FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Brasilien 2014™

12 Juni - 13 Juli

FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™

Brasilianisch, deutsch... Fussball!

Deutschland brauchte drei Punkte gegen Ghana, um die K.o.-Runde der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2010™ in Südafrika zu erreichen. Im Angriff musste Bundestrainer Joachim Löw jedoch auf den gesperrten Miroslav Klose verzichten. Doch wer sollte ihn ersetzen?

Würden wir in einer ähnlichen Situation 15 oder 20 Jahre in der Zeit zurückgehen, wie groß wäre dann die Wahrscheinlichkeit, dass im Zusammenhang mit der deutschen Nationalelf ein Name wie Claudemir Jerônimo Barreto oder auch Cacau fallen würde? Die Traditionalisten würden an dieser Stelle wohl anführen, dass ein derartiger Vergleich hinkt. Doch in Südafrika war das die Realität, die der Bundestrainer schuf, als er den gebürtigen Brasilianer im Angriff aufstellte.

Neben der Tatsache, dass in der DFB-Elf ein Spieler namens Cacau zum Einsatz kam, darf auch die geographische und kulturelle Distanz zwischen beiden Ländern nicht außer Acht gelassen werden. Hinzu kommt, dass an dieser Personalie die beiden erfolgreichsten Nationalmannschaften beteiligt waren. In der Tat ist das eine sehr ungewöhnliche Kombination.

Wenn wir Ihnen nun aber sagen würden, dass Anfang des 20. Jahrhunderts einer der bedeutendsten Spieler des brasilianischen Fussballs ein in Hamburg geborener Akteur namens Hermann Friese war? Und dass dieser talentierte Spieler das Trikot von Sport Club Germânia trug, dem gleichen Verein, der einige Jahre später den ersten in Brasilien geborenen Star hervorbringen sollte, der auf den Namen Friedenreich hörte?

In diesem Fall wäre der Einsatz Cacaus doch schon weitaus weniger kurios und vielleicht auch eine Art Abrechnung zwischen den beiden Großmächten im Fussball. Dieser Frage haben wir versucht, anhand der historischen Beziehungen zwischen Deutschland und Brasilien nachzugehen, wobei der Fussball stets als roter Faden diente.

Die SiedlerDie deutsche Einwanderungswelle in das Gastgeberland der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft 2014™ verstärkte sich vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich zahlreiche europäische Auswanderer nach Südamerika aufmachten. Die größten Kolonien in Brasilien haben zweifelsfrei einen südeuropäischen Ursprung. In einem Land, das heute über 200 Millionen Menschen zählt, gibt es jedoch auch eine beachtliche deutschstämmige Präsenz, vor allem im Süden.

Der Süden bot nicht nur ein gemäßigteres Klima, sondern sollte möglichst auch stärker besiedelt werden - eine strategische Notwendigkeit, um ein Gebiet verteidigen zu können, dass ständig von Invasionen durch europäische Mächte und kontinentale Nachbarn bedroht war.

Ausgehend von São Leopoldo im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul verteilten sich die Einwanderer auf weitere Kolonien und gründeten unter anderem Städte wie Novo Hamburgo, Teutônia, Blumenau - das sein eigenes Oktoberfest hat und jedes Jahr über 500.000 Gäste willkommen heißt - und Pomerode.

Letztgenannte ist eine kleine Stadt in Santa Catarina, deren Einwohner mehrheitlich zweisprachig aufgewachsen sind und neben dem Portugiesischen auch Pomerano sprechen, das genauso wie das Hunsrückische ein typischer Dialekt der Deutsch-Brasilianer ist. Hinzu kommen noch die sprachlichen Variationen, die aus dem Kontakt mit den anderen Einwohnern entstehen.

Die Deutschen haben genauso wie die Italiener in São Paulo in diesen Städten eine entscheidende Rolle bei der Verbreitung des Sports gespielt. Die Vereine waren ein Ort der Gemeinschaft für die Kolonisten. Unter anderem entstand so am 19. Juli 1900 der Sport Club Rio Grande, der heute in der zweiten Liga des Bundesstaates Rio Grande do Sul spielt und der älteste ausschließlich im Fussball aktive Verein ist. Rio Grande hatte einst Unterstützer wie Christian Moritz Minnemann und Richard Völkers sowie auf Deutsch verfasste Protokolle.

