FIFA Frauen-WM 2015

Béliveau-Analyse zeigt hohes Niveau

(FIFA.com)
FIFA's Technical Study Group poses at the FIFA Women's World Cup Canada 2015
© FIFA.com

Der Frauenfussball entwickelt sich gut – und profitiert davon. Seit der ersten FIFA Frauen-Weltmeisterschaft im Jahr 1991 ist ein stetiger Anstieg des Niveaus zu verzeichnen. Seit jenem ersten Weltturnier in der VR China sind 24 Jahre und – Kanada 2015 eingerechnet – sieben Endrunden vergangen, in deren Verlauf es natürlich auch Neuerungen gegeben hat, zuletzt etwa die Erhöhung der Teilnehmerzahl von 16 auf 24 und die Einführung der Torlinientechnologie.

Und wer könnte die Entwicklung der Sportart, das Niveau des Wettbewerbs und die sich abzeichnenden Tendenzen wohl besser bewerten, als Sylvie Béliveau, die sich seit über 20 Jahren der Entwicklung des Frauenfussballs verschrieben hat und zudem aus dem Gastgeberland der aktuellen WM stammt? Die ehemalige kanadische Nationaltrainerin führte ihr Land zur FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 1995 in Schweden. Damals war sie noch die einzige Cheftrainerin einer Nationalmannschaft. Zwanzig Jahre später sind es derer acht und Sylvie Béliveau bekleidet die Funktion der Leiterin der ** Technischen Studien-Gruppe der FIFA (TSG) für das Turnier. Anlässlich der Viertelfinals zieht sie auf FIFA.com eine Zwischenbilanz der Frauen-WM 2015.

*Die Erweiterung auf 24 Mannschaften
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Diese Änderung bedeutet zugleich, dass auf sechs Vorrundengruppen aufgestockt wurde und mit den Achtelfinals eine Runde mehr zu absolvieren ist. Zudem konnten vier Mannschaften selbst als Gruppendritte noch in die Runde der letzten 16 einziehen. Ein Spiel mehr, das bedeutet für bestimmte Mannschaften ein unschätzbares Plus an Erfahrung. Vor allem für diese Mannschaften ist die Erhöhung auf 24 Teilnehmer günstig, denn sie können sich zeigen und sich Anerkennung verdienen – sei es nun in ihrer Heimat oder auf Ebene ihrer Konföderation. Das wiederum zieht die notwendige Unterstützung für ihre Vorbereitung nach sich. Durch die Aufstockung des Teilnehmerfeldes gab es einen zusätzlichen Platz pro Konföderation. Das heißt, mehr Mannschaften haben an ihre Chance geglaubt, die Motivation war größer, das Niveau des Turniers höher.

*Die Leistung der weniger erfahrenen Mannschaften
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Die Mehrzahl der Neulinge hat sich im Vergleich zu den Etablierten gut geschlagen, namentlich Kamerun, die Schweiz oder die Niederlande, die sich auf Augenhöhe mit Japan, Costa Rica oder Brasilien gezeigt haben. Aber loben muss man an dieser Stelle nicht nur die Neulinge sondern auch die weniger erfahrenen Mannschaften. Für Kolumbien beispielsweise war es erst die zweite Weltmeisterschaft und die Mannschaft ist entsprechend erheblich weniger erfahren als etwa Deutschland, die USA oder auch Australien. Dennoch war gegenüber dem WM-Debüt Kolumbiens 2011 ein deutlicher Fortschritt zu verzeichnen. Insofern ist klar festzuhalten, dass von den 24 Mannschaften jede ihren Platz verdient hat. Man muss ihnen nur Zeit lassen. Bei einer Regeländerung wie der Aufstockung der Teilnehmerzahl zeigen sich die erzielten Fortschritte erst nach vier oder acht Jahren.

*Die Entwicklung des Spiels
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Es ist interessant zu sehen, wie viele verschiedene Spielstile es gibt. Einige Mannschaften, wie Kamerun oder Kolumbien, setzen eher auf die individuelle Klasse einzelner Spielerinnen, während die weniger erfahrenen Mannschaften eher über das Kollektiv kommen.

Ferner geht der Trend zu vielseitigen Spielerinnen. Immer mehr Außenverteidigerinnen können auch offensiv auf den Flügeln oder im zentralen Mittelfeld spielen. Zugleich müssen die Innenverteidigerinnen in der Lage sein, das Spiel zu eröffnen. Verteidigen allein genügt nicht mehr. Sie müssen das Spiel lesen können, gute erste Bälle spielen, richtige Entscheidungen treffen. Diese Flexibilität hatte Japan zuvor schon insofern perfektioniert, als viele seiner Mittelfeldspielerinnen auch ganz vorn in der Spitze agieren konnten. Neu ist nun vor allem, dass es auch die Abwehrspielerinnen betrifft. Heute gibt es viele Mannschaften, bei denen die Außenverteidigerinnen im Fall einer Balleroberung im Mittelfeld aufrücken und so bei gegnerischem Ballverlust als Anspielstation zur Verfügung stehen. Sie stehen insgesamt höher, rücken bis zur Mittellinie auf.

