FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

12 Juni - 13 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Hitzfeld: Eine Trainer-Legende verabschiedet sich

© Getty Images

30 Minuten waren nach dem Spiel in der Arena de São Paulo vergangen, als sich die Tür der schweizerischen Umkleide öffnete. Heraus kam der Trainer, Ottmar Hitzfeld, und man sah ihm an, wie schwer ihm dieser Gang fiel. Er blies die Backen auf und richtete seinen Blick starr nach vorne. Er wusste, was ihn nun erwartete, dennoch stellte er sich wacker den wartenden Kameras und Journalisten. Während der Interviews hatte Hitzfeld Tränen in den Augen, und es fiel ihm sichtlich schwer zu sprechen, immer wieder musste er innehalten und schlucken. Die letzten Tage beziehungsweise Stunden waren sehr hart und emotional für einen der größten Trainer, die dieser Sport je gesehen hat.

Das 1:0 durch Angel di Maria in der 118. Minute besiegelte nicht nur das Aus der Schweiz bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™, sondern auch das Ende der Karriere von Hitzfeld. Noch dazu hatte der 65-Jährige in der Nacht vor dem Spiel einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen müssen, nachdem sein Bruder, der ihm sehr nahe stand, in der Heimat verstorben war.

Doch Hitzfeld ließ sich von seiner Trauer, die ihm ohne Frage anzusehen war, in den Katakomben der Arena, nicht unterkriegen und schickte eine Mannschaft auf den Platz, die es beinahe schaffte, Argentinien um den viermaligen FIFA-Weltfussballer Lionel Messi aus dem Wettbewerb zu kegeln.

>

'Lieber Ottmar.' You can look back at your career with great pride. Thank you, for what you gave to the Game. pic.twitter.com/GpBpG2y8Pj

— Joseph S Blatter (@SeppBlatter) 1. Juli 2014

Ein echter Perfektionist
Das letzte Spiel lieferte von der Dramatik her alles, was der Fussball zu bieten hat. Hitzfeld verfolgte dies beinahe die gesamte Spielzeit an der linken vorderen Ecke seiner Coaching-Zone. Meist die Hände verschränkt, doch immer wieder seine Mannschaft nach vorne treibend und ordnend. Vor und in der Pause der Verlängerung suchte er das Gespräch mit seinen Spielern. Es wirkte, als wüsste er, dass er das richtige Rezept für diesen Gegner gefunden hat – und das zeichnete seine Karriere aus.

Der gebürtige Lörracher war bekannt für sein taktisches Wissen. Akribisch bereitete er sich auf jeden Gegner vor. "Er ist ein echter Perfektionist", beschreibt ihn sein langjähriger Co-Trainer bei der Nati, Michel Pont, im Gespräch mit FIFA.com. Er arbeitet seit sechs Jahren an der Seite von Hitzfeld und bewundert den General. "Er ist eine große Persönlichkeit. Er hat eine tolle Lebensphilosophie, und das Wort Respekt ist darin das Wichtigste. Er gibt seinen Spielern sehr viel, und die sagen immer wieder, dass sie so etwas noch nie erlebt hätten."

Die Spieler wiederum bestätigen die Worte des Assistenten. "Er ist ein sehr guter Mensch, und wir haben alle sehr viel Respekt vor ihm. Auch wenn er mich auf die Bank setzt, denke ich mir immer, er weiß, was er tut. Wir haben ihm viel zu verdanken. Er hat den Umbruch geschafft und auf uns junge Spieler gebaut", schwärmte beispielsweise Haris Seferovic über seinen Trainer am Mikrofon von FIFA.com. Hitzfeld ist es zu verdanken, dass die Schweiz heute dieses WM-Achtelfinale spielen durfte. Er schaffte es, seit 2008, nachdem Größen wie Alexander Frei nicht mehr zur Verfügung standen, ein neues Team zu formen.
* Eine Trainerlegende verlässt die Bühne*
Egal mit welchem Spieler man spricht, alle haben nur die besten Worte über "Gottmar", wie er oft nicht nur in der Presse genannt wird, parat. Irgendwie ist es auch passend, dass diese denkwürdige Karriere mit einem solch denkwürdigen Spiel endet. "Der Trainerberuf ist nun beendet, ich bin stolz auf meine Laufbahn", resümierte er in der Pressekonferenz. Und stolz kann er wirklich sein, wirft man einen Blick auf seine Trainerstationen und -erfolge. Direkt nach dem Ende seiner aktiven Karriere 1983 wechselte Hitzfeld auf die Trainerbank. Über Zug, Aarau und Zürich führte ihn sein Weg zu Borussia Dortmund, zum FC Bayern München und letztendlich 2008 zum Schweizer Fussballverband. Unter anderem wurde er zwei Mal schweizerischer Meister, sieben Mal deutscher Meister und gewann je zwei Mal die UEFA Champions League sowie den Weltpokal. Überall, wo er war, ist er in guter Erinnerung geblieben. Noch heute hallt regelmäßig "Ottmar Hitzfeld, du bist der beste Mann" durch die Arena in München.

Er hinterlässt ein großes Erbe, da sind sich alle sicher. "Er hat eine klasse Mannschaft aufgebaut, die in den nächsten Jahren noch Spaß machen wird", meinte Granit Xhaka gegenüber FIFA.com, und Josip Drmic ergänzte: "Er hat einen großartigen Job gemacht!"

Nicht nur seine Erfolge, sondern auch seine Markenzeichen machten Hitzfeld bei allen beliebt, denkt man nur an den langen Trenchcoat, den er meist am Spielfeldrand trug. Auch sein Assistent erinnert sich gerne an die Zeit zurück, in der er mit ihm arbeiten durfte. "Es gibt viele einzigartige Momente. Aber was mich am meisten beeindruckt hat, ist, dass er immer alles aufgeschrieben hat. Er hat nie mit großer Technik gearbeitet. Er hatte immer seinen kleinen Bleistift und Block dabei und hat dort alles analysiert und aufgeschrieben", so Pont.

Nach dem Spiel schrieb Hitzfeld nicht mehr viel. Nach unzähligen Interviews ließ er die Kameras mit ruhigen Schritten und feuchten Augen hinter sich und verschwand wieder in der Kabine. Auf diesem Weg dorthin konnte man fast schon sinnbildlich einen großen Trainer beobachten, der die Bühne des Weltfussballs verlässt - und das erhobenen Hauptes.
*
Tschüss Ottmar! Machs guet und e schöni Ziit!*

Mehr zu diesem Thema erfahren

Empfohlene Artikel

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

WM 2014: Argentinien vs. Schweiz in Bildern

01 Jul 2014

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Ottmar Hitzfeld in Bildern

01 Jul 2014

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Schweiz scheitert knapp an Argentinien

01 Jul 2014