FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™

9 Juni - 9 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2006™

Govou: "Ein Scheitern war nie eingeplant"

Beinahe hätte er die Leistung der französischen Nationalmannschaft bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Deutschland 2006™ von seinem Feriendomizil aus verfolgt. Aber wie schon vor der EURO 2004 wurde Sidney Govou erneut in letzter Minute von Trainer Raymond Domenech nominiert, nachdem Djibril Cissé seine Teilnahme aufgrund einer Verletzung hatte absagen müssen. Vor dem Finale gegen Italien spricht der Edelreservist der Bleus über den bisherigen Turnierverlauf, der seine Krönung am Sonntag in Berlin findet.

Sidney, wie ist die Stimmung im französischen Lager so kurz vor dem Endspiel?

Bislang ist die Stimmung noch recht locker. Wir sind in einer Phase der Entspannung. Wir sammeln Kräfte, die wir in der letzten Begegnung verloren haben. Am Ende waren alle ziemlich fertig. Jetzt gilt es erst einmal zu regenerieren. Noch reden wir mehr über das, was passiert ist, als über das, was noch kommt. Das ist auch das Gefühl, das seit Beginn des Turniers vorherrscht. Nach jeder Begegnung versuchen wir erst einmal den Kopf wieder frei zu bekommen. Ich denke, dass der Druck ab Samstag allmählich steigen wird. Es bringt auch nichts, wenn wir uns schon vorher unter Druck setzen.

Es wurde viel über die Stimmung innerhalb der französischen Mannschaft berichtet. Wie haben Sie die späte Nominierung erlebt?

Da ich als Letzter zur Mannschaft gestoßen bin, stand ich sicherlich etwas länger als die anderen unter Beobachtung. Das hat mir aber auch die Möglichkeit gegeben zu sehen, wie das Zusammenleben mit meinen Mannschaftskameraden funktioniert. Ich hatte meine Zweifel, konnte aber schon bald feststellen, dass alles, was darüber berichtet wurde, nicht der Wahrheit entsprach. Zu diesem Zeitpunkt kam viel Kritik von außen. Wenn die Ergebnisse nicht stimmen, kann man alles Mögliche sagen und schreiben. Ich kann Ihnen aber versichern, dass die Stimmung keineswegs so war, wie einige sie beschrieben haben.

Sie sind in den letzten vier Partien eingewechselt worden. Wie gehen Sie mit der Reservistenrolle um?

Ich bin vor allem sehr glücklich darüber, in letzter Minute auf den WM-Zug aufgesprungen zu sein. Ich freue mich, Teil dieses großartigen Abenteuers zu sein. Als Ende Mai die Namen der 23 Spieler bekannt gegeben wurden, sah es nicht danach aus, dass ich hier dabei sein würde. Als ich dann nachnominiert wurde, hätte ich mir kaum träumen lassen, tatsächlich auch zum Einsatz zu kommen. Inzwischen glaube ich, dass ich mir lediglich eingeredet habe, dass ich nicht spielen würde. Als ich aber zum ersten Mal den Ball berührte, merkte ich, dass ich den Rhythmus nicht verloren hatte. Also habe ich mir gesagt 'Warum nicht?' Seit meiner ersten Einwechslung habe ich mich auch eigentlich sehr gut gefühlt.

Welche Anweisungen gibt Ihnen Raymond Domenech mit auf den Weg, wenn Sie ins Spiel kommen?

Vor allem gute Defensivarbeit zu leisten und mannschaftsdienlich zu spielen. Er weiß genau, dass ich blitzschnell von Defensive auf Offensive umschalten kann. Außerdem bin ich jemand, der sehr schnell in ein Spiel reinfindet. Ich weiß ziemlich schnell, was ich tun muss.

Wo liegt die Stärke dieser französischen Mannschaft?

Es ist zweifelsohne die mentale Stärke. Wir haben die Vorgaben des Trainers, hinten gut zu stehen, hundertprozentig umgesetzt. Das hat den Ausschlag gegeben. Und wir haben das als Mannschaft geschafft. Wenn man sich unsere ersten Spiele anschaut, hätte man meinen können, dass uns diese Defensivstärke fehlt. Wir haben es aber geschafft, alle Vorgaben umzusetzen und verfügen nun über ein solides Abwehrbollwerk. Der Trainer hat uns dies immer und immer wieder eingetrichtert. Die Angreifer mussten lernen, dass eine gute Verteidigung auch eine Form des Angriffs ist.

Agieren Sie als offensiver Akteur gerne in einer eher defensiv eingestellten Mannschaft?

