FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Katar 2022™

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21 November - 18 Dezember

FIFA Weltmeisterschaft™

Imorou: Der lange Weg nach Benin

Die Nationalmannschaft - welch eine Freude, in die Heimat zu kommen, die Familie wieder zu sehen, eine vertraute Kultur vorzufinden! Jeder Spieler, der zu seiner Nationalmannschaft reist, kennt dieses schöne Gefühl. Besonders dann, wenn er bei einem Klub unter Vertrag steht, der viele tausend Kilometer entfernt beheimatet ist. Nun ja, sagen wir fast jeder Spieler. Denn als Emmanuel Imorou zum ersten Mal in die Nationalmannschaft Benins berufen wurde, hatte er noch nie einen Fuß auch nur auf afrikanischen Boden gesetzt.

Erst im Dezember 2009 setzte sich der im französischen Bourges geborene Sohn eines Beniners und einer Französin erstmals in ein Flugzeug nach Cotonou. Auf den damals 21-Jährigen wartete das größte Abenteuer seines Lebens. "Ich kam am Flughafen an, in einem Land, das ich nicht kannte; auf einem Kontinent, den ich nicht kannte. Es war drückend heiß", beschreibt Imorou seine ersten Eindrücke gegenüber FIFA.com. "Ich wurde ins Hotel gefahren und auf dem Weg dorthin überkam mich ein Gefühl vollkommener Fremdheit. Ich begann zu begreifen, was dieses Land ausmacht. Denn allein die Straße war eigentlich keine Straße. Es war eine nicht asphaltierte Piste. Im Verlauf der Fahrt fielen mir dann zudem die weitgehend armen Leute auf. Am Anfang war es schwierig. Ich war schlicht und einfach entwurzelt", gibt er ehrlich zu.

Denn so stolz er auch ist, das Trikot des Landes seines Vaters zu tragen: Der Linksverteidiger von Caen ist sich sehr wohl bewusst, dass er Leben und Ausbildung in Frankreich verbracht hat. "Ich war noch nie zuvor in Benin gewesen und hatte keine sonderlich Bindung zu diesem Land", sagt der heute 27-Jährige entsprechend. "Deshalb habe ich mir auch Zeit gelassen, die Einladung zur Nationalmannschaft anzunehmen." Kontaktiert hatte der Verband von Benin ihn bereits, da war er noch nicht einmal Profi. "Aber ich habe mich nicht bereit gefühlt, in ein Land zu gehen, das ich nicht kannte. Ich wusste nicht, ob ich ein Recht habe, in dieser Nationalmannschaft zu spielen", erklärt Imorou. "Erst als ich mich etabliert hatte und Stammspieler im Verein war, habe ich mir das zugetraut. Ich bereue nicht, dass ich gewartet habe, denn eine Nationalmannschaft, besonders eine afrikanische, hat ihre Eigenheiten, ist sehr aufregend. Da gibt es immer Widrigkeiten, die es in Europa so nicht gibt. Es erfordert mentale Stabilität, das anzunehmen."

Der Boden der Tatsachen
"Es" beinhaltet beispielsweise die völlig unterschiedliche Auffassung von Pünktlichkeit in Afrika und in Europa. Das musste Imorou schon beim ersten Treffen mit der Nationalmannschaft feststellen, als er vom Hotel aus nach Angola zum CAF Afrikanischen Nationen-Pokal 2010 fliegen wollte. "Ausgemacht war, dass wir uns um 6:00 Uhr im Foyer treffen und zum Flughafen fahren. Ich bin sehr pünktlich und war um 5:45 Uhr da. Aber sonst niemand", erinnert er sich lachend. "6:00 Uhr – immer noch niemand. 6:10 Uhr, 6:15 Uhr … die Zeit verging, ohne dass sich jemand blicken ließ. Im ganzen Foyer nur zwei Personen! All anderen schliefen noch. Schließlich bin ich wieder auf mein Zimmer gegangen, aber alle halbe Stunde wieder runter ins Foyer gelaufen, damit ich bloß nicht die Abfahrt verpasse. Immer noch niemand! Abgefahren sind wir dann schließlich gegen zwei Uhr nachmittags!"

