FIFA Fussball-Weltmeisterschaft Russland 2018™

14 Juni - 15 Juli

FIFA Fussball-WM 2018™

Russlands Cheftrainer Cherchesov zieht Bilanz

© AFP
  • Die russische Mannschaft sorgte bei der Heim-WM für Begeisterung
  • Russland hätte sogar fast das Halbfinale erreicht
  • Trainer Cherchesov spricht über die Gründe des Erfolgs

Die FIFA Fussball-WM 2018™ entwickelte sich zu einem unvergesslichen Fussballfest. Ein wichtiger Faktor waren dabei die starken Leistungen von Gastgeber Russland. FIFA.com traf sich zu einem Gespräch mit Stanislav Cherchesov. Wir fragten den Cheftrainer der "Sbornaja", wie es dem Team gelang, überraschend das Viertelfinale zu erreichen, das nach grandiosem Kampf gegen Kroatien erst im Elfmeterschießen verloren ging.

"Zunächst einmal gebührt den Organisatoren großer Dank", so Cherchesov gleich zu Beginn. "Nachdem uns die WM-Ausrichtung übertragen wurde, mussten wir alle, die für Russland gestimmt hatten, davon überzeugen, dass dies die richtige Entscheidung war. Alle organisatorischen Aspekte wurden nach extrem hohen Standards ausgeführt. Das sagen nicht nur wir, sondern auch unsere ausländischen Gäste. Das ist sehr wichtig, denn ohne diese Voraussetzungen hätten weder wir noch ein anderes Nationalteam gute Leistungen zeigen können.

Wir haben uns zwei volle Jahre auf dieses Ziel vorbereitet. Im Kader gab es während dieser Zeit basierend auf den Leistungen einen Auswahlprozess. Wir hatten auch mit Verletzungen zu kämpfen, wie die meisten anderen Teams. Wir haben versucht, alle Probleme zu lösen und uns dann auf die verfügbaren Spieler und die kommenden Gegner konzentriert. Vor der WM hatten wir ein sehr gutes Trainingslager in Tirol, wo wir uns auch auf den FIFA Konföderationen-Pokal vor einem Jahr vorbereitet hatten. Dieses Turnier war für uns die Generalprobe. Wir konnten unsere Probleme erkennen und uns darauf konzentrieren, sie bis zur WM abzustellen.

Uns war klar, dass wir das Eröffnungsspiel nicht nur gewinnen, sondern dabei auch überzeugen mussten, damit die Fans an die Mannschaft glauben. Nach dem Eröffnungsspiel grassierte dann in Russland das Fussballfieber. Das ganze Land hatte geduldig und angespannt auf die WM gewartet. Und dann waren die Mannschaft und die Fans vom ersten Spiel an vereint."

Der 5:0-Sieg im Eröffnungsspiel gegen Saudiarabien kam für viele überraschend. Doch die "Sbornaja" schaltete danach keineswegs zurück sondern sicherte sich bereits im nächsten Spiel den Einzug ins Achtelfinale. Auf die Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Uruguay folgte dann eine der größten Sensationen des Turniers, als Russland im Achtelfinale den Mitfavoriten Spanien aus dem Rennen warf. Im Viertelfinale trafen die Gastgeber dann auf Kroatien. Die beiden Teams lieferten sich eine packende Partie, an die man noch lange zurückdenken wird. Wir wollen wissen, in welchem Spiel Cherchesov mit der Leistung seines Teams am zufriedensten war.

"Emotional betrachtet war natürlich der Sieg gegen Spanien der Höhepunkt", so der Trainer, "doch was die Leistung angeht, war es wohl das Spiel gegen Ägypten. Wir wussten genau, was wir zu tun hatten und haben sofort auf den Sieg gedrängt, der die Qualifikation für das Achtelfinale bedeutete. Ein Trainer sollte allerdings kein Spiel bevorzugen, wie ein Vater keines seiner Kinder bevorzugen sollte. Alle fünf Spiele waren auf ihre eigene Weise zufriedenstellend und gaben uns wertvolle Anhaltspunkte."

"Wir wollten auch gegen Uruguay siegen, doch wir haben vorsätzlich unsere Taktik nicht verändert, damit unser nächster Gegner nicht davon ausgehen würde, dass wir das erneut tun", so Cherchesov weiter. "Zuvor hatten wir mit fünf Verteidigern gespielt. Doch im Vorfeld der WM und auch beim Turnier selbst hatten wir eine Viererkette. Ich denke, dass wir die Spanier damit etwas auf dem falschen Fuß erwischt haben. Sie konnten keine passende Antwort auf unsere taktische Einstellung finden. Ich bin den Spielern sehr dankbar, denn sie haben unsere Taktik buchstabengetreu umgesetzt."