Wir haben eine enorme Entwicklung des Spiels gesehen, in der sich Mannschaften auf engstem Raum mit nur ein, zwei Ballberührungen befreien können. Gute Teams haben ihre Qualität in der Variabilität in der Offensive gezeigt.

*Die Torhüterinnen
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Es ist beeindruckend, zu sehen, wie die Torhüterinnen in punkto Athletik, Entschlossenheit, Technik und Mitspielen zugelegt haben. Was das Torhüterspiel angeht, ist dies wohl die bislang insgesamt beste WM. Einige übernehmen auch Freistöße weit außerhalb ihres Tors. Das zeugt von Selbstvertrauen, da die Spielerin ja danach schleunigst wieder ins Tor zurück muss, mental aber bereit ist, dieses Risiko einzugehen und den Freistoß auszuführen.

Die Rolle der Trainerinnen und Trainer
Von 24 Mannschaften werden acht von einer Frau trainiert, insbesondere die Neulinge wie die Schweiz, Ecuador, Costa Rica oder Thailand. Seit den ersten Weltmeisterschaften hat sich dieser Posten sehr gewandelt. Einerseits ist es natürlich noch dieselbe Arbeit, andererseits wiederum mit früher überhaupt nicht mehr zu vergleichen. Inzwischen gibt es eine "Mannschaft hinter der Mannschaft", die der Cheftrainer bzw. die Cheftrainerin ebenso führen muss wie seine Spielerinnen. Wenn es auf Ebene des Funktionsteams Probleme gibt, wirkt sich das auch auf die einzelnen Spielerinnen und die Mannschaft aus. Früher bestand das Problem darin, alles allein bewältigen zu müssen. Spiele gegnerischer Mannschaften konnten noch ganz ohne Hilfsmittel analysiert werden. Heute gibt es Videoaufzeichnungen von jedem Spiel und Analyse-Tools für jedes Detail. Damit können Trainerinnen und Trainer jeden Gegner lückenlos analysieren. Das macht das Spiel interessanter, denn Trainerinnen und Trainer müssen sich im Spiel umstellen können. Der Gegner ist ja bis ins kleinste Detail bekannt, also muss man zu überraschen wissen, etwas ändern, auf die Umstellung des anderen im Spiel reagieren können. Das ist zu einem ganz zentralen Punkt geworden.

*Die zu treffenden Entscheidungen
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Eine Studie der Durchschnittswerte (Alter, Größe und Anzahl der Spiel) der eingesetzten Akteurinnen jedes Teams während des Turniers zeigt, dass die vier Halbfinalisten auf den ersten Plätzen in diesen Statistiken sind (ausgenommen Japan beim Aspekt der Größe). Daraus kann man natürlich keine Regeln ableiten, aber man kann sehen, dass man erfahrene Spielerinnen, mit vielen Einsätzen auf internationalem Niveau, genauso wie große Akteurinnen (Japan macht die mangelnde Größe mit besonderen technischen Fähigkeiten wett) braucht, um auf dem höchsten Level erfolgreich zu sich, 

Der Wille der Verbände, den Nationalmannschaften die Möglichkeit zur Entwicklung zu geben, ist entscheidend. Jeder Verband will so gut wie es nur geht bei der WM abschneiden. Dafür sollten zusätzliche Ressourcen für die Vorbereitung der Teams bereitgestellt, eine notwendige Pause zwischen dem Ende der Meisterschaft und dem Start dieses Wettbewerbs eingeplant und das alles an die Realität im Frauenfussballs angepasst werden: es gibt eine Mischung aus Profis und Amateuren.

*Die gewachsene Anerkennung für den Frauenfussball
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Kanada hat sein erstes WM-Spiel am 6. Juni 1995 bestritten. Auf den Tag genau 20 Jahre später bestritt Kanada sein erstes Spiel als Gastgeber bei dieser WM. Am 11. Juni 2015 folgte das zweite Gruppenspiel. Am 11. Juni 1995 hingegen war die WM für die damalige kanadische Nationalmannschaft schon vorbei. Damals wurden die drei Vorrundenspiele am 6., 8. und 10. Juni ausgetragen. Und was für Kanada gilt, gilt für alle Mannschaften. Damals diente die Weltmeisterschaft dazu, die Existenz des Frauenfussballs zu rechtfertigen. Inzwischen hat der Frauenfussball seinen festen Platz. Die Spielerinnen bekommen ihre Ruhetage zur Regeneration und auch die Torlinientechnologie wurde selbstverständlich geschlechterübergreifend auch im Frauenfussball eingeführt. Das verdeutlicht eine gewisse Weiterentwicklung. Wir befinden uns in einer günstigen Phase, in der es aber auch noch Instabilität gibt und noch viel zu lernen bleibt.

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