FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

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12 Juni - 13 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Japan in Brasilien: Als wäre man zu Hause

Die 165 japanischen Familien, die am 28. April 1908 an Bord des Schiffes Kasato Maru gingen, wussten nicht wirklich, was sie 50 Tage später am Ziel ihrer Reise erwarten würde. Eines wussten sie allerdings: Sie traten diese Reise an, um zu arbeiten. Viel zu arbeiten. Und zwar nicht nur sie, sondern die insgesamt fast 180.000 Japaner, die bis 1940 im Hafen von Santos von Bord gingen.

Die Geschichte der japanischen Immigration nach Brasilien geht in groben Zügen auf folgendes Szenario zurück: Ein Land, in dem dringend Arbeitskräfte benötigt werden, nimmt Menschen auf, die ihre Heimat aus unterschiedlichen Gründen – sei es nun ein Krieg oder eine demographische Krise – verlassen möchten. Es ist eine Geschichte, in der die Gastfreundschaft und Flexibilität der Brasilianer auf der einen und der große Arbeitseinsatz und die Disziplin der Japaner auf der anderen Seite der Gleichung stehen. Diese Symbiose war so perfekt, dass das Zusammenwirken der beiden Bevölkerungsgruppen bald auch auf andere Bereiche übergriff. Nach einigen Generationen gliederten sich die Immigranten so gut ein, dass es am Ende Japaner gab, die brasilianischer waren als die Brasilianer selbst. Manchmal sogar im Fussball.

Nehmen wir als Beispiel einmal Ronaldinho. Stellen Sie sich die für ihn so charakteristischen Dribblings vor, bei denen er den Ball mit dem Außenrist des Fußes zuerst auf eine Seite zu befördern scheint und ihn dann auf halbem Wege plötzlich auf die andere Seite schiebt. Man nennt die Technik auch Elástico, das ist die portugiesische Bezeichnung für "Gummiband", denn es wirkt so, als werde der Ball von einem unsichtbaren Gummiband bewegt. Wo hat er sich diese Technik wohl abgeschaut? Von Roberto Rivellino vielleicht? Ja, sicherlich, aber der Erfinder dieser schönen Technik ist ein anderer. Das Patent dafür hat Sérgio Echigo, ein sogenannter Nisei, also ein Sohn japanischer Immigranten, der in den 60er Jahren für Corinthians spielte. "Bei einem Probetraining sicherte er sich den Ball auf der Flanke und fing an so zu dribbeln. Er drängte Eduardo, einen unserer Abwehrspieler, fast bis hinter die Auslinie ab", erinnert sich Rivellino Jahre später. "Ich starrte ihn überrascht an: 'Hey, Japaner, was ist das, was du da machst?!' Und dann hat er es mir gezeigt. Echigo sagt immer, er hätte den Elástico zwar erfunden, aber ich hätte ihn perfektioniert", scherzt der Star, der 1970 mit Brasilien Weltmeister wurde.

Es geht auch in die andere RichtungUnd wenn die japanische Immigration nach Brasilien am Ende eine neue Dribbeltechnik für den Fussball brachte, warum sollte sich dann die brasilianische Immigration in das asiatische Land auf den Export von Talent und Kreativität beschränken? Als die Kashima Antlers Zico im Jahre 1991 zu ihrem großen Botschafter machten – zu ihrem und dem der gesamten im Entstehen begriffenen J.League – war der Hauptgrund natürlich die Tatsache, dass der Fussball in Brasilien einen so hohen Stellenwert einnimmt. Aber auch in diesem Fall kamen beide Seiten so gut miteinander klar, dass sich aus dieser Zusammenarbeit schließlich mehr entwickeln sollte. Wenn der Brasilianer heute in Kashima mit zwei Statuen und einem Minimuseum geehrt wird, dann liegt das sicher auch daran, dass er zwei Dinge gefördert hat, für die eigentlich die Japaner bekannt sind: Strenge und Organisation.

"Mir war klar, dass sie wollten, dass ich spiele, aber ich wusste nicht, ob ich das schaffen würde. Ich habe deutlich gemacht, dass ich aufhören wollte und die Absicht hatte, noch andere Dinge zu tun. Immerhin war ich schon 38. Als ich damals ins Land kam, wollte ich nur einen Beitrag zum Übergang vom Amateurfussball zum Profifussball leisten. Das war das Ziel. Aber die japanische Kultur, die Disziplin, das Überwinden von Schwierigkeiten, die Entschlossenheit, das alles entsprach ganz meinem Temperament, und so ist diese Beziehung ganz natürlich zustande gekommen. Ich habe das Vertrauen der Leute gewonnen, offene Türen vorgefunden und wir haben es geschafft den Fussball im Lande einen großen Schritt voranzubringen", berichtet Zico im Gespräch mit FIFA.com. "Letztendlich wurde ich nur wegen der Leute Trainer der japanischen Nationalmannschaft [von 2002 bis 2006]. Weil sie mir so dankbar waren. Da konnte ich einfach nicht ablehnen. Ich habe dort im Alltag abseits des Spielfelds die japanische Kultur hautnah erlebt und mich in diesem Land sehr wohl gefühlt. Das war die bestmögliche Erfahrung für den Start in meine Trainerlaufbahn."

