FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

14 Juni - 15 Juli

FIFA WM 2018™

Die Suche nach Gründen für das historische Aus

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Von Steffen Potter, Teamreporter Deutschland


Die deutsche Nationalmannschaft hat das WM-Quartier in Vatutinki bereits verlassen und ist zurück in der Heimat, während hier das große Aufräumen angesagt ist und die Medienschaffenden ebenfalls zusammenpacken.

Große Ernüchterung ist die überall vorherrschende Emotion – das hatte keiner erwartet. Und doch hatte es sich im Vorfeld ein wenig angedeutet, aber weder die Mannschaft noch das mediale Umfeld haben die Zeichen der Zeit richtig gedeutet oder wollten das und so wurde Deutschland zum dritten Weltmeister in Folge, dessen Mission Titelverteidigung bereits in der Gruppenphase endete.

FIFA.com begibt sich auf Spurensuche und sucht nach Gründen für das deutsche Scheitern.

1.) "Et hät noch emmer jot jejange!"

Lange Zeit war dies das joviale Motto des 1. FC Köln, nun schien es auch die Leitlinie der Nationalmannschaft bei dieser WM zu sein. "Es ist noch immer gut gegangen" – nach den schlechten Testspielen gegen Österreich (1:2) und Saudiarabien (2:1) unmittelbar vor dem Turnier gingen alle davon aus, dass mit WM-Beginn eine andere Mannschaft auf dem Platz stehen würde. Quasi auf Knopfdruck.

Dem war dann aber nicht so – die Probleme aus den Vorbereitungspartien setzten sich nahtlos gegen Mexiko fort und waren dann auch gegen Schweden und die Republik Korea sichtbar. "Ich hatte das Gefühl vor dem Mexiko-Spiel, dass wir eine gewisse Selbstherrlichkeit hatten", sagte Joachim Löw unmittelbar nach dem Ausscheiden. Gegensteuern konnte er aber offensichtlich nicht. Übrigens: der 1. FC Köln ist in dieser Saison abgestiegen.

  • 1 Minute lang nur lag Deutschland bei dieser WM in Führung

2.) Schlüsselspieler mit Problemen

Schaut man auf die Leistungen der DFB-Spieler in ihren Vereinen, kann man ihnen die Qualität wohl kaum absprechen. Doch zu viele der Akteure, denen in Russland eine Schlüsselrolle zugedacht war, waren weit entfernt von ihrer Bestform. Vor dem Turnier wurde vor allem darüber geredet, ob der lange verletzte Manuel Neuer seine Leistung würde abrufen können – diese Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Dagegen setzte sich die schon im Verein zu sehenden Formschwankungen von Mesut Özil, Julian Draxler und Thomas Müller im Turnier fort, Jerome Boateng kam von einer Verletzung zurück, Toni Kroos blieb weitestgehend blass und Sami Khedira konnte dem deutschen Spiel nicht die erhoffte Stabilität verleihen.

  • 2 Tore erzielte die DFB-Elf – so wenige wie noch nie bei einer WM. Nur Panama hat in Russland weniger oft getroffen (1).
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3.) Festhalten an den Weltmeistern

Dieser Punkt ist eigentlich bei allen Ex-Weltmeistern zu finden, die im folgenden Turnier scheitern. Der Grund dafür ist menschlich: Natürlich ist man als Trainer von den Spielern überzeugt, die einem zum großen Erfolg verholfen haben und baut weiterhin auf sie. Man muss nicht zwingend davon ausgehen, dass alle 2014er-Weltmeister ihren Zenit überschritten haben – aber aufgrund der angesprochenen Formschwäche wäre es vielleicht angebracht gewesen, jungen und belebenden Spielern wie Julian Brandt mehr Spielzeit einzuräumen.

  • 43 Prozent der Spielzeit verbrachte Deutschland in des Gegners Drittel – Spitzenwert. Auf Rang zwei und drei folgen Spanien (36) und Argentinien (32).

4.) Ausrechenbarkeit

Sprach man in der DFB-Elf nach dem ersten WM-Spiel noch davon, dass man von den Mexikanern taktisch überrascht wurde, so war dies umgekehrt nie der Fall: alle drei deutschen Gegner wussten ziemlich genau, wie die DFB-Elf agieren würde und konnten sich darauf perfekt einstellen. Selbst die Flügelrochaden im letzten Spiel wurden von den Koreanern erwartet und neutralisiert. Hoch stehend, auf Ballbesitzspiel ausgerichtet, das im letzten Drittel aber zahnlos und ohne Überraschungsmomente blieb. Selbst Standards – noch 2014 eine der deutschen Stärken - brachten keine besondere Gefahr.

  • Rund 4 Prozent seiner Chancen konnte Deutschland nur nutzen. Der schlechteste Wert aller Teams. Der Vorletzte kommt auf sieben Prozent, Russland an der Spitze auf 38 Prozent.

5) Mangelhafte Chancenverwertung

Es ist nicht so, dass Deutschland gar keine Torchancen herausspielte, wenn auch die Anzahl klarer Gelegenheiten sehr begrenzt war. Doch alleine im Schwedenspiel wurden mehrere klare Chancen vergeben und auch gegen die Koreaner hätte man beim Stand von 0:0 mehrfach treffen können. Es fehlte dem Titelverteidiger bei diesem Turnier ein zuverlässiger Vollstrecker, wie ihn andere Teams aufbieten können. Thomas Müller konnte diese erhoffte Rolle ebenso wenig ausfüllen wie Timo Werner oder Mario Gomez.

  • 67 Torschüsse gab Deutschland im Turnier ab – weit dahinter folgen Brasilien (56) und Spanien (45)

Und nun? Die Aufarbeitung wird zweifelsohne länger dauern als das WM-Abenteuer Russland. Bei der Ankunft in Frankfurt am Donnerstagnachmittag erklärte DFB-Präsident Reinhard Grindel, dass man übereingekommen sei, "dass die sportliche Leitung im Laufe der kommenden Woche der Führung des DFB eine erste sportliche Analyse vorlegen wird, und dann rechne ich auch damit, dass der Bundestrainer sich zu seiner Zukunft äußern wird." Man müsse nun "die tiefgreifenden Veränderungen, die wir jetzt brauchen, auf den Weg bringen". Welche das sein werden, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.

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