FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

14 Juni - 15 Juli

FIFA Weltmeisterschaft™

Ivanov: "Das härteste Spiel meiner Karriere"

© Getty Images

"In der zweiten Hälfte haben wir keinen Fussball gespielt, das war das reinste Chaos." So äußerte sich der ehemalige niederländische Nationaltrainer Marco van Basten unmittelbar nach einem Spiel vor zehn Jahren bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™.

Portugal gegen die Niederlande, das galt vielen schon als vorweggenommenes Endspiel der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™: Zwei Fussball-Supermächte mit dem Anspruch auf den Titelgewinn trafen schon im Achtelfinale aufeinander. Das Spiel sollte tatsächlich in die Geschichte eingehen, allerdings nicht aus sportlichen Gründen. Vielmehr war die Partie so hart und unbarmherzig geführt, dass der russische Schiedsrichter Valentin Ivanov gezwungen war, 16 Gelbe Karten zu ziehen und vier Platzverweise zu erteilen – Rekord für ein Spiel bei einem FIFA-Turnier.

Rafael van der Vaart, einer der fünf verwarnten niederländischen Akteuren in einem Spiel, das als Schlacht von Nürnberg bekannt wurde, gab später an, "noch nie ein so dreckiges Spiel erlebt" zu haben.

Dabei lieferte Mark van Bommel schon nach zwei Minuten einen Vorgeschmack auf das, was kommen sollte, als er für ein Foul die Gelbe Karte sah. Gerade einmal fünf Minuten später landete Khalid Boulahrouz im Notizbuch des Schiedsrichters. Er hatte Cristiano Ronaldo gefoult. Noch vor der Halbzeitpause musste dieser später verletzungsbedingt vom Platz. Die gesamten ersten 45 Minuten über herrschte auf dem Feld eine angespannte Atmosphäre. Kurz vor dem Pausenpfiff leistete sich Costinha ein gelbwürdiges Handspiel und weil es seine zweite Verwarnung war, kam er nicht wieder aus der Kabine. Nach dieser gab es noch drei Hinausstellungen: Boulahrouz, Deco und Giovanni van Bronckhorst wurden vorzeitig zum Duschen geschickt. Angesichts der sich überschlagenden Ereignisse geriet der Siegtreffer durch den Portugiesen Maniche fast zur Nebensache.

Als "enges Spiel, in dem es manchmal zu rau zuging", ordnete Luiz Felipe Scolari die Begegnung nach dem Schlusspfiff ein. "Aber es war doch auch ein schönes Spiel mit Chancen auf beiden Seiten. Für mich war es das erste Mal in meinen dreieinhalb Jahren als portugiesischer Nationaltrainer, dass gleich zwei meiner Spieler vom Platz gestellt wurden."

Portugals Verteidiger Fernando Meira sah es ähnlich: "Es war ein Schlagabtausch, an dem Spieler und Fans ihren Spaß hatten. Den Druck und die Emotionen werde ich nie vergessen."

Der Unparteiische, der alles unter Kontrolle zu halten versuchte, hieß Valentin Ivanov. Der Schiedsrichter war damals 44 Jahre alt und es war sein letzter Auftritt als Leiter eines Länderspiels. Es war zugleich eines seiner schwierigsten, vielleicht sogar das schwierigste überhaupt. Denn in einem Interview mit FIFA.com ein Jahrzehnt später sagt der Russe: "Man kann getrost davon ausgehen, dass dies das härteste Spiel meiner Karriere war. Ich hatte sowohl in Russland als auch in internationalen Wettbewerben schon viele Spiele mit den unterschiedlichsten Situationen geleitet. Aber die Atmosphäre, die bei diesem Spiel herrschte, war ganz anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte."

Hatten Sie, als Sie sich auf das Spiel vorbereitet haben, eine Ahnung, wie giftig es zugehen würde?
Ich habe mich auf ein extrem intensives Spiel vorbereitet. Es war bekannt, dass sich sowohl die Niederlande als auch Portugal den Titelgewinn zum Ziel gesetzt hatten. Ein Aus im Achtelfinale kam also für beide nicht in Frage.

Wie kam Ihrer Meinung nach diese Aggressivität ins Spiel?
Das wüsste ich selbst gern. Ich würde die Spieler gern fragen, warum sie so schnell auf 180 waren. Es gibt Situationen in einem Spiel, da bringen Schiedsrichterentscheidungen erst Schärfe hinein – wenn man den Spielern im Zweikampf zu viel durchgehen lässt zum Beispiel. Allerdings glaube ich in diesem Fall nicht, dass die Grundstimmung im Spiel etwas mit meinen Entscheidungen zu tun hatte.

Welcher Augenblick war denn der schwierigste für Sie?*
*
Auch nach zehn Jahren habe ich mir das Spiel nicht noch einmal angesehen, daher erinnere ich mich nicht mehr an die Einzelheiten. Was ich allerdings sagen würde, ist: Man kann solche Begegnungen unmöglich im Voraus planen. Man muss sich dem Spiel und seinem Verlauf anpassen und Situationen neutralisieren.

Wie war es, buchstäblich zwischen den Fronten zu stehen?
Ich war ja sehr erfahren und ich wusste, dass es in einer so aufgeladenen Drucksituation wichtig ist, bloß nicht irgendwie einseitig zu pfeifen, sonst sagt am Ende noch jemand, der Sieg kam durch Fehler des Unparteiischen zustande. Wenn man einen Spieler einer Mannschaft verwarnt, muss man Spieler der anderen Mannschaft für vergleichbare Vergehen ebenfalls verwarnen. Bis zu einem gewissen Grad ist mir das gelungen. Zum Grübeln blieb mit während des Spiels auch gar keine Zeit. Ich habe mir nur immer wieder gesagt, ich muss einen kühlen Kopf bewahren und genau aufpassen, welche Entscheidungen ich treffe. Zudem wusste ich ja, dass auch dieses Spiel irgendwann ein Ende haben würde.

Wie war es nach dem Schlusspfiff?
Überraschenderweise herrschte mit dem Schlusspfiff sofort Ruhe, als sei nichts geschehen. Ich pfiff ab und es war still. Das war's, danke fürs Kommen! Alle Spieler waren vollkommen ruhig, niemand beklagte sich. Selbst die Spieler, die ich vom Platz gestellt hatte, waren die Ruhe selbst. Eine weitere Überraschung waren die Gespräche mit Fans am Flughafen, als ich auf dem Heimweg war. Man glaubt es kaum, aber viele fanden das Spiel trotz der ganzen Härte toll und waren enttäuscht, dass es keine Verlängerung gegeben hatte.

Welche Erinnerungen haben Sie an die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ im Allgemeinen und diese Begegnung im Besonderen?
Den Schiedsrichtern geht es ähnlich wie den Mannschaften. Sie können sich nicht den Luxus erlauben, die Partyatmosphäre bei einer WM so zu genießen wie die Fans. Im Gegensatz zu den Zuschauern müssen die Offiziellen ihre Anspannung vollkommen im Griff haben. Wir denken fortwährend an die Spiele und unsere Aufgabe. Aber natürlich träumt jeder, der etwas mit Fussball zu tun hat, davon, einmal bei einer Weltmeisterschaft dabei zu sein. Das ist für jeden der Karrierehöhepunkt. Insofern kann ich sagen, ich bin glücklich und stolz, das erreicht zu haben.

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