FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

12 Juni - 13 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Der Schüler überflügelt seinen Lehrmeister

Mexico players celebrate
© Getty Images

Der Schlusspfiff von Rudolf Glöckner an jenem 21. Juni 1970 verkündete weit mehr als das Ende eines Spiels. Er verkündete auch die endgültige Entstehung eines Mythos und einer engen Zuneigung zwischen zwei Ländern – ganz abgesehen von einer in der Geschichte der FIFA-Weltmeisterschaften nie dagewesenen Erstürmung des Spielfelds durch die Zuschauer. Mit dem 4:1-Triumph gegen Italien sicherte sich Brasilien den Weltmeistertitel und durfte den Jules-Rimet-Pokal endgültig behalten. Doch das große Fest im Azteken-Stadion veranstalteten überwiegend die mexikanischen Gastgeber.

"Das Spiel war vorbei, und plötzlich waren wir nicht nur überglücklich, sondern auch völlig beeindruckt. Von überall her kamen Mexikaner, und sie wollten an unserer Freude teilhaben. Sie hielten uns fest, küssten uns, umarmten uns. Sie wollten irgendetwas als Souvenir mit nach Hause nehmen – Stutzen, Schienbeinschoner, egal was", erinnert sich Carlos Alberto Torres, der damalige Kapitän Brasiliens, im Gespräch mit FIFA.com. "Ganz ehrlich:Es war als hätten wir vor einem heimischen Publikum gespielt, das uns abgöttisch liebte. Es war als wären wir ihre Helden – mexikanische Helden."

Und in der Tat waren sie das damals – sie waren dazu geworden. Selbst in Brasilien wird die Weltmeisterschaft von 1970 als die Vollendung von alledem begriffen, was nötig gewesen war, um die Magie des brasilianischen Fussballs zu erschaffen. Das Land war zum bis dahin glorreichsten WM-Sieger in der Geschichte avanciert – und dies wurde live und in Farbe übertragen. Es war die erste Weltmeisterschaft, die man in Brasilien auf diese Weise verfolgen konnte. Noch dazu präsentierte sich Pelé immer noch in Hochform. Das Team um Gérson, Rivellino, Tostão und Jairzinho erzielte in seinen sechs Partien, die allesamt gewonnen wurden, im Schnitt mehr als drei Tore. Man kann also verstehen, dass die Menschen in dem Land, das Schauplatz dieser wunderbaren Auftritte war – ein Land, dessen Fussball sich gerade am Anfang seiner Entwicklung befand – sich schlicht und ergreifend verliebt hatten. Der Platz vor dem Jalisco-Stadion in Guadalajara, wo die Seleção ihre ersten sechs Partien auf dem Weg ins Finale bestritt, wurde in "Plaza Brasil" umbenannt.

Über Jahre hinweg wurden mexikanische Kinder Carlos Alberto, Clodoaldo oder Edson getauft. "Die WM 1970 hat den brasilianischen Fussball für die Mexikaner zu einem Leitbild erhoben – zu einem Ideal", berichtet Mário Jorge Lobo Zagallo, Trainer des damaligen Teams, gegenüber FIFA.com. "Im Laufe der Zeit hat diese Bewunderung bei den Mexikanern allerdings nicht etwa zu einem Minderwertigkeitskomplex geführt. Ganz im Gegenteil: Wenn sie gegen Brasilien spielen, dann scheinen sie, trotz allen Respekts, noch um einiges motivierter zu sein."

Zufall? So oft?Diese Motivation ist natürlich subjektiv und lässt sich nicht messen. Die Rivalität, die sich zwischen den beiden Teams entwickelt hat, wird jedoch deutlich, wenn man die Spielergebnisse betrachtet. Und zwar nicht etwa bei x-beliebigen Aufeinandertreffen hier und da. Es handelt sich um Endspiele – und zwar mehrere. Nehmen wir zum Beispiel den CONCACAF Gold Cup 1996, bei dem Brasilien mit seinem von Zagallo betreuten designierten Olympia-Team als Gast teilnahm. Im Endspiel von Los Angeles triumphierte die mexikanische Auswahl um Luís García und Cuauhtémoc Blanco im strömenden Regen mit 2:0. Es war das erste von zwei Endspielen im Gold Cup, bei dem die Brasilianer gegen Mexiko unterlagen. Zu einer Wiederholung kam es 2003, als sich die Seleção um Robinho, Kaká und Co. im Finale im Azteken-Stadion nach "Golden Goal" in der Verlängerung geschlagen geben musste.

