Wenn die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015™ ein Gesicht hätte, wäre es ihres. Es ist ohnehin überall zu sehen: auf den Plakaten für das Turnier, auf allen Werbetafeln sowie in den Fotoapparaten und Mobiltelefonen der Fans, die sich auf sie stürzen, um ein Bild mit ihrer Lokalheldin zu knipsen. Christine Sinclair ist in Kanada eine lebende Legende, das ist nicht zu übersehen.

Ihr Status verdankt sich nicht nur den mehr als 150 Toren in 220 Länderspielen, die aus ihr eine der erfolgreichsten Torjägerinnen in der Geschichte der Disziplin machen, sondern vor allem auch ihrer bescheidenen und einnehmenden Persönlichkeit. Davon konnte sich FIFA.com bei einem Interview im Vorfeld des Viertelfinales überzeugen, das Kanada am 27. Juni in Vancouver gegen England bestreitet.

Christine, unter den vielen großen Momenten, die Sie bisher erlebt haben, gehört eine WM im eigenen Land sicherlich zu den bedeutendsten. Ist es genau so, wie Sie es sich vorgestellt haben?
Überhaupt nicht, alles ist noch größer als wir hätten ahnen können! All die Vorbereitungen auf das Eröffnungsspiel beispielsweise waren viel stressiger als gedacht. Es herrschte mehr Druck als sich jede von uns hätte vorstellen können. Und in gewisser Hinsicht steigt er täglich, je weiter wir im Turnier kommen. Es wird immer intensiver. Unser Trainerstab hat vor dem Turnier exzellente Arbeit geleistet, um uns auf jenes erste Spiel vorzubereiten. Doch auf einen Teil der Erfahrungen, die wir momentan machen, konnte uns nichts vorbereiten.

Ist es nicht eine zu schwere Verantwortung, für all das zu stehen, wovon die Eltern für ihre Kinder träumen, wenn Sie doch eigentlich nur Fussball spielen wollen?
Es ist eine schwere Last, aber inzwischen empfinde ich es auch als Privileg. Als ich mit dem Spielen anfing, schaute ich nicht sehr auf weibliche Athletinnen. Meine Idole waren alles männliche Sportler. Es ist schön zu sehen, dass sich diese Zeiten geändert haben. Junge Mädchen können heute weibliche Athletinnen als Vorbild nehmen und von einer Karriere in unserem Sport träumen. Sie können davon träumen, die neue Melissa Tancredi, Erin McLeod oder Christine Sinclair zu werden. Das ist eine große Verantwortung, der ich gerecht zu werden versuche, indem ich als gute Kanadierin mit Stolz dieses Trikot trage, es ehre und auch außerhalb des Platzes jeden Tag mit gutem Beispiel vorangehe.

Bedeutet es zusätzlichen Druck für Sie, bereits im Alter von 18 Jahren von Ihrem damaligen Trainer Even Pellerud als beste Spielerin der Welt bezeichnet worden zu sein? Und diese Rolle rund 13 Jahre später für Ihre Mitspielerinnen, Ihren Trainer und Ihre Gegner immer noch einzunehmen?
Ich weiß nie, was ich über diese Dinge denken soll. Als Even das gesagt hat, war ich sehr jung und habe es nicht verstanden. Ich war noch ein Kind. Mich interessierte nur die Frage, ob ich mir meinen Platz in der Nationalmannschaft verdiente. Aber wenn die Menschen das damals dachten und 13 Jahre später immer noch denken, ist das eine Ehre. Ich weiß nicht, ob diese Komplimente berechtigt sind. Ich sage mir einfach, dass ich großes Glück gehabt habe. Ich war niemals verletzt, hatte großartige Trainer und unglaubliche Mitspielerinnen. Und ich habe immer noch dieses innere Feuer, diese Leidenschaft in mir, mein Bestes zu geben, damit meine Mannschaft gewinnt.

