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14 Juni - 15 Juli

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Ikeme: "Im Bus singen einfach alle mit"

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Von Onitsha in Nigeria nach Birmingham in England sind es mehr als 5.000 Kilometer. Diese lange Reise trat Carl Ikemes Vater einst an, um das Universitätsstudium zu absolvieren, das er sich wünschte. Etwas mehr als 30 Jahre später macht Ikeme Junior die lange Reise in die andere Richtung, um für Nigeria zwischen den Pfosten zu stehen.

Der Torhüter der Wolverhampton Wanderers sammelte ganz neue Erfahrungen und erlebte eine völlig andere Atmosphäre in der Kabine, im Team und unter den Fans, wie er im Vorfeld des WM-Qualifikationsduells der Schützlinge von Trainer Sunday Oliseh gegen Swasiland gern gegenüber FIFA.com erzählte. In diesem Exklusiv-Interview spricht Ikeme über seine Rolle als Nachfolger des legendären Vincent Enyeama, seinen Einstand als Neuling und den Weg zurück zu seinen Wurzeln.

Berti Vogts hatte Sie 2007 schon einmal in den nigerianischen Kader berufen, doch erst in diesem Jahr haben Sie tatsächlich Ihr Debüt gefeiert.* **Wie kam es dazu?
*
Ich wurde in den Kader eingeladen, doch noch bevor ich hinreisen konnte, habe ich mich verletzt, so dass ich nicht zum Team stoßen konnte. Es war also ziemliches Pech, dass ich nicht schon viel früher in der Nationalmannschaft stand. Ich glaube daran, dass es für alles einen Grund gibt. Vielleicht war meine Zeit jetzt erst gekommen.

Seitdem sind siebeneinhalb Jahre vergangen.* **Hatten Sie zwischendurch das Gefühl, der Zug wäre für Sie abgefahren?
*
Nein, dieses Gefühl hatte ich nie. Ich hatte ziemlich lange sehr regelmäßig gespielt und das Gefühl, dass es ganz gut lief. Ich hatte zwar damit gerechnet, dass die Nominierung eines Tages kommen würde, aber der Zeitpunkt war dann doch überraschend, denn wir hatten in der Saison erst ein Spiel absolviert. Das war schon ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für eine Berufung in die Nationalmannschaft. Das war die größere Überraschung.
*
Wie kam diese Nominierung zustande?
*
Ich bekam einen Anruf von meinem Klub und man fragte mich, ob ich interessiert wäre, mit dem Trainer zu sprechen. Natürlich sagte ich ja! Ich habe also den Trainer Sunday Oliseh angerufen und mit ihm ein Gespräch geführt. Er sagte mir, dass er mich wohl in den nächsten Kader holen würde, und so ging es dann weiter. Danach dachte ich, vielleicht nominiert er mich, vielleicht aber auch nicht - und in der folgenden Woche stand ich tatsächlich im Kader. Während des Gesprächs hatte er mir erzählt, wie seine Planung aussah. Er hatte sein Amt gerade erst angetreten, daher sprach er viel über seine Philosophie und seine bevorzugte Offensiv-Spielweise. Es ging nur darum, zu sehen, ob ich interessiert wäre und dass ich seine Zukunftspläne kennen sollte.

*Was war es für ein Gefühl, zum ersten Mal in die Kabine der nigerianischen Nationalmannschaft zu gehen?
*
Das war ziemlich merkwürdig, obwohl ich ja nun kein Kind mehr bin. Man kennt nicht allzu viele der Spieler. Es war nicht unbedingt nervenaufreibend, aber man fühlt sich ein bisschen so wie am ersten Tag in einer neuen Schule. Man versucht, die anderen ein bisschen kennen zu lernen und so etwas wie eine Beziehung aufzubauen. Gleichzeitig will man die Trainer beeindrucken und außerdem auch noch jedem beweisen, dass man zurecht dabei ist.

Was die Stimmung in der Kabine angeht, gibt es da große Unterschiede zu den Klubs, bei denen Sie in England gespielt haben?* **Oder ist es eigentlich doch ziemlich ähnlich?
*
Nein, definitiv ganz anders. Es wird viel mehr gesungen und getanzt, vor allem schon auf dem Weg zum Spiel. Im Bus singen einfach alle mit. Das ist ganz anders als bei den Spielen hier in England, wo die meisten Jungs auf dem Weg zum Spiel ganz still sind und ihre eigene Musik hören. Bei der nigerianischen Mannschaft machen alle mit und singen und tanzen auf dem Weg zum Spiel.

*Machen auch Sie mit?
*
Ja, natürlich! Man muss, es geht gar nicht anders. Sie ziehen dir einfach die Kopfhörer vom Kopf, wenn du nicht mitmachst!

