FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Spanien 1982

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Spanien 1982

13 Juni - 11 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1982™

Rossi: "Welche anderen Sportarten erzeugen so viel Spannung?"

Italy's Paolo Rossi lifts aloft the FIFA World Cup Trophy
© LOC
  • ​Paolo Rossi spricht über seinen Kritiker bei der WM 1982 in Spanien
  • Das 1:0 gegen Brasilien habe sein Leben verändert
  • Rossi ist überraschenderweise der Meinung, dass Stürmer nicht egoistisch sein sollten

Paolo Rossi hatte über drei Jahre lang oder fast 15 Stunden Spielzeit nicht für Italien getroffen. Doch bei ihrer fünften Partie bei der FIFA Fussball-WM 1982™ ignorierte Coach Enzo Bearzot die Medien, die seinen Austausch forderten, und "Pablito", wie man ihn nach diesem Tag nannte, verblüffte die Brasilianer mit drei Treffern komplett. Rossi fuhr aus Spanien mit dem adidas Goldenen Schuh und dem adidas Goldenen Ball nach Hause - und natürlich auch dem WM-Titel.

Er sprach mit FIFA.com offen über seine Grenzen als Fussballer, die bereits angesprochene Torflaute, das Vertrauen des Trainers in ihn, den außergewöhnlichen Zusammenhalt in Italiens Team und wie es ist, den Pokal zu erhalten.

Was verbinden Sie ganz allgemein mit der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft?
Die Weltmeisterschaft, das ist das höchste Ziel für jeden Fussballprofi. Sie hat mir Ruhm, Popularität und Erfolg gebracht, angefangen mit meiner ersten WM im Jahr 1978, die schon ein großer Erfolg war. Ich war 22. Italien hat das Turnier zwar nicht gewonnen, aber meine Leistungen haben mir viel Lob von wichtigen Leuten eingebracht. Das hat meine Karriere wirklich ins Rollen gebracht. Vier Jahre später hatten wir dann mehr Glück und haben gewonnen. Für einen Spieler ist es wirklich der größte Traum, einmal eine WM zu gewinnen.

Sie haben zwischen den beiden FIFA Fussball-Weltmeisterschaften harte Zeiten durchlebt. Ist es dem Vertrauen Enzo Bearzots zu verdanken, dass Sie 1982 so eindrucksvoll zurückgekommen sind? Die Tatsache, dass Bearzot auf mich vertraut hat, war entscheidend. Ohne einen Trainer wie Bearzot würden wir jetzt wahrscheinlich dieses Interview über unseren Sieg und meinen Aufstieg zum Torschützenkönig gar nicht führen. Als ich nach zwei Jahren Sperre wieder zu spielen begann, war das wirklich hart. Bearzots Vertrauen war in dieser Situation sehr wichtig, die Unterstützung meiner Mannschaftskameraden hat natürlich auch einen Großteil beigetragen.

*Hatten Sie diese Unterstützung auch nach den ersten vier Spielen noch, in denen Sie ohne Torausbeute blieben?
*
Auf jeden Fall. Ich wusste, dass sie an mich glaubten, selbst wenn ich nicht traf. Das ist entscheidend für einen Spieler. Wenn man sich in einem Umfeld befindet, in dem man das Gefühl hat, dass die eigenen Mannschaftskameraden und der Trainerstab das Vertrauen in einen verloren haben, dann wird es sehr schwer, eine gute Leistung zu bringen. So aber hat ihre Einstellung mir gegenüber entscheidend zu den späteren Geschehnissen beigetragen.

Haben die Presseberichte Sie in Mitleidenschaft gezogen?
Die Presse, nein, nicht wirklich... Ich hatte immer ein gutes Verhältnis zu den Zeitungen. Ich muss allerdings sagen, dass ich nie wirklich darüber nachgedacht habe. Ich habe einfach immer nur meinen Job gemacht. Ich meine, wenn man schlecht spielt, ist es doch klar, dass man von den Medien kritisiert wird. Das gehört einfach dazu, wenn man Sportler ist. Außerdem kann einen ungerechtfertigte Kritik manchmal auch dazu anstacheln, es besser zu machen.