Als Torhüter Igor Akinfeev im Elfmeterschießen sein Bein in die Höhe streckte und den entscheidenden Schuss von Iago Aspas hielt, brachen im ganzen Land wilde Jubelfeiern los. Doch damit war der Weg des russischen Teams noch nicht beendet: Das Viertelfinale gegen Kroatien war eines der packendsten und spannendsten in der WM-Geschichte.

"Ich wollte das selbst nicht sagen, um nicht unbescheiden zu wirken", lächelte Cherchesov, "aber da Sie es nun erwähnen... Für mich war dies das beste Spiel des Turniers, sowohl was den Fussball als auch was die Spannung angeht."

Russland brachte es bei der WM auf insgesamt elf Tore, von denen drei als schönstes Tor des Turniers im Rennen sind. Da kann ansonsten nur Belgien mithalten. Die Belgier waren die besten Torjäger des Turniers. Wie gelang es dem Team, so oft und so spektakulär zu treffen?

"Wir haben einige sehr talentierte Spieler", so der Trainer. "Jeder hat seine ganz eigene Stärke, sozusagen sein Markenzeichen. [Aleksandr] Golovin ist ein Spezialist für ruhende Bälle und Distanzschüsse, [Denis] Cheryshev hat einen fantastischen linken Fuß und was Artem Dzyuba leisten kann, wissen wir ja alle. Die Jungs waren konzentriert und gut vorbereitet. Unsere Spieler bekamen viel Anerkennung, auch über die schönen Tore hinaus. Und so sind jetzt ein paar europäische Spitzenklubs an einigen von ihnen interessiert. Das ist für uns natürlich sehr erfreulich."

© Getty Images

Dass Russland es bis ins Viertelfinale schaffte, ist ohne Frage eine herausragende Leistung. Nach dem schmerzvollen Aus im Elfmeterschießen gegen Kroatien allerdings gaben Spieler und Trainer gleichermaßen zu, sogar noch mehr angepeilt zu haben. Nachdem sich nun der Dunst gelegt hat und der Weltmeister gekrönt wurde, kann der Ausgang der WM mit etwas Abstand und einem kühlen Kopf besser bewertet werden.

"Das Viertelfinale ist für uns ein ziemlich gutes Ergebnis, wenn wir die Leistungen analysieren", so Cherchesov. "Kroatien hat im Halbfinale gegen England gewonnen und ist ins Finale eingezogen. Russland hat sich also definitiv gute Noten verdient. Doch es gibt eben nur eine WM-Trophäe, und die ging an Frankreich…

"Wir haben im März gegen die Franzosen gespielt und dabei erlebt, wie stark sie schon damals waren. Wir mussten wegen der Resultate unserer Vorbereitungsspiele gegen Argentinien, Spanien, Brasilien und Frankreich viel Kritik einstecken, doch diese Spiele gaben uns viele wertvolle Hinweise, die uns bei der WM-Vorbereitung halfen. Wir werden wieder gegen Frankreich spielen und ich bin sicher, die gewonnenen Erfahrungen werden dazu beitragen, dass wir gut spielen. Doch im Sport gibt es kein Wenn und kein Aber: Frankreich ist Weltmeister und ich gratuliere meinem Kollegen Didier Deschamps. Ich war sehr überrascht, wie für all die Superstars immer die Mannschaft an erster Stelle stand."

Wie geht es nach der WM im eigenen Land nun für Russland weiter?

"Alles ist in Bewegung und verändert sich. Einige Spieler haben sich aus der Nationalmannschaft zurückgezogen. Ich habe allerdings schon darüber gewitzelt, dass [Sergei] Ignashevich eigentlich schon vor zwei Jahren aus der Nationalmannschaft zurückgetreten war. Er sollte seine Telefonnummer besser nicht ändern! Wir haben wundervolle Emotionen erlebt. Die Fans waren begeistert. Doch wir müssen in Ruhe bewerten, wie wir abgeschnitten haben. Wir müssen unsere Leistungen analysieren und dann unsere nächsten Schritte planen."

Bei der emotionalen Zeremonie zu Ehren der "Sbornaja" in der vergangenen Woche in Vorobyovy Gory rief Cherchesov von der Bühne, dass das Team 2022 in Katar sogar noch weiter kommen könnte.

"Wenn ich nicht daran glauben würde, hätte ich es nicht gesagt", so der Trainer zum Abschluss. "Spieler und Trainer kommen und gehen, doch die russische Nationalmannschaft bleibt. Egal, wer in vier Jahren im Kader steht, wir müssen an das Team glauben und es unterstützen."

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