Meine Heimat, deine Heimat… Heimat ist für uns alle daAuch wenn sich Japaner und Brasilianer traditionell sehr gut verstehen, sollte man nicht ignorieren, dass es auch gravierende Unterschiede zwischen den beiden Ländern gibt – sowohl in der Kultur als auch im Fussball. Um diese Differenzen und ihre Überwindung geht es in den nachfolgenden beiden Geschichten. Dabei ist es schwer zu sagen, wer die kniffligere Mission hatte: Der Brasilianer Ruy Ramos, der sich in einem Land wiederfand, in dem der Fussball nahezu Amateurcharakter hatte, oder der erste Japaner, der einen Arbeitsplatz in einem Bereich suchte, in dem Brasilien selbst über die qualifiziertesten Arbeitskräfte verfügt.

Beginnen wir mit Letzterem. Kazuyoshi Miura zog 1982 im Alter von 15 Jahren aus Shizuoka nach São Paulo und wurde in die Nachwuchsabteilung von Juventus aufgenommen. Später erfüllte er sich dann seinen großen Traum und wurde Fussballprofi in Brasilien, und zwar auf hohem Niveau, denn er spielte sogar für einen Spitzenverein wie den FC Santos. Das dürfte alles andere als einfach gewesen sein für jemanden, der aus einem Land kam, dem es damals nachweislich an der Fussballtradition mangelte, auf die man in Brasilien so stolz war. "Ich war jung. Ich war 21 Jahre alt, als ich bei Santos landete, und habe viel gelernt – auf dem Spielfeld und abseits davon", berichtete Kazu in perfektem Portugiesisch, als er 2011 als Botschafter des FC Santos in Japan vorgestellt wurde. Damals bestritt der Verein dort die FIFA Klub-Weltmeisterschaft. "Bis heute bin ich dankbar für die große Zuneigung, die mir die Fangemeinde des FC Santos noch immer entgegenbringt."

Im Fall von Ruy Ramos waren die Probleme andere, aber auch er wurde warmherzig aufgenommen. Ramos baute eine noch dauerhaftere und stärke Beziehung zu seiner neuen Heimat auf. "Ich kam 1977 im Alter von 20 Jahren nach Japan. Damals gab es dort fast nichts. Sie hatten eine Amateurliga und Plätze aus festgestampfter Erde. Zu essen gab es Sushi. So war mein Leben", meint er gut gelaunt im Interview mit FIFA.com.

"Aber ich habe mich daran gewöhnt. Oder besser gesagt: Ich habe mich verliebt. Meine Heimat ist Japan. Ich bin Japaner", so Ramos, der sich die japanische Flagge auf die Schulter tätowieren ließ. Er berichtet, wie er die Sprache erlernt und 1988 die japanische Staatsbürgerschaft angenommen hat. Er hat für die Nationalmannschaft seiner Wahlheimat gespielt und ist nie länger als für ein paar Wochen Urlaub nach Brasilien zurückgekehrt. All dies erklärt er natürlich mit dem unverwechselbaren Akzent und der Gestik der Menschen aus Rio de Janeiro.

Die entspannte Beziehung zwischen den beiden Kulturen wird noch einmal in den Vordergrund treten, wenn die japanische Nationalmannschaft im Juni dieses Jahres bei der FIFA WM in Brasilien antritt. Der amtierende Asienmeister wird dann nicht nur sein Land vertreten, sondern auch für 1,5 Millionen Japaner in Brasilen, der größten Bevölkerung der im Ausland lebenden Japaner auf der Welt, spielen. "Das ist zweifellos eine Zusatzmotivation für unsere Jungs, aber auch eine Verantwortung. Das ist ein wenig, als wäre man zu Hause", erzählte Japans Trainer Alberto Zaccheroni FIFA.com.

Inzwischen ist seit den ersten Immigrationsbewegungen zwischen den beiden Ländern viel Zeit vergangen, und der japanische Fussball hat sich entwickelt. Eines ist jedoch gleich geblieben: Bei der Ankunft in Brasilien ist das Gefühl immer noch dasselbe wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das ist ein wenig, als wäre man zu Hause.

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