Aber auch die anderen, so gar nicht lustigen Seiten Afrikas lernte Imorou kennen. Zum Beispiel die prekäre Sicherheitslage, die auch vor dem Fussball nicht Halt macht. So wurde etwa der Mannschaftsbus von Togo kurz vor Beginn des Afrikanischen Nationen-Pokals in Cabina beschossen. Imorou wird ernst, wenn er davon erzählt. "Wir befanden uns zu diesem Zeitpunkt gerade in der Luft, daher haben wir erst nach der Landung bzw. ich persönlich durch besorgte Nachrichten meiner Frau auf der Mailbox von dem Anschlag erfahren", erinnert er sich. "Wir haben dann im Mannschaftskreis darüber gesprochen und entschieden, zu bleiben und zu spielen, aber das Mannschaftshotel haben wir nur zu den Trainingseinheiten und zu den Spielen verlassen. Die Stimmung war sehr bedrückt."

Die andere große Entdeckung für Imorou war die seiner Herkunft. Mit jedem Länderspiel kommt der Verteidiger aus der Normandie dem Alltag in Benin näher. Und er lernt, wie fussballbegeistert die Menschen dort sind. "Es gibt viele Leute, die in Armut leben. Es ist schwer, das sehen zu müssen und schwer zu akzeptieren", gibt er zu. "Ich habe meine Zeit gebraucht, um mich einzugewöhnen und Benin kennen zu lernen. Heute verstehe ich das Land. Wenn ich ins Stadion gehe und sehe, wie viele Leute dort sind, die außer Fussball nicht viel haben, dann gibt mir das Kraft und Motivation. Ich weiß, was ich Ihnen bedeute und ich versuche, auf meine Weise zu helfen. Beispielsweise, indem ich mein Trikot verschenke. Diese kleinen Gesten bereiten große Freude. Manchmal helfe ich auch finanziell, wenn es möglich ist."

Ein schwieriger Weg
Das größte Geschenk freilich, das Manu und Co. ihren Landsleuten machen könnten, wäre eine Qualifikation für die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™. In der zweiten Runde des Ausscheidungsturniers in der Afrika-Zone trifft Benin als Außenseiter auf Burkina Faso. An Ehrgeiz mangelt es indes nicht. "Wir wissen, dass es schwierig ist, aber nicht unmöglich", versichert Imorou. "Es gab schon andere 'kleine' afrikanische Mannschaften, die die Qualifikation geschafft haben, zum Beispiel Togo oder Angola 2006. Und wenn denen das gelungen ist, warum nicht auch uns?"

Angesichts interner Konflikte und permanenter organisatorischer Probleme machen sich Imorou und die anderen Nationalspieler Benins allerdings auch nichts vor. "In Bezug auf die Nationalmannschaft ziehen einfach nicht alle zum Wohle des Fussballs an einem Strang. So haben wir, wenn anderswo Länderspielpause ist, beispielsweise kaum je Freundschaftsspiele", erklärt der Verteidiger, der 2012 nach einem Gastspiel bei Sporting Braga in Portugal nach Frankreich zurückgekehrt ist. "Es ist schwierig, wenn man nur zu Punktspielen zusammenkommt, weil wir uns nicht einspielen können. Hinzu kommen organisatorische Probleme etwa mit den Prämien oder auch, wenn es um so einfache Dinge wie Flugtickets geht. Das mögen Kleinigkeiten sein, aber sie sind wichtig, wenn die Mannschaft im Topzustand sein soll. Wer zur Nationalmannschaft reist, tut das, um Fussball zu spielen und nicht, um sich den Kopf über administrative Dinge zu zerbrechen."

Imorou hofft, dass sich zumindest einige dieser Probleme mit dem ehemaligen Nationalmannschaftskapitän Oumar Tchomogo als neuem Trainer lösen werden. "Er kennt sowohl den afrikanischen als auch den europäischen Fussball gut und er hat das Ansehen, um auf Verband und Ministerium Druck auszuüben, uns zu vertreten und klar zu formulieren, was wir brauchen", glaubt der Mann aus Caen. "Wenn sich heute zeitnah etwas verbessert, dann, weil wir gute Spieler haben, die auf bessere Tage hoffen lassen."

Vielleicht muss sich Imorou also in gewisser Weise noch einmal entwurzeln und eine neue Kultur entdecken ... in Moskau.

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