FIFA Fussball-Weltmeisterschaft USA 1994™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft USA 1994™

17 Juni - 17 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1994™

Dramatik pur auf dem Weg in die USA

Niall Quinn celebrates Republic of Ireland qualifying for USA 1994
© Getty Images

Die Amerikaner lieben das Drama. Und die Qualifikation für die bisher einzige WM-Endrunde in den USA lieferte dramatische Entscheidungen im Überfluss. Die 15. FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ war die letzte mit nur 24 Teilnehmern. Am letzten Spieltag der Qualifikation waren noch neun Tickets zu vergeben.

In den meisten Regionen war schon lange alles klar, doch ausgerechnet in Europa war erst ein Drittel der zwölf Startplätze fest vergeben. Außenseiter wie Griechenland, Norwegen, Russland und Schweden hatten sich die Teilnahme bereits gesichert. Traditionelle Fussballnationen wie England, Frankreich, Italien, die Niederlande, Portugal und Spanien hingegen mussten noch zittern, obgleich in den sechs Sechser-Qualifikationsgruppen jeweils die ersten zwei Teams das Ticket lösten.

Damit war Dramatik am letzten Spieltag vorprogrammiert. Dass es allerdings so schnell dramatisch werden würde, hatte wohl kaum jemand erwartet, und auch nicht die Partie, in der es geschehen würde. Um in Gruppe 2 den zweiten Platz hinter Norwegen zu erreichen, mussten die Engländer in Bologna gegen San Marino mit mindestens sieben Toren Differenz gewinnen und gleichzeitig darauf hoffen, dass Polen in Poznan gegen die Niederlande siegen würde. Doch nur 8,3 Sekunden nach Anpfiff der Partie in Norditalien fing der 22-jährige Davide Gualtieri einen viel zu schwach gespielten Rückpass von Stuart Pearce ab und beförderte die Kugel am englischen Schlussmann David Seaman vorbei in die Maschen zur völlig unerwarteten Führung für den Fussballzwerg. Bis heute ist dies der schnellste Treffer in der Geschichte der WM-Qualifikationen und WM-Endrunden. "Das Tor fiel so schnell, dass sich viele Zuschauer noch nicht einmal hingesetzt hatten", so Gualtieri.

'Das Ende der Welt'
Die Engländer brauchten über 20 Minuten, um sich von dem Schock zu erholen und den Ausgleich zu erzielen. Sie gewannen die Partie am Ende zwar mit 7:1, doch der Treffer von Gualtieri sorgte dafür, dass sie ihr Soll eines Sieges mit sieben Treffern Vorsprung nicht erfüllt hatten. Letztlich war dies allerdings auch unerheblich, denn dank eines Doppelschlags von Dennis Bergkamp und einem weiteren späten Treffer von Ronald de Boer setzten sich die Niederlande in Polen mit 3:1 durch und buchten damit selbst das Ticket über den Atlantik.

"Auf der Titelseite des Daily Mirror war am nächsten Tag ein großes Bild von mir zu sehen, und darunter die Schlagzeile 'Das Ende der Welt' ", erinnerte sich Gualtieri später. "In Schottland hatte ich mich damit ziemlich beliebt gemacht!"

In Gruppe 1 hingegen mussten die Zuschauer im San-Siro-Stadion von Mailand volle 83 Minuten bangen und zittern, bis endlich das ersehnte Tor fiel. Italien und Portugal gingen punkt- und torgleich in die Partie. Beiden Kontrahenten war klar, dass sich die Schweiz zeitgleich im Heimspiel gegen Schlusslicht Estland höchstwahrscheinlich eines der beiden Tickets dieser Gruppe sichern würde, was die Eidgenossen mit einem klaren 4:0-Sieg auch taten. Bis in die Schlussphase hinein herrschte in Mailand Gleichstand. Dann endlich gelang es dem jungen Mittelfeldspieler Dino Baggio, einen unkontrollierten Ball über die Linie zu bugsieren, womit sich Italien zum neunten Mal in Folge für eine WM-Endrunde qualifizierte. Die Portugiesen hingegen mussten weiterhin auf ihre dritte Teilnahme warten.

"Dinos Treffer bedeutete eine riesige Erleichterung", so Franco Baresi nach dem Spiel. "Es gibt solche Spiele, in denen einfach kein Tor gelingen will. Zudem waren Rui Costa, Paulo Futre und Joao Pinto Spieler, die jederzeit aus dem Nichts für die Entscheidung sorgen konnten."

