FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™

11 Juni - 11 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™

Die Worte des "Prinzen"

© Getty Images

Den Uruguayer Enzo Francescoli braucht man nicht groß vorzustellen. Der elegante und technisch starke Goalgetter prägte eine ganze Epoche des südamerikanischen Fussballs und nahm an den WM-Endrunden 1986 und 1990 teil. Francescoli genießt in Fussballkreisen großen Respekt und kommentiert gegenwärtig die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™ für das argentinische Fernsehen.

Trotz seines engen Terminplans fand *El Príncipe *Zeit für ein Interview mit FIFA.com, bei dem er unterschiedliche Themen ansprach. Beispielsweise ging es um die Stärke Uruguays und Argentiniens, den schlechten Turnierstart einiger Favoriten, seine hohe Meinung von Lionel Messi und um eine bemerkenswerte Selbstkritik: "Meine Generation hat den Fehler begangen, nicht mehr zu riskieren".

Enzo, wie geht es Ihnen bei Ihrer Arbeit als Fernsehkommentator hier in Südafrika?
Um die Wahrheit zu sagen, ich bin sehr zufrieden. Mir geht es hier richtig gut. Ich habe das bereits 1998 getan, und es ist eine Sache, die mir wirklich liegt. Es ist eine schöne Arbeit, die ich hier bei der Weltmeisterschaft verrichten kann. Man trifft Freunde, sieht viel Fussball und ist mit aller Welt in Kontakt. Ich kann mich wirklich nicht beschweren, auch wenn ich das – um ehrlich zu sein – nicht unbedingt die ganze Zeit machen möchte. Ab und zu ist es ganz schön.

Man sagt, Sie tun das, um der täglichen Routine ein wenig zu entkommen...
Das kann sein. Ich habe schon einmal mit meiner Frau darüber gesprochen und ich glaube, dass ich bislang noch nichts gefunden habe, was mir so viel Spaß macht, wie mein Fussball damals. Ich arbeite an verschiedenen Projekten, etwa bei einem Fernsehsender, den ich mit Freunden in den Vereinigten Staaten gegründet habe (GOL TV), aber noch habe ich nichts gefunden, was mir gut genug gefällt, um es wirklich täglich zu machen.

Es reizt Sie immer noch nicht, als Trainer zu arbeiten?
Bislang reizt mich das nicht. In meiner aktiven Zeit als Spieler habe ich immer ziemlich stark unter den Trainingslagern gelitten, weswegen ich mich nicht in dem Beruf als Trainer sehen kann. Ein Spieler ist manchmal verletzt oder kann aus anderen Gründen bei einem Trainingslager fehlen, bei einem Trainer geht das gar nicht! In Zukunft könnte das ein Thema sein, aber im Augenblick noch nicht. Immerhin bin ich nun seit zwölf Jahren nicht mehr aktiv und noch habe ich keine Lust bekommen, Trainer zu werden.

Sprechen wir von Südafrika 2010. Wie würden Sie das analysieren, was Sie bislang gesehen haben?
Alles ist viel ausgeglichener geworden. Es gibt keine Mannschaften mehr, die zur Weltmeisterschaft fahren und dort nie über die Mittellinie kommen und zahllose Gegentreffer kassieren. Dennoch sind es nach wie vor die ganz großen Spieler, die den Unterschied zwischen den Teams ausmachen. Ich hatte gehofft, ein Turnier mit vielen Toren zu sehen, aber daraus wird wohl nichts werden. Wenn ich mich nicht irre, werden die großen Favoriten die Sache wieder unter sich ausmachen – aber sicher sein kann man sich da natürlich nicht.

