FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

12 Juni - 13 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Die "Italien-Connection": Es kann nur Sieger geben

Neymar of Brazil and Mario Balotelli of Italy joke
© Getty Images

Charles Miller, der als Sohn schottischer Einwanderer in São Paulo geboren wurde, brachte den Fussball nach seiner Rückkehr aus England nach Brasilien. Aber später spielten dann italienische Immigranten eine fundamentale Rolle dabei, dass diese Sportart auch außerhalb der Vereine so ungeheuer populär wurde. Die Immigranten der damaligen Zeit hätten sicher nicht im Traum daran gedacht, dass sie die Grundlagen für eine wahrhaft gigantische Zukunft dieses Sports legen würden. Viele Jahrzehnte später sollte es bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ historische Begegnungen zwischen Brasilien und Italien geben, unter anderem auch zwei Endspiele.

"Der brillante Journalist Thomaz Mazzoni, Autor unzähliger Arbeiten über die Entwicklung des Fussballs in Brasilien, erklärt, dass der Fussball ursprünglich aufgrund seines elitären Charakters als gesellschaftliches Ereignis galt. Ähnlich wie ein Kino- oder Theaterbesuch. Man suchte sich das beste Spiel aus, und es gab keine Identifikation mit den Vereinen, sondern ging einzig und allein um das Spektakel", so Fernando Galuppo, Historiker und Journalist im Gespräch mit FIFA.com. Er ist Autor verschiedener Bücher über die Geschichte von Klubs mit italienischem Ursprung.

Der Fussball verbreitete sich in São Paulo durch die Vereinsgründungen von Arbeitern großer Fabriken, die zunächst keinen festen Vereinssitz hatten und häufig auf improvisierten Plätzen in den Stadtvierteln spielten. Von dort aus begannen sie nach und nach Geschichte zu schreiben. Italienische Siedler, die zunächst ins Land kamen, um auf dem Kaffeeplantagen im Landesinneren zu arbeiten und sich später in den Städten ansiedelten und dort unterschiedlichen Beschäftigungen nachgingen, spielten bei diesem Prozess eine entscheidende Rolle.

Oriundi
Der 1914 gegründete Klub Palestra Itália [vollständiger Name: Società Palestra Italia]* wurde zum wohl wichtigsten Repräsentanten der *Oriundi, wie die italienische Gemeinde in Brasilien bezeichnet wird. Bis 1930 wurden alle Versammlungen des Klubs in italienischer Sprache abgehalten. 1920 erwarb der Verein das Estádio Palestra Itália, auch bekannt unter dem Namen Parque Antárctica. Das vom brasilianischen Journalisten und Schriftsteller Alcântara Machado beschriebene Stadion wurde im Laufe der Jahre immer wieder erweitert und befindet sich derzeit im Umbau. Palestra Itália holte Titel über Titel und wurde weit über die italienische Kolonie hinaus bekannt – allerdings unter einem anderen Namen.

Während des Zweiten Weltkriegs war es Vereinen laut einem Dekret der Regierung von Getúlio Vargas nämlich untersagt, in Ihren Vereinsnamen auf die sogenannten Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan zu verweisen. Beim Klub entschied man sich daraufhin für den Namen Palmeiras und behielt so wenigsten den Anfangsbuchstaben bei. Denselben Prozess durchlief ein weiterer Verein mit einem ganz ähnlichen Namen. Aus Societá Sportiva Palestra Itália wurde später Cruzeiro Belo Horizonte. Der Klub wurde 1921 in der Hauptstadt des Bundesstaates Minas Gerais gegründet und hatte ebenfalls ein beeindruckendes Wachstum zu verzeichnen. In Anlehnung an das Sternbild "Kreuz des Südens" [auf Portugiesisch: Cruzeiro do Sul], das auf der brasilianischen Flagge und den Flaggen verschiedener Länder der südlichen Hemisphäre zu sehen ist, wurde der Verein in Cruzeiro Belo Horizonte umbenannt.

Eine andere Geschichte
Clube Atlético Juventus wurde ebenfalls von italienischen Einwanderern gegründet und war in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens recht erfolgreich. Später konnte der Verein jedoch nicht mit den ganz großen Erfolgen der anderen Klubs der "Italien-Connection" mithalten. So gehört Juventus zwar nicht mehr zur Elite des brasilianischen Fussballs und des Fussballs von São Paulo, spielt aber noch immer eine große gesellschaftliche Rolle und konnte im Gegensatz zu anderen Vereinen seinen Namen behalten. Ein kurioses Detail am Rande: Das brasilianische Juventus spielt in dunkelroten Trikots und damit in derselben Farbe wie der FC Turin, der Erzrivale des italienischen Klubs Juventus Turin.

Nachdem Conde Rodolfo Crespi auf einer Reise durch Italien das Turiner Derby gesehen hatte, schlug er für den Werksklub des Unternehmens, das er in São Paulo im Stadtviertel Mooca gründen sollte, den Namen der "Alten Dame" vor. Anfangs waren die Vereinsfarben tatsächlich auch Schwarz-Weiß, wie beim italienischen Vorbild. Zur damaligen Zeit gab es in dem Verband, dem der Klub angeschlossen war, jedoch bereits mehrere Vereine mit schwarz-weißen Trikots, beispielsweise Corinthians und den FC Santos. "Angesichts dieser Situation suchte man bei CA Juventus nach einer Farbe, die es in dieser Division noch nicht gab. Auf Vorschlag des größten Förderers des Vereins, der bereits den Namen nach seinen Vorstellungen ändern wollte, entschied man sich schließlich für die Farben dunkelrot und weiß, die gleichzeitig auch die Farben des FC Turin sind", schreiben Fernando Galuppo, Angelo Eduardo Agarelli und Vicente Romano Netto in ihrem in Brasilien erschienen Buch Glórias de Um Moleque Travesso, in dem der Klub und seine Geschichte liebevoll unter die Lupe genommen werden.