*Ihre Karriere gründet auf unzähligen Toren. War es schon bei Ihren ersten Schritten offensichtlich, dass Sie eine Torjägerin werden würden?
*
Ehrlich gesagt war das Toreschießen nie der Grund dafür, dass ich spiele. Ich habe einfach mit meinen Freunden damit angefangen, weil ich das Spiel an sich liebe. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Sicher, der Druck und das Niveau sind höher geworden. Aber der Grund dafür, dass ich spiele, ist der gleiche. Doch ich war tatsächlich schon immer Stürmerin. Ich weiß nicht warum, aber meine Mutter - meine erste Trainerin - hat mich in den Angriff gestellt. Sie lag offenbar nicht falsch. [Lacht]

*Der ehemalige italienische Nationalstürmer Filippo Inzaghi sagte einmal, dass seine Tore für ihn wie seine Kinder seien. Er erinnere sich an jedes einzelne und liebe sie alle gleich. Denken Sie über Ihre auch so?
*
Absolut nicht! Ich erinnere mich an einige große Momente, aber an die meisten meiner Tore habe ich keine Erinnerung mehr. Es gehört einfach zum Spiel. Ich glaube nicht, dass sich ein Mittelfeldspieler an alle Pässe erinnert, die er getreten hat, oder ein Torhüter an alle seine Paraden oder ein Verteidiger an seine Tacklings. Es ist einfach ein Teil des Spiels, so sehe ich meine Tore.

Lassen Sie uns dennoch ihr Gedächtnis auf die Probe stellen: Welches ist das erste Tor, an das Sie sich erinnern?
[Sie überlegt] Das erste, was mir in den Sinn kommt, ist ein Hallenturnier, das wir jeden Winter im BC Place in Vancouver bestritten. Und auf Anhieb - ohne nachzudenken, das ist interessant - sehe ich mich wieder, wie ich in einem dieser Turniere ein Tor schieße. Ich muss etwa acht Jahre alt gewesen sein. Ich habe bestimmt schon früher welche erzielt, doch das ist das erste, an das ich mich erinnere.

*Das schönste Tor Ihrer bisherigen Karriere?
*
Das war in Brasilien 2010 bei einem Vorbereitungsturnier auf die WM 2011. Es war im Finale gegen Brasilien, wir lagen zurück und waren in Unterzahl, ich war müde. Das Geschehen verlagerte sich auf die rechte Seite, eine unserer Stürmerinnen verlor einen Zweikampf und der Ball kam zu mir. Ich stand weit weg vom Tor, vielleicht 25 Meter und seitlich versetzt, doch ich habe sofort gedacht: 'ich muss schießen!' Ich habe mit links einfach mein Glück versucht, ein angeschnittener Schuss, der auf der anderen Seite im Winkel einschlug. Sie können es sich auf YouTube ansehen. [Lacht]

*Das wichtigste Tor Ihrer bisherigen Karriere?
*
Es gibt zwei. Das erste erzielte ich, als ich noch an der Universität war, im Finale der nationalen Meisterschaft. Damals galt noch die Golden-Goal-Regel. Es gab Verlängerung. Das Tor an sich nach einer Flanke war nichts Besonderes. Doch es bescherte uns den Meistertitel, und außerdem stellte sich heraus, dass es das letzte Spiel sein würde, das mein Trainer Clive Charles leiten sollte. Er starb wenige Monate später an einem Krebsleiden. Das zweite Tor ist das gegen China beim Eröffnungsspiel dieser WM. Es herrschte riesiger Druck, und aufgrund seiner Bedeutung für den Ausgang in unserer Gruppe und für die Auswirkungen, die es hatte, war es ein entscheidender Moment. Wahrscheinlich das aufreibendste Tor meiner Karriere!