Dennoch haben Mannschaften wie Spanien und England zu Beginn einige Schwierigkeiten gehabt. Überrascht Sie das?
Ja, im Fall von England schon, denn die Mannschaft hat nicht wirklich Fussball gespielt. Spanien hat es nicht verlernt, dennoch fehlt dem Kader ein wenig die Tiefe, um in einem Turnier wie diesem weit zu kommen. Sie hatten schon viel Ballbesitz und haben auch alles Mögliche versucht. Ich gehe davon aus, dass sie noch in Schwung kommen werden, aber sie brauchen noch mehr Durchschlagskraft. Im Fussball reicht es nicht aus, gut zu spielen. Man muss auch Tore schießen …

Bei England hat mich die mangelnde Beweglichkeit der Stürmer überrascht. Außerdem haben die Engländer aufgrund von Verletzungen noch einige Probleme in der Abwehr. [Wayne] Rooney spielt nicht so gut, wie wir erwartet haben. Dennoch haben sie noch eine Chance.

Sie sind ein sehr guter Kenner des französischen Fussballs. Hätten Sie so etwas erwartet?Ich bin verblüfft, denn ich hatte viel mehr von den Franzosen erwartet. Zizou [Zinedine Zidane] hatte mir bereits vorher gesagt, dass er der Mannschaft wenig Chancen einräumt. Aber als ich sah, welcher Kader nach Südafrika fährt, hätte ich schon gedacht, dass sie dort anders auftreten würden. Sie haben unglaublich gute Spieler, aber es fehlt ihnen am Teamgeist, den man bei einer Weltmeisterschaft braucht. Ohne den kann der Fussball auch mit technisch starken Spielern nicht funktionieren. Vielleicht schaffen sie gegen Südafrika noch die Wende, aber es dürfte sehr schwer werden. Uruguay und Mexiko haben klare Vorteile.

Bei Uruguay mangelt es nicht an Teamgeist, nicht wahr?
Das stimmt. Uruguay hat sich immer dadurch ausgezeichnet. Das Team verfügt über den berühmten Kampfgeist der Urus, die "Garra Charrúa", auf die in wichtigen Spielen immer Verlass ist. Diese Mannschaft zeichnet jedoch noch etwas anderes aus. Sie wagt es, so zu spielen, wie andere es früher nicht gewagt haben: mit drei Spielern in der Abwehr und drei Angreifern. Das nenne ich Risiko! Wer im modernen Fussball nichts riskiert, kann auch nichts gewinnen. Heute, nach all der Zeit und mehr als zehn Jahren in der Nationalmannschaft, kann ich sagen, dass meine eigene Generation nicht das riskiert hat, was man hätte riskieren sollen. Das war im Nachhinein ein großer Fehler.

Worauf führen Sie das zurück?Auf die Umstände, vielleicht auch darauf, dass wir nicht selbstsicher genug waren. Uruguay war bei den Weltmeisterschaften 1970 und 1986 nicht dabei. Als man die Qualifikation dann geschafft hatte, war man eben übervorsichtig. Wir hatten eine tolle Spielergeneration, die die Copa América bei drei von vier Gelegenheiten gewann, aber bei einer Weltmeisterschaft haben wir uns einfach nicht genug zugetraut. Daran sind letzten Endes auch wir Spieler schuld. Die jetzige Auswahl ist einen Schritt weiter. Sie glaubt an sich. Ich bin ganz begeistert von dieser Mannschaft, so wie ich als Kind ein großer Fan der Mannschaft von 1970 war.

Kann das Team also weit kommen?
Auch wenn die Mannschaft zu den Teams mit großer Tradition gehört, muss sie sich keine ganz hohen Ziele stecken. Solche Ziele haben Länder wie Spanien, Argentinien oder Brasilien. Uruguay sollte bescheiden bleiben, an sich selbst glauben und versuchen, so weit wie möglich zu kommen. Es wäre fantastisch, wenn wir es bis ins Finale schaffen würden, aber das darf nicht unser Ziel sein.

Sie spielten in den Mannschaften Uruguays, die 1986 und 1990 das Achtelfinale erreichten. Die Mannschaft von 1990 wurde von Oscar Tabárez betreut. In welcher Weise hat er sich geändert?
Natürlich hat er inzwischen die Erfahrung von 1990 gemacht. Dieses Turnier und auch seine Arbeit in einigen der wichtigsten Ligen der Welt, wie der Italiens, haben ihn reifer werden lassen. Er ist derselbe geblieben, aber er präsentiert die Mannschaft anders. Ich bin beeindruckt von ihm.

