FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

14 Juni - 15 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2018™

Higuita: "Ich habe etwas erreicht, was Pelé, Maradona und Messi nicht erreicht haben" 

© AFP
  • Er spielte nur eine WM mit Kolumbien: Italien 1990
  • Manuel Neuer gefällt ihm aktuell am besten
  • "Heute wäre ich glücklich, wenn ich für ein Team wie Barcelona spielen könnte"

Der Kolumbianer René Higuita hat schon immer Aufmerksamkeit erregt. Auf dem Spielfeld war er ein Torhüter mit einem ganz eigenen Stil, der kein Risiko scheute und auf seiner Position deutliche Spuren hinterlassen hat.

Abseits des Spielfelds ist er ebenfalls eine schillernde und extrovertierte Persönlichkeit – und ein absolutes Unikat mit glasklaren und schlüssigen Ansichten.

FIFA.com sprach mit ihm über seine Interpretation der Torwartposition, seinen Einfluss auf die modernen Torhüter sowie über die Chancen Kolumbiens bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™.

Obwohl Sie im Tor eine ganze Ära geprägt haben, waren Sie nur bei einer WM dabei, und zwar 1990. Welche Spuren hat die Weltmeisterschaft in Ihrer Karriere hinterlassen?
Sehr schöne Spuren, denn dieses Team hat viel verlorene Zeit aufgeholt. Kolumbien war zuvor 28 Jahre lang nicht mehr bei der WM vertreten gewesen. Plötzlich spielten wir auf mehreren Ebenen wieder eine wichtige Rolle – als Fussballer und als Land. Der kolumbianische Fussball erwachte zu neuem Leben. Eine WM-Teilnahme geht mit sehr schönen Dingen einher. Damit erklimmst du die oberste Sprosse der Karriereleiter. Eine WM ist nicht mit anderen internationalen Turnieren auf Vereins- oder Nationalmannschaftsebene zu vergleichen.

Sie wurden damals für das Ausscheiden verantwortlich gemacht. Werden Sie noch häufig auf das Tor von Roger Milla im Achtelfinale angesprochen?
Am Ende meiner Karriere gab es mehr positive Aktionen als Fehler zu verzeichnen, einer davon war allerdings diese Aktion im Spiel gegen Kamerun. Wir sollten aber auch beachten, dass die Regeln geändert wurden, nachdem man René Higuita so spielen gesehen hat. Es wurde beschlossen, dass die Torhüter den Ball mit den Füßen spielen müssen. Nach einem Rückpass eines Mitspielers darfst du ihn nicht mehr mit den Händen aufnehmen. So etwas haben weder Pelé noch Maradona oder Messi erreicht.

Und dann kommt ein Kolumbianer um die Ecke und sagt einfach: "Das ist Higuitas Gesetz. So müssen Torhüter spielen." Natürlich kam es dabei auch zu Fehlern, aber so habe ich das gemacht. Für mich spielte die Courage eine wichtige Rolle – und der Ball.

Mit diesem Wagemut sind allerdings auch Risiken verbunden…
 In diesem Augenblick (Anm. d. Red.: 23. Juni 1990 in Neapel) lagen wir mit 0:1 zurück und mussten alle etwas riskieren. Wir waren unerfahren. Wenn wir 0:2, 0:3 oder 0:4 verloren hätten, wäre das kein Problem gewesen. Zum Problem wurde es erst, als [Bernardo] Redín das 1:2 erzielte. Da sind die Medien umgeschwenkt und dann hieß es: "Wenn Higuita keinen Fehler gemacht hätte, wäre ein Unentschieden herausgekommen." Dieses Ausmaß an Kritik war ungerecht, denn im Fussball gibt es keine Vergangenheit, sondern nur die Gegenwart. Und diese Gegenwart sind die 90 Minuten.

Wird Millas Verdienst an dieser Aktion ignoriert?
 Natürlich. Von außen betrachtet ist es eine Sache, auf dem Spielfeld eine andere. Ich erinnere mich noch an den Rückpass von [Luis Carlos] Perea. Milla kam auf mich zu gerannt. Es schien, als wolle er mich foulen, und dann erwischte er den Ball. Er holte sich den Ball! Das war großes Können von Milla in diesem Augenblick, und für uns war es leider das zweite Gegentor. Durch den Treffer von Redín ist der Fehler stärker in den Vordergrund getreten! Aber ich habe wenige solcher Fehler gemacht. Das war meine Position, so spielte ich und das war meine Vorstellung vom Fussball.

Heute wäre ich glücklich, wenn ich für ein Team wie Barcelona spielen könnte, den am weitesten entfernten Spieler anspielen, Doppelpässe spielen, freie Spieler finden...das ist der Fussball, der sich jeden Tag weiterentwickelt.

Woher kommt der Higuita-Stil?