Das stellt für mich keine besondere Schwierigkeit dar. Es ist ja auch nicht gerade ein französischer Catenaccio. Es ist nur eine Art, das Fussballspiel auszulegen. In Lyon spielen wir ähnlich. Die Vorgaben sind also praktisch die gleichen. Die Frage können Sie übrigens auch Florent Malouda stellen. Er wird Ihnen sicher dasselbe sagen. Ich setze lieber offensiv Akzente. Es stört mich aber auch nicht, verteidigen zu müssen.

Wie erleben Sie diese Momente der Ruhe, die Tage vor und nach einer Begegnung?

Nach dem Viertelfinale haben wir uns angewöhnt, fernzusehen. Es ist schön zu sehen, was in Frankreich jetzt los ist. Wir haben darüber gesprochen. Da wird einem ganz heiß und kalt.

Diejenigen, die das Team nach den ersten beiden Begegnungen noch kritisiert haben, sind heute voll des Lobes für die Mannschaft. Wie erleben Sie diesen plötzlichen Stimmungsumschwung?

Das ist Fussball, ganz normal also. Wenn man viele Fans hat, ist es völlig normal, dass die Stimmung von einem Extrem zum anderen schwankt. An einem Tag denkt man so über uns, am anderen schon wieder ganz anders. So ist nun einmal das Leben. Als wir nicht so gut gespielt haben, sind diese Kritiken auch nicht spurlos an uns vorübergegangen. Die Unterstützung, die wir jetzt erfahren, treibt uns hingegen noch weiter an.

Sie erwecken den Eindruck, nie daran gezweifelt zu haben...

Wir sind nach Deutschland mit der Zielsetzung gereist, dieses Finale am 9. Juli zu erreichen. Natürlich haben wir es nie groß herausposaunt, zumal wir in der Vorrunde unsere Schwierigkeiten hatten. Aber im Innersten haben wir dieses Ziel nie aus den Augen verloren. Ein Scheitern war nie eingeplant.

Haben Sie das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien verfolgt? Was denken Sie über den nächsten Gegner?

Einige Spieler haben die Begegnung in unserem Hotel in München gesehen. Italien ist ja hinlänglich bekannt. Die Mannschaft steht hinten sehr gut, versucht den Gegner rauszulocken und über Konter zum Torerfolg zu kommen. Rein von der Ausdauer her sind die Italiener den anderen Mannschaften zweifelsohne überlegen. Vielleicht nicht Frankreich, aber es ist auf jeden Fall eine der Stärken der Italiener.

Träumen Sie davon, wie Sylvain Wiltord und David Trezeguet im Endspiel der EURO 2000, ins Spiel zu kommen und für die Entscheidung zu sorgen?

Ich bin ja eigentlich kein Träumer. Wenn ich aber reinkommen und die Partie zugunsten Frankreichs entscheiden sollte, hätte ich nichts einzuwenden. Ich will, dass Frankreich den Titel holt. Wenn ich meinen Teil dazu beitragen kann, wäre das schon toll. Und wenn es nur das entscheidende Tackling ist.

Glauben Sie, dass die Italiener eher als die bisherigen Gegner auf Manndeckung spielen werden?

Wir konzentrieren uns eher auf unser Spiel und denken nicht allzu sehr darüber nach, was der Gegner machen wird, um uns zu stoppen. Was zählt, ist, dass wir die Partie genauso angehen, wie wir es immer tun und unsere Trümpfe ausspielen. Natürlich werden wir uns auch an die gegnerische Mannschaft anpassen müssen. Wir fürchten aber keine bestimmte Spielweise oder einen bestimmten Spieler!

Kann man sagen, dass Frankreich bereits jetzt eine erfolgreiche WM gespielt hat?

Wenn man ins Finale kommt, hat man höhere Ziele. Wir wollen natürlich den Pokal holen. Ob wir unser Ziel verfehlt haben, wenn wir den Titel nicht holen? Fragen Sie mich das nach dem Spiel (lacht).

Glauben Sie, dass das Karriereende von Zinédine Zidane sowie der Rücktritt aus der Nationalmannschaft von Lilian Thuram und Claude Makelele einen psychologischen Einfluss auf das Endspiel haben werden?

Wir versuchen, momentan nicht zu sehr daran zu denken. Es kann aber sein, dass uns das hilft, über uns hinauszuwachsen. Es wäre aber auch gefährlich, nur für diese Jungs zu spielen. Wenn wir aber mit den Gedanken bei ihnen sind, kann es uns helfen, die entscheidenden Meter vor einem Tackling oder einen Torschuss besonders motiviert anzugehen.