Sie haben viele Jahre in Argentinien gespielt und leben auch dort. Wie sehen Sie die Auswahl dieses Landes?
Sie ist sehr stark. Im Mittelfeld und im Angriff gibt es keine Auswahl mit mehr Potenzial bei diesem Turnier. Sie hat viele Alternativen in der Offensive und den bislang besten Spieler bei dieser Weltmeisterschaft in ihren Reihen. Wir werden sehen wie es läuft, wenn man auf stärkere Gegner trifft, die auch selbst etwas wagen und nach vorne spielen. Gegenwärtig sind die Argentinier die offensivstärkste Mannschaft des Turniers.

Wenn Sie vom besten Spieler sprechen, meinen Sie Messi?
Ja, natürlich. Hoffentlich bleibt er es auch. Er ist ein fantastischer Bursche. Er hat sich mit hervorragenden Leistungen von den anderen abgehoben. Er ist nicht zu stoppen, brandgefährlich und macht Dinge mit dem Ball, die kaum nachzuvollziehen sind. Er ist ein einzigartiger Spieler. Der letzte, der so war wie er, hieß Diego Maradona.

Haben Sie noch Kontakt mit Diego Maradona?
Ich habe ihn schon lange nicht mehr gesehen, aber aus der Ferne sind wir noch befreundet. Ich möchte, dass er Erfolg hat. Er war der Beste in meiner Spielergeneration und vermittelt das, was er weiß, seinen Spielern. Das merkt man auch auf dem Platz. Natürlich ist das alles auch eine Frage des Geschmacks, jeder kann sich da seine eigene Meinung bilden, ob das einer Mannschaft nutzt oder schadet. Den perfekten Trainer gibt es ohnehin nicht.

Wussten Sie, dass er nackt um den Obelisken von Buenos Aires laufen will, wenn er den Titel gewinnt?
Ja, das würde er sicherlich auch tun. Er hat noch immer seine Versprechen gehalten und ich glaube nicht, dass er jetzt eine Ausnahme machen würde. Erst recht nicht, wenn er Weltmeister werden würde… Wenn er das schafft, werden sie ihm das und noch viele Dinge mehr nachsehen (lacht).

Würden Sie auch ein Versprechen einlösen, wenn Uruguay den Titel holt?
Nein, das ist nicht meine Art. Ich bin jedoch zu allem bereit, wenn Uruguay Weltmeister wird. Das wäre einzigartig.

Gibt es einen Spieler im aktuellen Kader, der Sie überrascht?
Nein, keinen, denn ich kenne sie alle schon lange. Wenn jedoch [Diego] Forlán auf diesem Niveau weiter macht, denn wird er der beste uruguayische Spieler seit vielen Jahren sein, und das schließt mich ein. Ich habe kein Problem damit, das ganz ehrlich zu sagen: Auf diesem Niveau sind wir alle ungefähr gleich, aber letztendlich ragt derjenige heraus, der gewinnt und sich auch in schwierigen Situationen durchsetzt. Mir ist es in meiner 18-jährigen Karriere nicht gelungen, bei einer WM zu glänzen. Wenn er es schafft, dann hat er mehr erreicht als ich. Das sage ich hier ganz offen.

Eine letzte Frage noch. Sie haben mehrere Jahre in Italien gespielt und kennen den Fussball dieses Landes gut. Sind die Italiener stark genug, um ihren Titel von Deutschland 2006 zu verteidigen?
Nun, in Deutschland war die Situation ähnlich: Sie hatten eine Mannschaft, die mal gewonnen, mal verloren hat und zunächst keinen sehr starken Eindruck machte… Aber am Ende waren sie Weltmeister. Italien zählt zu den Mannschaften, die sich im Turnierverlauf steigern können, genau wie Argentinien, Deutschland, Brasilien und auch Uruguay, wenn es so weiter geht. Ich weiß nicht, wie weit sie kommen können, aber man sollte nichts ausschließen.

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