FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™

9 Juni - 9 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™

Kuhn: "Fürchten uns nicht vor den Großen"

Zum achten Mal hat sich die Schweiz für eine FIFA Fussball-Weltmeisterschaft qualifiziert. Im November letzten Jahres setzten sich die Eidgenossen im entscheidenden Relegationsspiel gegen die Türkei durch und konnten nach 1994 wieder das Ticket zu einer WM-Endrunde lösen. FIFAworldcup.com unterhielt sich mit Nationaltrainer Jakob "Köbi" Kuhn über die Chancen seines Teams bei der FIFA WM 2006™.

Herr Kuhn, Anfang März haben Sie Ihr bislang einziges Testspiel gegen Schottland bestritten und dort mit 3:1 gewonnen. Sind Sie zufrieden mit Ihrer Mannschaft?

Ja, ich bin sehr zufrieden. Wir sind mehr oder weniger im Fahrplan.

Sie haben bis zur WM kaum noch Vorbereitungsspiele, um Ihre Mannschaft zu testen. Ist das ein Problem?

Es gibt ja keine geschützten Termine mehr. Und bei uns spielen bis auf wenige Ausnahmen alle im Ausland - in England, Frankreich, Italien oder Deutschland. Also lassen wir das lieber bleiben und konzentrieren uns auf die Vorbereitung im Mai und Juni. Die Spieler spielen in ihren Klubs, da hole ich mir schon Informationen, aber bis Mai werden wir nicht mehr zusammen sein.

Wie sieht es bei den Yakin-Brüdern aus?

Murat Yakin hat ja seit dem Qualifikationsspiel gegen Israel im Herbst 2004 nicht mehr gespielt. Das wird nichts mehr. Hakan ist auch eine „Never ending Story". Ich sehe da eigentlich auch eher schwarz für ihn. Aber da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Er war auch sehr lange verletzt, hat dazwischen mal einige Minuten gespielt, ist aber dann wieder verletzt ausgeschieden. Das wird schwierig.

Sie haben noch nie so viele Spieler im Ausland gehabt wie vor dieser WM. Ist das ein Vorteil für die Nationalmannschaft der Schweiz?

Für uns, die Nationalmannschaft, ist es ein Vorteil. Diese Spieler bringen den Rhythmus der großen Ligen mit. Es ist eher ein Problem für die Klubs ,die diese Spieler verlieren. Aber das ist unsere Realität. Wir sind ein Fussballland der Ausbildung, und wenn ein guter Junger geht, dann hat der nächste die Chance. Wir müssen das auch positiv sehen. Was die Liga betrifft, so dürfen wir nicht jammern, wir müssen den Weg weiter gehen und den Jungen die Möglichkeit geben, zu spielen.

Sie haben sehr viele junge Spieler im Team, die noch unter 21 sind, wie beispielsweise Senderos, Behrami und Vonlanthen. Wie bewerten Sie das?

Das werde ich sehr oft gefragt. Wir hatten im Spiel gegen Schottland eine Mannschaft auf dem Platz, die im Schnitt nicht einmal 23 Jahre alt war. Es ist nicht Programm, die jüngste Mannschaft zu haben. Die spielen ja nicht in der Nationalmannschaft, weil sie jung sind, sondern weil sie gut sind.

Sie haben mit Frankreich schon wieder einen Gegner in Ihrer Gruppe, den Sie nur allzu gut kennen aus der Qualifikation und von der Europameisterschaft 2004...

Ja, Raymond Domenech und ich haben uns angeschaut und gesagt "Schon wieder". Aber man kann es ja nicht ändern. Wir kennen uns, und es ist mal wieder eine neue Chance, einen Großen zu schlagen.

Wie bewerten Sie die Gruppe, mit Frankreich, Togo und der Republik Korea? Wie sehen Sie Ihre Chancen?

Wir dürfen nicht mehr damit zufrieden sein, nur dabei zu sein. Wir wollen die nächste Runde erreichen. Diese Gruppe ist nicht einfach zu spielen, aber unser Ziel ist es, weiterzukommen. Und dann sehen wir weiter.

Die Schweiz hat eine gute Qualifikation gespielt, hat überzeugende Spiele gemacht. Wie schätzen Sie Ihre Mannschaft ein?

Wir haben uns gefestigt, die Spieler sind selbstbewusst. Gerade die Jungen haben gelernt, dass man die Großen schlagen kann. Wir haben mit der U-17 bis U-21 die großen Nationen wie Italien, Deutschland, England oder Frankreich geschlagen. Die fürchten sich nicht vor den Großen. Man hat uns immer den Komplex - vielleicht auch zurecht - angedichtet, dass wir zuwenig selbstbewusst auftreten. Aber die Jungen beweisen das Gegenteil.

Sie haben eine sehr junge Mannschaft für die WM in diesem Jahr, die aber in den nächsten zwei Jahren noch reifen wird. Was bedeutet das für die Europameisterschaft 2008 im eigenen Land?

Es ist ja mittlerweile kein Geheimnis mehr, dass ich vor drei Jahren intern ein Papier verfasst habe, mit dem Titel "Die Schweiz - Europameister 2008". Für mich war die Entwicklung der jungen Spieler damals schon abzusehen, dass wir 2008 wirklich eine Mannschaft stellen können, die um diesen Titel mitspielen will. Dass es schon 2006 für die Qualifikation gereicht hat, und wir heute darüber sprechen, was unsere Ziele sind, das war vor drei Jahren noch nicht absehbar. Das, was jetzt alles passiert ist, ist eine positive Entwicklung für uns.

Der Empfang nach der Qualifikation gegen die Türkei war riesig in Zürich. Wie kann man diese positive Stimmung mit nach Deutschland nehmen?

Es ist eine wahre Nationalmannschafts-Euphorie entstanden, das spürt man tagtäglich. Es ist der Verdienst der Spieler, aber auch ein Verdienst in anderem Sinne. Denn es ist zugleich auch etwas, was sich keiner kaufen kann, nämlich die Anerkennung. Unser Ziel muss es sein, allen Leuten diese Freude, diese Glücksgefühle zu bereiten. Ich sage immer, einem schwer reichen Mann kann man als Geschenk nur etwas geben, was man sich nicht kaufen kann. Und genau in dieser Situation befinden wir uns. Die Spieler verdienen heute sehr gutes Geld in ihren Klubs. Dass sie geliebt werden, viele Menschen glücklich machen und Anerkennung erfahren, das ist unsere Aufgabe. Und dann wird das mit der Zeit zur Verpflichtung, zur Verantwortung.

Was bedeutet es für Sie, dass die WM in Deutschland gespielt wird?

Das ist eine ganz phantastische Situation. Deutschland ist mit Brasilien die größte Fussballnation der Welt. Sie liegt vor unserer Haustür, das war ohnehin eine Herausforderung für unsere Spieler, hier dabei zu sein. Es ist sicherlich auch großartig, in Japan oder in den Vereinigten Staaten dabei zu sein. Aber in Deutschland mitspielen zu dürfen, ist das Größte für die Spieler und natürlich auch für uns.