Juventus ist nie zu einem der ganz großen brasilianischen Klubs herangewachsen, jedoch mittlerweile zu einem Traditionsverein mit Kultstatus und treuen Anhängern avanciert. Für Tradition steht auch das Estádio Rua Javari. Dieses ist allerdings schon gewachsen: Dort, in der bescheidenen, 5000 Zuschauer fassenden Spielstätte hat Pelé nämlich laut eigener Aussage das schönste Tor seiner Karriere erzielt. So geschehen am 2. August 1959 bei einem 4:0-Kantersieg des FC Santos gegen Juventus. Später gab es dazu Anekdoten in diversen Geschichtsbüchern: "Wenn alle, die behaupten, diesen schönen Treffer von Pelé gesehen zu haben, wirklich im Javari gewesen wären, dann hätte das Stadion innerhalb eines Tages überraschenderweise die Dimensionen des Maracanã angenommen."

Hier und da
Im Estádio Rua Javari waren an diesem Tag natürlich nicht wirklich so viele Menschen anwesend, wie ins Maracanã passten, aber die Spielstätte war immer bis auf den letzten Platz gefüllt, wenn Juventus gegen die großen Fussballmächte São Paulos antrat. Zu dieser Zeit herrschte allerdings nicht nur in kleinen Stadien großer Andrang. Damals war der Fussball bereits zu einer nationalen Institution geworden und Brasilien hatte unter der Führung des eben genannten Pelé die FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1958 gewonnen.

In diesem Turnier erzielte José João Altafini, genannt Mazzola, gegen Österreich den ersten Treffer für Brasilien, noch bevor der 17-jährige Pelé mit dem Spitznamen O Rei belegt werden und den Status eines Königs erhalten sollte. In dieser Partie erzielte Altafini noch einen zweiten Treffer, verlor aber bald darauf seinen Stammplatz. Vier Jahre später war er in Chile erneut bei der WM dabei, dieses Mal allerdings im Trikot der italienischen Nationalmannschaft. Nach seiner ersten WM-Teilnahme wechselte der ehemalige Akteur von Palmeiras zum AC Mailand, wo er bis 1965 unter Vertrag stand. Später war er auch noch für den SSC Neapel und Juventus Turin aktiv und wurde zu einer der wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte des italienischen Fussballs.

"Das ist ganz einfach. Damals wurde in Brasilien niemand in die Nationalmannschaft berufen, der im Ausland aktiv war. Niemand. Ich war damals 23 oder 24 Jahre alt und hätte mich sehr geärgert, wenn ich eine WM verpasst hätte. Ich habe die brasilianische Seleção nicht verlassen. Die Seleção hat mich verlassen", so Mazzola gegenüber der Zeitung Lance!.

Mazzola war nicht der erste Brasilianer, der für die Squadra Azzurra spielte. Letztendlich leistete Italien nicht nur einen Beitrag zur Entstehung einer großen Fussballmacht, sondern hatte auch selbst etwas davon. Heute ist dort eine bestimmte Spezies von Immigranten besonders gern gesehen: die Stars. Der erste von ihnen war der Stürmer Anfilogino Guarisi, genannt Filó, der bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 1934 mit Italien Weltmeister wurde. Er lief in der ersten Partie auf, in der er mit seinem Team einen 7:1-Sieg gegen die USA landete.

Guarisi stammt ursprünglich aus dem Nachwuchs von Portuguesa, spielte später für Paulistano und Corinthians und wechselte dann zu Lazio Rom, wo er von 1931 bis 1937 aktiv war. Wenn er damals seinen Blick nach rechts und links wandte, hätte er durchaus denken können, er sei noch in São Paulo. Schließlich hatte er noch vier Mannschaftskameraden, die früher bei Corinthians aktiv gewesen waren. Unter ihnen ragte vor allem der Verteidiger Del Debbio heraus. Und das war noch nicht alles. Sie alle waren nämlich Teil eines Teams, das später den Spitznamen Brasilazio bekommen sollte.

Italien und Brasilien - Eine ganz besondere Beziehung
In einer spektakulären Aktion hatte der Klub aus Rom nämlich für die Saison 1931/32 mehr als ein ganzes Team Brasilianer unter Vertrag genommen, von denen viele von den beiden "Palestras" kamen. Trainiert wurden sie von einem der ehemaligen Corinthians-Spieler, Amílcar Barbuy, der gleichzeitig als Trainer und Stürmer fungierte. Das Experiment glückte jedoch nicht, denn am Ende kämpfte das Team gegen den Abstieg.

Einige Spieler dieser Mannschaft kehrten alsbald nach Brasilien zurück, nicht jedoch die Familie Fantoni aus Minas Gerais. Sie alle waren zuvor Idole des Klubs gewesen, der sich später Cruzeiro nennen sollte, und bildeten bei Lazio eine Art Dynastie. Insgesamt gehörten fünf Familienmitglieder dazu, das bekannteste davon war Nininho, der mit der Auswahl trainierte, die die WM 1934 bestritt, jedoch den Sprung auf die endgültige Kaderliste nicht schaffte.

Heute, fast 80 Jahre später, hofft der defensive Mittelfeldspieler Thiago Motta, der aus der Talentschmiede von Clube Atlético Juventus stammt, auf einen Platz im Kader der Azzurra für die FIFA WM 2014, um dort die Chance zu bekommen, die ganz besondere Beziehung zwischen den zwei großen Fussball-Kulturen zu feiern.

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