*Setzt sich diese Begeisterung auch auf den Rängen fort?
*
Die Fans sind jedenfalls einfach unglaublich. Sie singen und tanzen ununterbrochen. Man hört sie während des gesamten Spiels. Wenn man nach dem Spiel ins Publikum schaut, tanzen sie immer noch, sie singen, sie jubeln - ganz besonders natürlich, wenn wir gewinnen. Es ist eher eine Karnevalsatmosphäre und ganz anders als in England, wo bei all den Rivalitäten zwischen den Fans und so weiter immer auch etwas Nervosität und Anspannung dabei ist. In Nigeria ist es ein ganz anderes, aber trotzdem angenehmes Erlebnis.

*Wie schwer fällt es Ihnen, den legendären Vincent Enyeama zu ersetzen?
*
Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es schwer war. Mir war immer bewusst, dass er die Nummer eins war, der Kapitän, und ein unglaublicher Torhüter, der wohl zu den besten Schlussmännern gehört, die es in Afrika je gab. Ich will eigentlich gar nicht versuchen, jemandem nachzueifern. Ich will es auf meine Weise schaffen und so gut wie nur möglich werden. Ich weiß, dass Torhüter immer gern verglichen werden, aber ich versuche, mich nur auf mich selbst zu konzentrieren und für Nigeria mein Bestes zu geben.

Ihr Debüt gegen Tansania muss Ihnen traumhaft vorgekommen sein.* Nach dem Spiel wurden Sie von Vincent, Sunday und Größen wie Jay-Jay Okocha und Kanu gelobt. **Was für ein Gefühl war es, so etwas zu hören?
*
Das war schon ein bisschen verrückt. Ich wusste ja schon immer, wie wichtig der Fussball in Nigeria ist, aber bevor ich selbst hier gespielt hatte, war mir nicht klar, wie groß die Leidenschaft ist und wie viel der Fussball den Menschen tatsächlich bedeutet. Einen Eindruck davon bekommt man besonders in den ersten zwei Spielen. Gottseidank lief es gut für mich! Das hat mir sehr geholfen, und auch das Lob dieser großen Legenden und ehemaligen Spieler hat mir geholfen, mich hineinzufinden und das Gefühl zu bekommen, ein Teil des Teams zu sein.

*Haben Ihre Erfahrungen in Nigeria Sie auch menschlich verändert?
*
Am meisten hat mir bedeutet, wie stolz meine Familie auf mich war. Sie waren alle völlig aus dem Häuschen. Es war ein tolles Gefühl für mich, dass meine ganze Familie in Nigeria so stolz darauf war, dass ich für mein Land spielte. Vor einigen Jahren ist mein Großvater gestorben. Es war ein schönes Gefühl, das Nationaltrikot zu tragen und zu wissen, dass er auf mich herabblickt. Die Erfahrung, in einem Länderspiel gegen einige der besten Spieler der Welt anzutreten, gibt durchaus viel Selbstbewusstsein. Es lässt dich daran glauben, dass du auf diesem Niveau spielen kannst. Und wenn es gut läuft, gibt das durchaus einen ziemlichen Schub. Wir haben einige Spitzentalente im Team. Wenn man mit Akteuren wie [John Obi] Mikel oder [Ahmed] Musa spielt, dann kann man selbstbewusst sagen, dass man mit diesen Leuten im Team steht und auf dieses Niveau gehört. Damit hat man ein neues Ziel und will auch wieder zum nächsten Kader gehören.

*Sie fühlen sich schon immer als Nigerianer. Haben die Einsätze in der Nationalmannschaft des Landes Sie Ihren Wurzeln näher gebracht?
*
Auf jeden Fall. Ich war der nigerianischen Seite meiner Familie schon immer recht nahe und  habe mich schon immer als Nigerianer gefühlt. Wenn mich jemand fragte, habe ich normalerweise gesagt, dass meine Eltern aus Nigeria kommen. Aber ich nehme an, wenn ich nun zum Kader gehöre und in Zukunft hoffentlich öfter nach Nigeria komme, werde ich auch etwas mehr Sinn für die Kultur entwickeln. Es ist nicht leicht, sich der Kultur verbunden zu fühlen, wenn man in England aufwächst. Doch wenn ich öfter nach Nigeria komme, wird mich das dem Land näher bringen. Daher freue ich mich darauf, mehr Zeit in Nigeria zu verbringen. Ich spiele sogar lieber Länderspiele in Nigeria als in Europa. Dabei bekommt man einfach einen viel besseren Eindruck von der Atmosphäre und den Menschen.

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