Kunst oder Kraft?Weiter im Norden wurde in São Paulo, der bevölkerungsreichsten Stadt des Landes, der Sport Club Germânia gegründet. Dieser Verein widmete sich nicht ausschließlich dem Fussball, war aber schon recht früh auf den Fussballplätzen präsent und bestritt 1902 die erste Meisterschaft des Landes.

Für das vielseitige Talent und den ehemaligen Hamburger Georg Paul Hermann Friese, der im Alter von 21 Jahren nach Brasilien auswanderte, gab es keine bessere Begegnungsstätte. Er war bereits deutscher Meister über die 1.500 m gewesen und investierte auch in andere Disziplinen viel Zeit. Auf dem Platz war er Torschützenkönig der ersten Meisterschaften von São Paulo und wurde von der Zeitung O Estado de S. Paulo sogar zum "sensationellsten Spieler aller Zeiten" gewählt.

Zumindest für die damalige Zeit. Genauer gesagt bis 1909. Damals förderte Friese den ersten brasilianischen Star: Arthur Friedenreich, Mulatte und Enkel eines Deutschen, der nach der Europäischen Revolution nach Brasilien auswanderte und gemäß dem Journalisten Luiz Carlos Duarte, Autor des Buches über die legendäre Persönlichkeit, einer der Mitbegründer von Blumenau war. Der Spieler, der von den Uruguayern "Der Tiger" genannt wurde, begann seine Karriere bei Germânia, spielte aber während seiner Laufbahn, die er 1935 im Alter von 43 Jahren beendete, noch bei zahlreichen anderen Vereinen.

Germânia musste infolge des offiziellen Eintritts Brasiliens in den Zweiten Weltkrieg an der Seite der Alliierten seinen Namen ändern. Der brasilianische Präsident Getúlio Vargas setzte restriktive Maßnahmen gegen jene Vereine durch, die den Achsenmächten nahe standen, und die Sportklubs gehörten zu den wichtigsten Zielgruppen. Während aus Palestra Itália der Verein Palmeiras wurde, ist der ursprünglich deutsche Klub in Pinheiros umbenannt worden und heute in anderen Modalitäten, wie Judo, Basketball und Schwimmen, eine feste Größe.

Auch wenn Friese und Friedenreich auf dem Platz eher als Ballkünstler auftraten, entwickelte sich in den Vereinen des Südens auch aufgrund des Einflusses der Einwanderer ein Fussball, der bis heute von der Physis, Disziplin und Zweikampfstärke geprägt ist, auch wenn Ronaldinho da durchaus eine Ausnahme darstellt.

Auf der anderen SeiteDie allgemeine Unterscheidung zwischen dem Fussball aus Rio Grande do Sul und dem restlichen Brasilien nimmt ironische Züge an, wenn Paulo Rink in einem Interview gegenüber der Zeitschrift FIFA Weekly folgende Aussage macht*: *"In Brasilien profitierte ich überproportional von meiner starken Physis: 70 Prozent der Tore erzielte ich per Kopf. Interessanterweise schlug dies in Deutschland ins Gegenteil um. In der Bundesliga traf ich in 70 Prozent der Fälle mit dem Fuß. Mit anderen Worten: Ein brasilianischer Kämpfer ist in Deutschland ein Techniker.

Rink kommt ursprünglich nicht aus Rio Grande do Sul. Er ist in Curitiba, der Hauptstadt des Bundesstaates Paraná, geboren, hat einen deutschen Urgroßvater aus Heidelberg und sammelte seine ersten Erfahrungen bei Atlético Paranaense, bevor er in die Bundesliga wechselte, wo er zwischen 1997 und 2001 für Bayer Leverkusen und später für den 1. FC Nürnberg und Energie Cottbus spielte. In dieser Zeit standen zahlreiche brasilianische Spieler im Visier der deutschen Klubs. Routiniers wie Dunga und Jorginho ebneten den Weg für andere Talente - wie Elber, Lúcio, Juan, Zé Roberto, Emerson, Amoroso und aktuell auch Dante.