Doch das war noch nicht alles: Zu einem weiteren Aufeinandertreffen der beiden Teams kam es im FIFA Konföderationen-Pokal 1999, Schauplatz war erneut das Azteken-Stadion. Eine brasilianische Auswahl mit Stars wie Dida, Alex und einem Ronaldinho, der seinen Gegenspielern regelmäßig Knoten in die Beine spielte, scheiterte in einem hektischen Endspiel an den Mexikanern. Und dann gab es da noch das Finale der FIFA U-17-Weltmeisterschaft Peru 2005 – jenem Turnier, das eine Bestätigung für die gute Nachwuchsarbeit Mexikos war und die Zukunftshoffungen des Landes nährte. Im Endspiel lieferte das Team um Carlos Vela und Giovani dos Santos eine Galavorstellung ab und triumphierte mit 3:0.  

Noch mehr Beispiele gefällig? In diesem Fall wäre noch die jüngste frustrierende Niederlage Brasiliens zu nennen: Unter dem enormen Druck, den letzten noch fehlenden großen Titel gewinnen zu wollen – den des Olympischen Fussballturniers der Männer – traf im Finale von London 2012 in Wembley ein mit großen Namen wie Neymar, Oscar und Hulk gespicktes brasilianisches Team ausgerechnet erneut auf Mexiko. Obwohl Giovani dos Santos verletzt fehlte, behielt Mexiko allen Prognosen zum Trotz mit 2:1 die Oberhand. Oder wäre es etwa zu vermessen gewesen, auf die Brasilianer zu setzen, wenn sie gegen ihre Bewunderer auflaufen? Paradoxerweise haben sich die Bewunderer mittlerweile einen anderen Status erarbeitet – den der ewigen Widersacher.

"Traditionell spielt unsere Mannschaft gegen die großen Gegner am besten. Und genau das ist heute geschehen. Vor allem gegen Brasilien, das in der Regel ein eher offensiv ausgerichtetes Team aufs Feld schickt, ist dies immer gut zu beobachten", sagte Luis Fernando Tena, Trainer der mexikanischen Olympia-Auswahl, nach der Partie. Von seinem unterlegenen Kollegen auf der anderen Seite, Mano Menezes, erhielt er damals umgehend ein Lob. "Sie spielen furchtlos gegen uns aus einem ganz einfachen Grund: Sie verfügen über Qualität. Die junge Generation ist sehr talentiert. Und das Mitwirken der drei Routiniers [Carlos Salcido, José Corona und Giovani dos Santos] hat sie noch weiter gebracht. Auch wenn ihre Entwicklung erst spät in den letzten Jahrzehnten ihren Lauf nahm – heute sind sie eine Großmacht im Weltfussball."

Wenige, aber einflussreiche AuswandererDen Aufmerksameren ist wahrscheinlich früh aufgefallen, dass Giovanis Nachname "dos Santos" doch eher portugiesisch klingt. Und in der Tat ist der Star von Villarreal das Ergebnis eines zwar bescheidenen aber dennoch prägenden Stroms von Brasilianern nach Mexiko. Neben ihm selbst und seinem Bruder Jonathan dos Santos – beide Söhne von Francisco dos Santos, auch "Zizinho" genannt, der in den 80er Jahren bei CF América Karriere machte – haben noch weitere brasilianische Namen in der Entwicklung des mexikanischen Fussballs Spuren hinterlassen. Wie etwa Zague, der auch als Zaguinho bekannt ist. Es handelt sich dabei um Luís Roberto Alves, Sohn von José Alves, der als Zague auf der linken Angriffsseite für Corinthians São Paulo spielte und von 1961 bis 1967 zu einer Legende bei CF América avancierte.

Und dann gibt es da noch Muricy Ramalho, der 1979 den FC São Paulo nicht nur in Richtung eines eher ungewöhnlichen Landes verließ, sondern sich mit dem FC Puebla noch dazu einen eher bescheidenen Klub aussuchte. Bei diesem Verein begann er 1993 zudem seine überaus erfolgreiche Trainerlaufbahn. Wie gesagt: Viele Migranten waren es nicht, aber dafür umso einflussreichere.

Nun wird dieser Beziehung bei der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™ ein neues Kapitel hinzugefügt. Nachdem beide Teams schon beim FIFA Konföderationen-Pokal Brasilien 2013 in die gleiche Gruppe gelost wurden - Naymar führte Basilien zu einem 2:0 Erfolg - sind die *Seleção *und *El Tri *bereit für ein weiteres Auseinandertreffen. Der verlockende Mix aus Respekt, Geschichte, Einfluss und Überraschungen wird am 17. Juni in Fortaleza auf dem Spielfeld Einzug halten.

Und erneut wird man sich an die Liebesbeziehung erinnern, die 1970 begann. Erneut werden Erinnerungen hochkommen an die vielen Gelegenheiten, bei denen die Mexikaner beim Aufeinandertreffen mit ihren Vorbildern über sich hinauswuchsen. Und erneut werden sie die Chance haben, ihre Motivation in ein großartiges Ergebnis umzusetzen.

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