest also kein Spiel verlieren, wenn du ins Halbfinale einziehen wolltest. Du musstest nur fünf Spiele absolvieren, aber gleichzeitig auch in allen fünf deine Leistung bringen. Für uns war es gut, dass das Turnier so klein war, denn wir waren nicht darauf vorbereitet. Wir waren nicht fit genug [Anm. d. Red.: Dänemark rückte erst kurz vor Turnierbeginn nach der Disqualifikation Jugoslawiens nach]**. Heute hätten wir das Turnier nie gewonnen. Damals waren die Gegner stärker, aber es gab weniger Spiele.

Nach diesem Erfolg gewannen Sie noch eine weitere Trophäe, nämlich den FIFA Konföderationen-Pokal 1995.
Für viele von uns war die EURO 1992 das erste internationale Turnier – und dann gleich ein sehr erfolgreiches. Daher war es sehr interessant für uns, gegen so große Mannschaften wie Argentinien und Mexiko zu spielen. Nielsen sagte, es würde schwerer werden als bei der EURO 92, weil das ganz andere Mannschaften waren. Daher investierte er viel Kraft und Energie in das Turnier. Er wollte wirklich zeigen, dass unser Erfolg von 1992 keine reine Glückssache gewesen war.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich im Jahr zuvor mit [Gabriel] Batistuta gespielt hatte, und er trat dort mit einer sehr talentierten argentinischen Mannschaft an. Irgendwie haben wir es geschafft, sie im Finale 2:0 zu schlagen. Die Leute zu Hause haben wirklich gefeiert. Es war, als hätten wir eine Mini-WM gewonnen, und es war ein stolzer Augenblick für uns. Aber natürlich war uns bewusst, dass es keine Weltmeisterschaft war! Richard Nielsen hat seinerzeit vielleicht mehr Geschichte geschrieben als alle, die vor oder nach ihm am Ruder waren. Das war alles sein Verdienst.

Es wird häufig vergessen, dass Dänemark die Teilnahme an den Weltmeisterschaften 1990 und 1994 verpasst hat. Beide Male fiel die Entscheidung erst am letzten Spieltag.Das war furchtbar. Die Europameisterschaft war unglaublich. Als Däne kannst du nicht erwarten, einen Titel zu gewinnen, aber wir haben es geschafft und das war unfassbar. Aber als Spieler freust du dich natürlich immer auf die Weltmeisterschaft. Ich weiß noch, wie mein Bruder mir von der WM 86 berichtet hat. Das ist einfach eine Erfahrung, die jeder Fussballer der Welt gern machen möchte. Ich habe mir gesagt: 'Wenn ich bei einer WM auflaufen kann, dann habe ich es geschafft'. Die WM 1998 war auf jeden Fall ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde. Vor allem, weil wir in Frankreich eine fantastische WM gespielt haben.

Zählt das Achtelfinale gegen Nigeria, das Ihre Mannschaft 4:1 gewonnen hat, zu ihren schönsten Erinnerungen im internationalen Fussball?
Ja, auf jeden Fall. Wir hatten ein sehr gutes Team. Michael war wieder dabei, nachdem er sich in den ersten Spielen etwas schwergetan hatte. In den Zeitungen stand schon zu lesen, er solle besser auf der Bank bleiben – lächerlich!. Nigeria war für uns alle unglaublich, denn sie waren gegen uns zweifellos in der Favoritenrolle. Sie hatten damals so hervorragende Spieler wie Jay-Jay Okocha, [Tijani] Babangida und [Nwankwo] Kanu und hätten uns an einem guten Tag wahrscheinlich leicht schlagen können.

Der Druck lastete also nicht auf dem kleinen Dänemark, und wir haben unsere Fähigkeiten voll ausgeschöpft und Nigeria überrascht. Das war entscheidend für den Sieg. Sie haben alles versucht, aber sie sind nicht gegen uns angekommen. Wir haben in dieser Partie so gut gespielt, dass wir daran geglaubt haben, dass wir es noch weiter bringen könnten. Das Selbstbewusstsein des Teams war größer als je zuvor.

Mit dem Erreichen des Viertelfinales gegen Brasilien waren sie auf unbekanntem Terrain angelangt. So weit hatte Dänemark es noch nie gebracht. Hatten Sie das Gefühl, Sie hätten nichts zu verlieren?
In den drei Gruppenspielen haben wir gar nicht so gut gespielt. Wir wussten, dass wir wieder angreifen und wie gegen Nigeria ein frühes Wunder vollbringen mussten, um überhaupt eine Chance zu haben. Und dann haben wir nach zwei Minuten ein Tor erzielt. Das war absolut unglaublich und man hat gesehen, dass die Brasilianer geschockt waren.

Dann haben sie natürlich die Aufholjagd gestartet und sind in Führung gegangen, bevor wir den Ausgleichstreffer erzielten. Zu diesem Zeitpunkt waren einige Brasilianer wütend aufeinander, sie stritten sich und hatten tatsächlich einige Probleme. Sie waren erschöpft und ich dachte mir: 'Wir schaffen das. Das wird die größte Überraschung aller Zeiten.' Leider hatten sie aber mit Rivaldo einen der besten Spieler der damaligen Zeit in ihren Reihen.

Ihr Jubel [oben im Bild zu sehen] nach dem Ausgleichstreffer zum 2:2 gegen Brasilien gehört zu den legendären WM-Bildern der dänischen Mannschaft. Wie kam es dazu?
Mein Sohn sagte vor dem Spiel zu mir: 'Wenn du ein Tor schießt, kannst du dann etwas Außergewöhnliches machen? Sonst rennst du nach einem Tor immer nur zurück zu eurem Tor. Mach doch mal etwas Besonderes!' Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie ich den Ball ins Netz gejagt habe und nun etwas machen musste. Dann ist dieser Torjubel dabei herausgekommen. Ich weiß nicht, wie ich darauf gekommen bin, aber mein Sohn war ziemlich angetan davon. Ich hatte den Ausgleichstreffer gegen eine der weltbesten Mannschaften erzielt und damit die Chance auf den Halbfinaleinzug gewahrt – wir waren so nah dran! Im Alltag denke ich nicht darüber nach, aber bei Interviews wird das alles wieder lebendig. Das sind die großen Momente in einer Karriere, die man nie vergisst. Darum geht es im Fussball.

Mehr zu diesem Thema erfahren

Empfohlene Artikel

FIFA Weltmeisterschaft™

Hareide: Dänemark-Job eine ideale Herausforderung

08 Feb 2016

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Rivaldo führt Brasilien ins Halbfinale

06 Mrz 2014

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Laudrup: Mein Lieblings-Brasilianer

04 Okt 2013