Und dann haben Sie gegen Brasilien plötzlich gleich drei Mal getroffen. Was hatte sich geändert? Können Sie sich an diese Tore erinnern?
In der Karriere jedes Spielers gibt es Augenblicke, die er einfach nie vergisst. Das war einer davon. Das erste Tor war das wichtigste, weil es mir mein Selbstvertrauen zurückgegeben hat. Im wahrsten Sinne des Wortes. Von diesem Augenblick an war es, als ob von oben jemand über meine Geschicke wachte. Plötzlich war alles anders. Zuerst lief gar nichts so wie es sollte, und dann wendete sich das Blatt plötzlich zu meinen Gunsten. Auf einmal war alles so einfach. Das ist das Schöne an diesem Sport. Ein Tor kann alles verändern. In meinem Fall hat es mein ganzes Leben verändert.

*Wie würden Sie das beschreiben? War es eine Frage des Vertrauens?
*
Ja, es war eine Frage des Vertrauens. Ich stand unter einem enormen Druck, weil alle so hohe Erwartungen an mich hatten. Wenn man diesen Erwartungen dann nicht gerecht wird, dann befindet man sich in einer Art Vorhölle. Wenn dann ein Tor gelingt, dann ist das für einen Stürmer, als fiele Manna vom Himmel, und man würde zu neuem Leben erweckt.

*Haben Ihre Mannschaftskameraden Sie nach dem Brasilien-Spiel anders behandelt?
*
Nein. Sie haben nur gesagt: "Endlich ein Tor. Es wurde ja auch langsam Zeit!" Das war die letzte WM mit dieser Gruppe von Spielern. Das war eine tolle Truppe. Wir waren gute Freunde und standen uns alle sehr nah. Außerdem gab es einen unglaublichen Zusammenhalt. Das lag am Trainer. Die Stimmung im Lager war hervorragend, und wir hatten einen Kader mit sehr talentierten Spielern. Jungs, die schon viel gewonnen hatten, fünf oder sechs Meisterschaften und auch internationale Titel. Das alles war wichtig. Ich hatte wirklich Glück, dass ich das erleben durfte.

Was ist Ihnen stärker in Erinnerung geblieben, Ihre Tore oder der Schlusspfiff?
Keins von beidem. Was ich nie vergessen werde, ist das Meer italienischer Fahnen im Stadion, nachdem der Schiedsrichter abgepfiffen hatte. Daran werde ich mich immer erinnern. Natürlich erinnere ich mich auch an die Tore, an all diese schönen Momente...Aber als ich mich umschaute und all diese Fahnen im gesamten Stadion sah... Ich bin kein Nationalist, aber in Augenblicken wie diesem fühlt man sich wirklich als Teil eines Ganzen. Man gehört zu einer Gruppe, zu einer Nation... All diese Gefühle treten plötzlich zutage. Dieses Meer von italienischen Fahnen im Stadion zu sehen, das war ein außerordentlicher Moment, an den ich mich für den Rest meines Lebens erinnern werde.

Hatte Bearzot den Ausgang des Finales vorausgesehen?
Ich glaube nicht. Ein Trainer kann zwar Pläne machen, aber in der Regel laufen die Spiele dann doch anders ab. Der Sieg gegen Brasilien war wichtig, weil er uns als Mannschaft mit einer bestimmten Aura umgab. Das ging so weit, dass die Spiele, die wir danach absolvierten, uns wie ein reines Pflichtprogramm erschienen, obwohl das ganz und gar nicht so war. Das Polen-Spiel erschien uns vergleichsweise einfach und das Spiel gegen Deutschland auch. Wir fühlten uns wie Weltmeister, einfach unschlagbar.

