FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019

7 Juni - 7 Juli

FIFA Frauen-WM 2019™

Kerr: Vier Geheimnisse hinter Schottlands historischem Erfolg

© Others
  • Schottland qualifizierte sich kürzlich erstmals für eine FIFA Frauen-WM
  • Trainerin Kerr führte einen Wandel der Spielweise herbei
  • Sie erläutert die Schlüsselfaktoren hinter dem beispiellosen Erfolg

Die Reaktionen waren überwältigend. Schottland, das es noch nie zu einer FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ geschafft hatte und auch in der aktuellen Qualifikation als Außenseiter galt, hatte sich gerade für Frankreich 2019 qualifiziert.

Für Trainerin Shelley Kerr war dieser Erfolg besonders süß. Schließlich gehörte sie selbst noch einer schottischen Generation an, die von einem derartigen Erfolg nur träumen konnte.

Nach zahlreichen Enttäuschungen und Fehlschlägen in Qualifikationsrunden, die sie in ihrer 19-jährigen internationalen Karriere als Spielerin machte, kann sie besonders gut beurteilen, warum das aktuelle schottische Team Erfolg hatte, wo die Vorgänger samt und sonders scheiterten. Kerr tat dies in einem Interview mit FIFA.com und benannte dabei vier Schlüsselfaktoren für die gelungene Qualifikation.

1: Mentale Stärke und Belastbarkeit Von den sieben Siegen auf dem Weg nach Frankreich holten die Schottinnen vier nach zwischenzeitlichem Rückstand. Rückschläge und Probleme gab es auch abseits des Feldes.

"Die Spielerinnen mussten sich bei Problemen immer wieder bewähren und haben jedes Mal perfekt reagiert. Damit Sie einen Eindruck bekommen: Beim ersten Auswärtsspiel kam unser Gepäck nicht an und wir mussten uns schließlich bei den Weißrussinnen Spielkleidung ausleihen, um überhaupt vor der Partie trainieren zu können. Außerdem haben wir auf dem langen Weg einige schmerzliche Erfahrungen gemacht und sind mehrfach in Rückstand geraten und mussten uns wieder ins Spiel kämpfen.

Das Team hat dabei Charakter im Überfluss gezeigt. Außerdem waren die Spielerinnen stets voll konzentriert und entschlossen. Schottland ist in den vergangenen Jahren mehrfach 'glorreich gescheitert', doch das hat uns nicht interessiert. Und wir wollen uns auch nicht mehr als kleine Fussballnation sehen. Ich sage den Spielerinnen immer, dass man zu 99 Prozent aus dem Spiel mitnimmt, was man verdient. Und ich will nichts von Pech im Spiel hören. Unser Mantra lautet: 'Der Ball landet nicht zufällig im Netz'."

2: Taktische Veränderungen Kerr traf die kühne Entscheidung, die Spielweise der Mannschaft zu verändern, der ihre Vorgängerin Anna Signeul zwölf Jahre lang treu geblieben war. Sie führte eine offensivere Spielweise ein.

"Wir wollten auf dem aufbauen, was Anna geschaffen hat, nämlich eine sehr solide Mannschaft, die gut organisiert und schwer zu knacken war. Wir haben umfassende Analysen des Teams durchgeführt und uns die wichtigsten Faktoren und Trends an der Spitze des Frauenfussballs angesehen, um herauszufinden, welche Lücken wir schließen können.

Die Veränderung unserer Spielweise und die stärkere offensive Ausrichtung waren dabei die Schlüsselfaktoren. Daran arbeiten wir seitdem sehr intensiv. Wir haben immer daran geglaubt, dass wir talentierte Spielerinnen haben, die das umsetzen können, und genau das hat sich dann auch bewahrheitet. Technisch und taktisch ist die Mannschaft in dieser Saison enorm gereift."

3: Schottischer Nationalstolz Kerr schärft den Spielerinnen ein, jegliche Minderwertigkeitskomplexe abzulegen und sich auf die positiven Aspekte zu konzentrieren, für die Schottland bekannt ist.

"Wir haben im vergangenen Jahr einige Leitprinzipien für die Mannschaft festgelegt. So sollen sich die Spielerinnen zwar an der Weltspitze orientieren, aber dabei nicht vergessen, dass wir Schottinnen sind. Wir brauchen unsere eigene Identität und unseren eigenen Stil, der unsere Kultur widerspiegelt. Ich denke, das kam in den schottischen Teams der Vergangenheit zu kurz. In der jetzigen WM-Qualifikation hingegen ist diese nationale Identität deutlich zu Tage getreten.

Ich habe hier schon ein paar Mal auf Erin Cuthbert verwiesen (eine ebenso talentierte wie kompromisslose Stürmerin von Chelsea), denn sie verkörpert, wovon ich spreche. Sie ist gewieft, sie ist selbstbewusst, sie ist entschlossen – eine echte Kämpferin mit großem Siegeswillen. Das sind genau die schottischen Eigenschaften, die wir sehen wollen."

4: Mehr Professionalität Die große Mehrheit der schottischen Spielerinnen steht bei Profiklubs in den Topligen in England, Schweden, den USA und Italien unter Vertrag.

"Wir haben viele Spielerinnen, die in einem absolut professionellen Umfeld aktiv sind. Sie können ihr Talent dort optimal entfalten und sind daher sehr, sehr stark. Wir haben auch eine großartige Partnerschaft mit Sport Scotland und dem Scottish Institute of Sport. Das kommt den in Schottland aktiven Spielerinnen in Bezug auf Kraft- und Ausdauertraining und Sportwissenschaft sehr zugute.

Es werden bestimmte Ziele festgelegt und die Spielerinnen selbst sind sehr engagiert und wollen ihre Leistungsdaten sehen und verbessern - natürlich in Konkurrenz mit den anderen. Die physische Kluft zwischen uns und den führenden Nationen, die in früheren Jahren doch sehr offensichtlich war, haben wir geschlossen. Das ist für unsere angestrebte Spielweise auch sehr wichtig, denn man kann eine solch kräftezehrende Spielweise nur umsetzen, wenn man auch die körperlichen Voraussetzungen mitbringt, um das durchzuhalten."

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