Ihr Trainer John Herdman sagte diesbezüglich, Sie seien "dafür geboren, in solchen Momenten zu treffen." Wie passt diese Selbstsicherheit auf dem Platz zu Ihrem eher ruhigen und zurückhaltenden Charakter?
Ich bin immer dieselbe, sowohl auf wie neben dem Platz. Aber wenn ich spiele, habe ich ein anderes Selbstvertrauen. Vor allem mit dieser Mannschaft. Wenn in der 90. Minute eines WM-Spiels ein Strafstoß gepfiffen wird, führe ich ihn aus.  Das ist einfach so, da gibt es keine Diskussion. Ich strebe nicht danach, mich in den Vordergrund zu stellen, doch irgendetwas in mir sagt, dass ich keinen Frieden finden würde, wenn ich mich dieser Verantwortung nicht stelle. Ich kann so viel Druck nicht auf eine junge Spielerin abwälzen. Einen Elfmeter bei einer WM zu verschießen, kann einen Menschen oder eine Karriere zerstören. Es ist also normal für jemanden mit meiner Erfahrung, die Verantwortung zu übernehmen. Also schieße ich diesen Strafstoß, das ist einfach so.

*Sie haben einmal ein Tor erzielt, als Sie eine Halbzeit lang mit gebrochener Nase gespielt haben. Ist das typisch für Ihren Charakter auf dem Platz?
*
Ach ja, das habe ich auch gemacht! [Lacht] Es war das Auftaktspiel der letzten WM gegen Deutschland, und ich habe per Freistoß getroffen. Es waren 70.000 Zuschauer im Berliner Olympiastadion, und es ist uns gelungen, sie für einige Minuten zum Schweigen zu bringen. Selbst verletzt kehre ich auf den Platz zurück, wenn es auch nur die kleinste Möglichkeit dafür gibt. Es ist schließlich eine WM, das erlebt man nur alle vier Jahre. Für mich stellte sich nicht einmal die Frage, nicht weiterzumachen. Also sagte ich: "Ok, meine Nase ist noch da, ich kann weitermachen." Die Betreuer sagten, dass es zu gefährlich sei, doch ich habe ihnen versprochen, keinen weiteren Schlag abzubekommen.

Im Halbfinale des Olympischen Fussballturniers der Frauen London 2012, das am Ende gegen die USA verloren ging (3:4 n. V.), erzielten Sie einen Dreierpack. Hätte ein weiteres Tor an diesem Tag etwas an Ihrer Karriere geändert?
Ja und nein. Angesichts des Spielverlaufs wäre es nicht schlecht gewesen, ein Tor mehr geschossen zu haben [Kanada führte 3:1, die USA glichen in der 80. Minute aus und erzielten in der Nachspielzeit der Verlängerung das Siegtor]. Doch andererseits stehen wir vielleicht dank dieses Spiels da, wo wir heute sind. Das ganze Land hat sich an jenem Tag in uns verliebt und begann, sich wirklich mit uns zu identifizieren.

*Gegen was wären Sie bereit, all Ihre Tore einzutauschen?
*
Für den Gewinn dieser WM - warum nicht? Ich bin bereit, all meine Tore dafür zu geben und nie wieder eines zu schießen.

*Was wäre für Sie das ideale Traumtor, das Ihnen noch nicht gelungen ist?
*
Mein Traumtor wäre nicht unbedingt eine bestimmte Aktion, sondern eher eine Situation. Der Kontext wäre das Finale dieser WM gegen die Amerikanerinnen - und es wäre mir egal, wie der Ball ins Netz geht!

*Erinnern Sie sich noch daran, dass Sie bei einem FIFA-Turnier in einem Spiel fünf Tore erzielt haben?
*
Natürlich! Das war in Edmonton bei der U-19-WM, gegen England im Viertelfinale. Es wäre toll, wenn ich hier auch noch fünf Tore schießen würde! [Lacht] Einen solchen Moment erlebt man nur einmal in der Karriere. Ich erinnere mich nicht mehr genau an das Spiel und auch nicht an alle Tore. Doch ich weiß noch, was für ein Gefühl das war, nachdem ich die ersten zwei Treffer erzielt hatte. Ich wusste, dass es ein besonderer Tag war. Einer dieser Tage, an denen einem alles gelingt, egal was man macht.

*Die Engländerinnen Alex Scott, Laura Bassett und Fara Williams, Ihre Gegnerinnen in der nächsten Partie, haben es bestimmt nicht vergessen ...
*
Ach wirklich? Sie waren damals dabei? Das habe ich völlig vergessen. Sehr schön, so werde ich sie wieder daran erinnern können. [Lacht]

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