FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Südafrika 2010™

11 Juni - 11 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™

Der ungewöhnlichste WM-Star

An octopus named Paul swims past the FIFA Football World Cup trophy.
© AFP

Nicht nur Diego Forlán, Thomas Müller oder Andres Iniesta waren bei der WM-Endrunde die großen Stars, sondern auch ein gewisser Kopffüßer, der über 5.000 Kilometer vom eigentlichen Geschehen weg war.

Schließlich konnte keiner der genannten Spieler von sich behaupten, bei der WM 2010 einen makellosen Auftritt hingelegt zu haben, wenn sie auch alle beeindruckende Leistungen zu verzeichnen hatten. Paul, der Krake, hat hingegen im Laufe des Monats, in dem er den kometenhaften Aufstieg zum Weltstar feiern konnte, nicht einmal den Fuß – oder besser gesagt die Tentakel – an die falsche Stelle gesetzt. Am Ende des Monats kam es zu einem wahren Transfer-Tauziehen.

Den richtigen Riecher
Für diejenigen, denen noch nicht ganz klar ist, worum es hier überhaupt geht, noch eine kurze Erklärung: Paul wurde dadurch berühmt, dass er von der ersten Runde der Gruppenspiele bis zum Finale acht Spielausgänge richtig tippte. Die Methode, mit der der berühmteste Bewohner des Sea Life Centers in Oberhausen seine Tipps abgab, war etwas ungewöhnlich. Zwei gleichartige Behälter mit den Nationalflaggen der gegeneinander antretenden Teams wurden in seinem Becken versenkt. Jeder enthielt eine Miesmuschel. Den Gewinner wählte er, indem er die Miesmuschel aus dem entsprechenden Behälter fraß. Er erwies sich dabei als so treffsicher, dass diverse europäische Fernsehsender Pauls Vorhersagen live übertrugen. Die Sätze "Paul der Oktopus" und "Pulpo" – das spanische Wort für Oktopus – generierten im Internet ein riesiges Verkehrsaufkommen und schafften es in Twitter weltweit unter die zehn beliebtesten Themen.

Mit diesem Erfolg machte er sich aber keinesfalls in der ganzen Welt beliebt. Nachdem er die ersten vier Ergebnisse der deutschen Nationalmannschaft korrekt vorausgesagt hatte, tippte Paul auf einen Sieg von Joachim Löws Team gegen Argentinien. Nicolas Bedorrou, ein berühmter argentinischer Koch, reagierte darauf, indem er auf Facebook ein Oktopus-Rezept veröffentlichte. Und es sollte noch schlimmer kommen. In Deutschland hatten zunächst alle für das "Maskottchen mit den übersinnlichen Kräften" geschwärmt – bis Paul dann die Halbfinalniederlage gegen Spanien voraussagte. Damit kippte die Stimmung und plötzlich erklangen auf dem Berliner Fan Fest Anti-Oktopus-Songs und auf den Titelblättern der Zeitungen prangten Schlagzeilen wie "Schmeißt ihn in die Bratpfanne". Es wurde auch vorgeschlagen, Paul ins Haibecken umzusiedeln.

T-Shirts und Kopfbedeckungen mit dem Konterfei ihres neuen Helden
Zu der Zeit, in der er in Deutschland als "Verräter" bezeichnet wurde, avancierte Paul in Spanien jedoch zum absoluten Helden, insbesondere, als er nach dem Halbfinalsieg Spaniens auch noch den ersten Sieg der Furia Roja in einem WM-Finale prognostizierte. Der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero versprach sogar, ein Team von Bodyguards zu entsenden, um diese außergewöhnlichste aller Fussballikonen zu beschützen. Umweltministerin Elena Espinosa wollte gar Artenschutz für ihn beantragen.

Auch Angebote von spanischen Geschäftsleuten gingen ein, ein Sommerfestival im Namen des Oktopus wurde geplant und viele Fans von Iniesta und Co. trugen T-Shirts und Kopfbedeckungen mit dem Konterfei ihres neuen Helden. Einige schlugen sogar vor, der Oktopus sollte den Stier als Nationalsymbol Spaniens ablösen.

Anderswo entbrannte in der Schlussphase des Turniers eine leidenschaftliche Debatte zu Pauls Nationalität. Sein deutscher Trainer erklärte nämlich, er sei in italienischen Gewässern gefangen und nicht wie ursprünglich angenommen in einem englischen Sea Life Center geboren worden. "Der Oktopus heißt Paolo!", war die Reaktion der italienischen Sportzeitung Tuttosport, während Il Corriere della Sera in dieser Neuigkeit einen "kleinen Trost für Italien" sah, nach einem Turnier, in dem die Azzurri sehr wenig zu lachen gehabt hatten.

Eine Krake als WM-Held
Selbst nachdem bei der WM 2010 der Vorhang gefallen war und das Sea Life Center in Oberhausen ankündigte, Paul werde nun wieder seiner früheren Beschäftigung nachgehen und Kinder zum Lachen bringen, ging die Geschichte noch weiter. Der Madrider Zoo machte nämlich ein gewagtes Transferangebot für diesen "Galaktischen" der anderen Art. Amparo Fernandez, die Sprecherin des Zoos, äußerte den Wunsch, Paul zu erwerben, um dem siegreichen spanischen Team Tribut zu zollen: "Sie haben uns den WM-Pokal gebracht, wir [werden] Paul herbringen. Er ist ein Symbol dieser Weltmeisterschaft."

Aber obwohl als "Ablösesumme" andere Tiere im Tausch angeboten worden und eine russische Wettfirma Paul auch noch als Buchmacher verpflichten wollte, deutet alles darauf hin, dass der Krake in Deutschland bleiben wird. "Ein Verkauf oder eine Ausleihe von Paul kommen absolut nicht in Frage", erklärte Kerstin Kühn, die Pressesprecherin von Sea Life gestern. "Er wird seinen verdienten Ruhestand in Oberhausen genießen."

Scheinbar wird Paul also still und heimlich von der Bühne abtreten und Tierexperten und Fussballfans mit der Verwunderung darüber zurücklassen, wie es einem Kraken gelingen konnte, durch richtige Voraussagen zu einer Legende der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft™ zu avancieren.

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