Spannende Kopf-an-Kopf-Rennen
Auch in Gruppe 3 ging es sehr knapp zu. Europameister Dänemark lag zu Beginn des letzten Spieltags einen Punkt vor Spanien und der Republik Irland. Somit benötigten Peter Schmeichel, die Laudrup-Brüder und Co. in Sevilla nur einen Punkt. Als nach zehn Spielminuten der spanische Torhüter Andoni Zubizarreta wegen eines Fouls am älteren der beiden Laudrup-Brüder des Feldes verwiesen wurde, sahen sich die Dänen deutlich im Vorteil. Doch Ersatztorhüter Santaigo Canizales, der nicht einmal Zeit hatte, sich aufzuwärmen, bevor er in dieser entscheidenden Partie sein Länderspieldebüt für Spanien begann, zeigte eine fehlerfreie Leistung. Und in der 63. Minute gelang Fernando Hierro per Kopf der Treffer, den Javier Clementes Schützlinge benötigten, um sich vor die Dänen zu schieben.

Selbst dieses Ergebnis hätte den Skandinaviern noch gereicht, um sich als Gruppenzweiter hinter Spanien zu qualifizieren, wenn Nordirland im Parallelspiel nach dem fantastischen Volleytor von Jimmy Quinn in der 75. Minute die Führung gegen die Republik Irland über die Zeit gebracht hätte. Doch dann erzielte Alan McLoughlin mit einem tollen Halbvolley den Ausgleichstreffer, der den Schützlingen von Jack Charlton aufgrund der besseren Tordifferenz das WM-Ticket sicherte. Die Dänen standen mit leeren Händen da.

"Was für ein fantastisches Gefühl", so Charlton. "Aber für die Dänen muss es einfach niederschmetternd gewesen sein. Es war einfach unglaublich, wie knapp diese Entscheidung war."

In Gruppe 4 lieferten sich Belgien, die Tschechoslowakei, Rumänien und Wales am letzten Spieltag noch ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Hier sorgten der späte Siegtreffer von Florin Raducioiu in Cardiff und das torlose Unentschieden in Brüssel zwischen Belgien und der Tschechoslowakei für die Entscheidung zugunsten der Rumänen und der Belgier.

Dramatik pur
In Gruppe 6 wurde das Rennen um Platz zwei durch einen Treffer in letzter Minute entschieden. Frankreich brauchte am letzten Spieltag noch einen Punkt aus dem Heimspiel gegen Bulgarien. Beim Stande von 1:1 bekamen die Franzosen in der letzten Spielminute einen Freistoß in der Nähe der bulgarischen Eckfahne. Statt nun jedoch die verbleibenden Sekunden herunterzuspielen, versuchte David Ginola eine Hereingabe. Der viel zu lange Ball landete prompt beim Gegner, der sofort einen blitzartigen Konter startete. Der Ball landete bei Emil Kostadinov, der die Kugel in vollem Lauf mitnahm und dann unhaltbar unter die Latte jagte. Mit seinem zweiten Treffer an diesem Abend brachte er den 2:1-Sieg der Bulgaren unter Dach und Fach.

"Es waren nur noch 30 Sekunden und wir waren dabei… doch dann haben wir im schlimmsten Moment einen Dolchstoß in den Rücken bekommen", schimpfte Frankreichs Trainer Gerard Houllier. "Der Schiedsrichter hatte schon die Pfeife im Mund und wollte abpfeifen, als Ginola diesen Freistoß bekam."

Das letzte Spiel der Qualifikation für die WM in den USA 1994 fand in Buenos Aires statt. Australien hatte sich in Sydney mit einem 1:1 von Argentinien getrennt. Im Rückspiel im Monumental-Stadion konnte die Abwehr der Australier das 0:0 fast eine Stunde lang verteidigen. Dann aber wollte Gabriel Batistuta eine Flanke schlagen, doch der Ball wurde von Alex Tobin abgefälscht und flog in hohem Bogen über Torhüter Robert Zabica hinweg in die Maschen.

Damit gingen ein dramatischer Tag und eine an Dramatik kaum zu überbietende WM-Qualifikation zu Ende und die Fans konnten beginnen, sich auf eine WM-Endrunde mit Stars wie Roberto Baggio, Batistuta, Bergkamp, Pep Guardiola, Gheorghe Hagi, Roy Keane, Paolo Maldini, Diego Maradona, Enzo Scifo, Ciriaco Sforza und Hristo Stoichkov zu freuen, die an Spielstätten wie dem grandiosen Giants Stadium, dem Pontiac Silverdome und der legendären Rose Bowl dem adidas Questra nachjagen würden.

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