FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011 ™

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FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011™

Thuram: "Der Fussball gehört allen"

Former French football player Lilian Thuram attends a press conference
© AFP

Lilian Thuram ist eine lebende Legende des französischen Fussballs. Der ehemalige Nationalverteidiger, der mit der Équipe Tricolore 1998 den WM-Titel holte und 2000 Europameister wurde, war zudem mit 142 Länderspielen Rekordnationalspieler seines Landes. Nur Sandrine Soubeyrand hat bislang mehr Länderspiele absolviert, und Thuram reiste eigens an, um die französische Spielführerin und ihre Mannschaft im Halbfinale gegen die USA zu unterstützen.

Es war Mittwoch, 13. Juni, der zehnte Tag der FIFA-Kampagne gegen Diskriminierung. Ein schöner Zufall für Thuram, der sich schon immer für diese Sache einsetzte. Es war zudem eine willkommene Gelegenheit, im Exklusiv-Interview mit *FIFA.com *über die Leistung der Spielerinnen von Bruno Bini bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011™ sowie über seine universelle Sicht auf den Fussball zu sprechen.

*Lilian, aus welchem Grund sind Sie heute in Deutschland?
*
Ich bin gekommen, um ein schönes Spiel zu sehen und die Bleues zu unterstützen! Ich hatte im Vorfeld bereits Gelegenheit, einige Spielerinnen der französischen Auswahl in Clairefontaine (Anm. der Red.: französisches Ausbildungszentrum) kennenzulernen. Die meisten haben dort ihre Ausbildung genossen, so dass ich mit einigen Kontakt knüpfen konnte, insbesondere mit der Verteidigerin Laura Georges.

*Sie sind ja auch das absolute Vorbild von Laura Georges...
*
Das beruht auf Gegenseitigkeit! (lacht) Immer wenn wir uns getroffen haben, hat sie mich mit Fragen über den Fussball und das richtige Stellungsspiel gelöchert - so sind wir uns näher gekommen. Vor der WM habe ich sie sogar angerufen, um sie zu motivieren und ihr Mut zuzusprechen. Wir hatten uns für das Halbfinale verabredet und jetzt bin ich hier!

*Es ist auch das Wiedersehen mit Sandrine Soubeyrand, die den Länderspielrekord immer weiter ausbaut. Sind Sie ihr auch nicht zu böse...?
*
Ganz im Gegenteil. Ich freue mich sehr darüber! Als sie meinen Rekord gebrochen hat, habe ich ihr sogar ein Trikot mit der Anzahl der Länderspiele überreicht. Ich finde das toll! Die Tatsache, dass sie meinen Rekord gebrochen hat, hat auch den Frauenfussball etwas weiter in den Vordergrund gerückt. Wir konzentrieren uns tendenziell zu sehr auf den Männerfussball. Somit ist jede Gelegenheit willkommen, die daran erinnert, dass der Fussball allen gehört.

*Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Frauenfussballs?
*
Ich kann nur für Frankreich sprechen, wo die Wahrnehmung leider etwas gering ist. Der Frauenfussball hat nicht die Möglichkeit, gesehen und somit geschätzt zu werden. Deshalb freut es mich umso mehr, dass die FIFA und Deutschland eine so großartige WM auf die Beine gestellt haben - mit vollen Stadien und zahlreichen Zuschauern vor den Bildschirmen.

*Glauben Sie, dass sich die Sichtweise der Menschen ändert?
*
Seit geraumer Zeit ist eine Änderung zu spüren. Um diesen Prozess zu beschleunigen, bedarf es aber einer besseren Wahrnehmung! Man muss die Kinder für diese Sportart motivieren. Damit die jungen Mädchen diesen Sport wählen und die Eltern das unterstützen, sind Vorbilder nötig. Das könnten die Spielerinnen dieser WM für die jungen Mädchen werden - aber auch für die Jungen, die oftmals noch Vorurteile haben. Man sollte den Frauenfussball aber nicht mit dem Männerfussball vergleichen. Im Endeffekt ist ja beides Fussball. Der Fussball lebt vor allem von den Emotionen. Das ist das, was man sucht, und deshalb liebt man diesen Sport. Davon gibt es während des Spiels genug. Ob da nun Männer oder Frauen auf dem Platz stehen, ist ziemlich gleich.

Gibt es Ihres Erachtens dennoch Dinge, die das Spiel der Frauen ausmachen?
Das hängt von den Mannschaften ab. Wie bei den Männern sind auch hier nicht alle Teams gleich. Man könnte auch Vergleiche ziehen zwischen der spanischen und englischen Spielweise, das hat aber nichts miteinander zu tun. Wie gesagt, ich glaube nicht, dass man das miteinander vergleichen sollte.

*Sind Sie nicht der Meinung, dass sich die Spielweise bei dieser WM von den Männern unterscheidet?
*
Ich bin kein Experte im Frauenfussball. Ich habe gehört, dass die Frauen eher den Weg nach vorne suchen, dass das Ergebnis oftmals nicht einfach verwaltet wird, teile diese Meinung aber nicht. Die USA haben im Viertelfinale gegen Brasilien auch nicht ihr normales Spiel entfaltet. Sie haben sich stärker auf die Defensive konzentriert, während sie normalerweise offensiver ausgerichtet sind. Das alles hängt von den Vorgaben des Trainers ab und hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.

Haben Sie den Bleues einen Rat mit auf den Weg gegeben?
Nein, überhaupt nicht! Ich bin nur da, um die Mannschaft zu unterstützen. Ich denke, dass der Schlüssel zum Erfolg darin liegt, dass alle bereit sind, für den anderen alles zu geben. Das ist die beste Methode, um positive Ergebnisse zu erzielen. Wenn die gesamte Mannschaft diese Philosophie verinnerlicht, erleichtert das die Arbeit auf dem Platz immens. Danach kommt es lediglich auf kleine Einzelheiten an. Ich hoffe aber, dass die Französinnen diese Prinzipien bis zum Ende anwenden werden. Als Franzose und ehemaliger Nationalspieler stehe ich voll hinter der Mannschaft - ganz gleich, was da noch kommen mag.

*Wagen Sie eine Prognose, wer Weltmeister 2011 wird?
*
Momentan vermag keiner vorherzusagen, wer diese WM gewinnen wird - und genau das macht diesen Sport ja auch aus. Man muss sich immer wieder infrage stellen, um seine eigene Geschichte zu schreiben. Der Fussball ist ein Abbild des eigenen Lebens mit all seinen Ungewissheiten. Deshalb ist die Leidenschaft für das runde Leder ja auch so groß. Ich hoffe, dass dieses französische Team eine großartige Geschichte schreiben wird.

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