*War der Augenblick, als Sie den FIFA WM-Pokal in Empfang nahmen, ein besonderer Moment in Ihrem Leben?
*
Natürlich! Das war eine unglaubliche Freude. Wenn man sein ganzes Leben lang Fussball gespielt hat, geht damit ein Traum in Erfüllung. Wenn man ihn hochhebt...allerdings ist man sich dessen nicht sofort bewusst. Das Ganze muss sich erst einmal setzen. Man ist in Gedanken noch viel zu sehr mit dem Spielablauf und dem Turnier beschäftigt. Erst nach einiger Zeit wird einem dann bewusst, dass man etwas ganz Außergewöhnliches vollbracht hat und vor allem, dass man so viele Leute glücklich gemacht hat. Die Ergebnisse an sich und der persönliche Erfolg sind eigentlich bedeutungslos. Aber zu wissen, dass all diese Leute sich so über das gefreut haben, was man selbst erreicht hat, gibt einem eine große innere Befriedigung.

Ich dachte immer, dass Torjäger von Hause aus egoistisch sein müssen, um erfolgreich zu sein.
Nein. Fussball ist ein Mannschaftsspiel. Ein Torjäger ist nichts ohne seine Mannschaftskameraden. Das gilt besonders für mich. Ich war nicht der Spielertyp, der alles im Alleingang erledigen konnte. Ich war eher derjenige, der einen Spielzug auf den letzten fünf, sechs oder zwei Metern zum Abschluss brachte... Aber ich brauchte einen Vorbereiter. Das konnte ich nicht selbst. Ich habe den Fussball immer als Mannschaftssport gesehen, nie aus der Einzelperspektive. Ich habe es nie wichtiger gefunden, ein Tor zu schießen, als mit der Mannschaft zu gewinnen.

Aber manchmal muss man sich entscheiden, ob man den Ball abgibt oder es allein versucht...
Wenn ein Mannschaftskamerad sich in einer besseren Position befand als ich, habe ich den Ball immer abgegeben. Ich war nie ein egoistischer Fussballer.

*Diese Entscheidungen muss man im Bruchteil einer Sekunde fällen...
*
Ja, im Bruchteil einer Sekunde. Aber so habe ich gespielt. Wenn ich besser stand, habe ich es selbst zum Abschluss gebracht, wenn ein anderer besser stand, habe ich ihn bedient. Das war meine Einstellung. Ich war nicht eigennützig.

*Sie sind am nächsten Tag gemeinsam mit dem Präsidenten zurück nach Italien geflogen...
*
Das war einfach großartig. Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, wie wir zurück nach Hause gekommen sind, aber ich erinnere mich noch gut an den Empfang, den man uns bereitet hat. Der Weg vom Flughafen Ciampino bis zum Quirinale-Palast, wo wir mit dem Präsidenten speisten, war gesäumt von Menschenmasen, die uns zujubelten. Es war, als würde man das Ende eines Krieges feiern. Das sind historische Augenblicke. Jeder erinnert sich daran, ob er dabei war oder was er zu diesem Zeitpunkt gerade gemacht hat. Es gibt im Leben nicht viele solcher Momente.

Wie würden Sie die Fussballbegeisterung der Menschen erklären?
Wie kann man Fussball erklären? Wenn ich Leute aus anderen Sportarten treffe, sagen sie oft: "Der Fussball ist überall, er ist der König der Sportarten". Aber ich mache ihn nicht dazu. Die Leute lieben Fussball eben. So ist es nun einmal. Gott segne die Erfinder des Fussballs. Es waren die Engländer, glaube ich. Was für eine fantastische Idee. Ein Spiel, bei dem das Tabellenschlusslicht den Spitzenreiter schlagen kann. Man kann vier Tore in vier Minuten schießen und alles auf den Kopf stellen. Welche anderen Sportarten erzeugen so viel Spannung? Das sind nur sehr wenige. Ich mag andere Sportarten, aber der Fussball und das, wofür er steht, ist einfach unglaublich.

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