Der kam ganz natürlich zustande. Damals hieß es, ich würde Hugo Gatti kopieren. Ich weiß noch, dass ich als Junge ins Stadion ging und gute Torhüter sah, die den Ball ins Seitenaus schossen, wenn sie ihn vor dem Stürmer erwischten. Hervorragende Torhüter zwischen den Pfosten, und ich dachte mir schon damals: 'Können die denn nicht auch ihre Füße gebrauchen?' Wenn der Ball nicht ins Aus geht, bleibt er im Spiel und solange er im Spiel ist, hat die eigene Mannschaft die Chance, ein Tor zu erzielen. Warum sollten wir ihn also dem Gegner geben?

Das heißt, alles erklärt sich durch Ihre Faszination für den Ball?
 Für mich war der Ball wie ein Spielzeug, dieses Weihnachtsgeschenk, das du im Dezember bekommst und nicht mehr hergeben willst. Und wenn er weg ist, musst du um ihn kämpfen! Ich wollte nicht um den Ball kämpfen, ich wollte ihn haben. Und ich wollte, dass mein Team in Ballbesitz ist. So habe ich den Fussball interpretiert, und die Normen haben sich entsprechend geändert.

Welche aktuellen Torhüter gefallen Ihnen?
Der Deutsche Manuel Neuer. Schlicht und einfach. Er ist auf dem Posten, spielt mit, hilft seiner Mannschaft ... hervorragend! Heute müssen die Torhüter das Spiel mit dem Ball mehr trainieren, weil es zur Pflicht geworden ist. Und es ist schon eine Hausnummer, wenn du von dir sagen kannst, dass du wichtige Dinge gemacht hast, die andere sich abgeschaut und analysiert haben. Ich bin zufrieden mit dem, was ich erreicht habe – trotz all meiner Fehler. Allerdings wollte ich weder den Clown spielen noch ein Risiko für das Team darstellen. Ich hatte einfach das Gefühl, dass dies die beste Methode ist, meiner Mannschaft zum Sieg zu verhelfen.​

Kolumbien will in Russland versuchen, das Ergebnis der WM 2014 in Brasilien zu toppen. Wie weit kann das Team kommen?
Von außen wünscht man der Mannschaft immer das Beste. Das Mindeste, was man sich nach der erfolgreichen Qualifikation wünschen kann, ist, dass das Team für eine Überraschung sorgt. Wir sollten den Ball flach halten, aber ich hoffe, dass die anderen Teams dort auf ein monströses Kolumbien treffen – mit Spielern wie James Rodríguez, Falcao und weiteren, die im Ausland aktiv sind. Ich habe vollstes Vertrauen zu diesen Jungs und zum Trainerstab.

Ist James der Führungsspieler im Team von José Pékerman?
Er ist die geborene Führungspersönlichkeit. Daher ist er heute auch das absolute Aushängeschild unserer Nationalmannschaft und unseres Landes. Dafür schätzen wir ihn sehr. Er hat das alles mit Talent, Bescheidenheit und harter Arbeit erreicht. Er ist ein kompletter Spieler: Er deckt seine Gegenspieler, ist technisch sehr versiert und mannschaftsdienlich. Er kann eine gute Flanke schlagen, Tore erzielen, überraschende Vorstöße starten. Jedes Team der Welt will einen solchen Spieler haben.

Gibt es einen Spieler Ihrer Generation, mit dem Sie ihn vergleichen würden?
Mit El Pibe [Carlos Valderrama]. Man forderte Schnelligkeit von ihm, und die hatte er, weil er mental ungeheuer schnell war. Er war der herausragende Spieler unserer Ära. Und der erfahrenste. Er war bereits in Frankreich gewesen, als wir anderen gerade anfingen, ins Ausland zu gehen. Später hat sich dieser Markt geöffnet, und heute sehen wir mit großer Zufriedenheit, dass viele Kolumbianer in allen Teilen der Welt aktiv sind.

Und David Ospina? Welchen Beitrag kann der Torwart leisten?
Genau wie James und Falcao gehört Ospina zum Rückgrat der Mannschaft. Er ist gut mit dem Ball am Fuß, wobei er beim aktuellen System nicht zu häufig herauslaufen oder viel riskieren muss. Wenn das erforderlich war, hat er es allerdings auch getan. Ich sehe das so: Wenn die Bedingungen es erlauben, mit dem Ball am Fuß herauszulaufen – wunderbar. Aber manchmal ist es auch notwendig, ihn einfach auf die Tribüne zu bolzen. Alles ist erlaubt. Es kommt nur darauf an, den Kasten sauber zu halten. Man kann nicht nur mit Abwehraktionen für Sicherheit sorgen. Sicherheit bringt derjenige, der Gefahr ausstrahlt. Und das ist derjenige, der den Ball spielt. Es gibt nicht nur eine Art zu verteidigen. Ich hatte meine ganz eigene.

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