Ein Jahrzehnt vor Cacau war Rink der erste Brasilianer, der in die DFB-Elf berufen wurde. Er bestritt unter anderem den FIFA Konföderationen-Pokal 1999, die UEFA EURO 2000 und diverse Testspiele. "Das erste Aufgebot für die deutsche Nationalmannschaft ließ nicht lange auf sich warten. Damit stellte sich für mich allerdings auch eine Gewissensfrage: Sollte ich für Deutschland spielen und damit in meiner brasilianischen Heimat einige Leute vor den Kopf stoßen und meinen Bubentraum, einmal für die *Seleção *aufzulaufen, begraben? Ich hatte einige schlaflose Nächte, bevor ich mich für Deutschland entschied. Es war zunächst ein Kopfentscheid. Zu verlieren gab es aber eigentlich nichts. Schließlich hatte ich die Wahl zwischen zwei Top-Nationen. Dies machte den Entscheid auch in Brasilien für die meisten Leute nachvollziehbar", schrieb der ehemalige Angreifer, der heute Stadtrat in Curitiba ist.

Rink erinnert daran, dass eine Umfrage des Kicker-Magazins damals ergeben hatte, dass 78% der deutschen Fans dafür waren, dass er Teil der neuformierten deutschen Elf für die FIFA WM 2002 werden sollte. Am Ende wurde er aber nicht nominiert. Dadurch musste er nicht im historischen Endspiel gegen Brasilien antreten. Es war mit Ausnahme der WM 1978, wo sich Argentinien und die Niederlande im Finale gegenüberstanden, das erste Endspiel zwischen den beiden Schwergewichten, von denen zwischen 1954 und 1998 immer einer im Finale stand.

Neben Rink und Cacau hat auch Kevin Kuranyi das DFB-Trikot übergezogen. Der gebürtige Spieler aus Rio der Janeiro ist in Wahrheit eher ein Kosmopolit, hat die brasilianische, deutsche, panamaische und ungarische Staatsbürgerschaft. Als Kind und Jugendlicher spielte er in seinem Heimatland für den FC Serrano. Es folgte ein Intermezzo bei zwei panamaischen Klubs, eher er zum VfB Stuttgart wechselte. Er spielte zahlreiche Turniere im DFB-Trikot, verpasste allerdings die Heim-WM.

Cacau schlug sicherlich ein neues Kapitel auf, als er 2010 von Löw in den endgültigen WM-Kader berufen wurde, zumal er im Gegensatz zu Rink und Kuranyi keine deutschen Vorfahren hat. Nachdem er im Alter von 16 Jahren bei Palmeiras aussortiert worden war, wurde er Straßenverkäufer, bis sich dem Heranwachsenden eine unerwartete Gelegenheit bot. Ein Bekannter aus München empfahl ihn für Türk Gücü München, das in der fünften bayrischen Liga spielte. Das Ergebnis kennen wir bereits. Der Angreifer entwickelte sich weiter und wurde schließlich trotz aller Widrigkeiten Nationalspieler.

"Ich kam in München mit der brasilianischen Mentalität an und habe einige Zeit gebraucht, um mich an das neue Umfeld zu gewöhnen. Das war eine vollkommen neue Welt für mich", so der Spieler, der nach vielen Verletzungen nur geringe Chancen auf eine weitere WM-Teilnahme hat, gegenüber FIFA.com. "Ich bin heute sehr stolz darauf, von beiden Mentalitäten etwas verinnerlicht zu haben", wobei er unterbewusst auch "beide Nationalitäten" meinen dürfte.

Vielleicht gibt es also keinen Grund, die deutsch-brasilianische Verbindung als Kuriosität zu werten. Insbesondere nicht im Fussball, wie Cacau erklärt. "Bei den Brasilianern ist Lockerheit und Flexibilität sehr wichtig. Diese Eigenschaften helfen in gewissen Situationen. Bei den Deutschen steht Ordnung ganz weit vorne. Ich versuche, die positiven Seiten von beiden Mentalitäten in mir zu haben. Das ist für mich die perfekte Mischung!"

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