FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™

FIFA Frauen-WM 2019™

Späte Anerkennung für die Pionierinnen von Ravenscraig

  • 1972 gab es das erste Frauen-Länderspiel zwischen England und Schottland
  • Duell bei der FIFA Frauen-WM 2019 am 9. Juni
  • Einige der beteiligten Spielerinnen erinnern sich

Wenn die Frauen-Nationalmannschaften von England und Schottland in Nizza zu ihrem Auftaktspiel in Gruppe D antreten, wird ein Stück Fussballgeschichte geschrieben, denn für die Schottinnen ist es das erste Spiel bei einer WM-Endrunde. Die Rivalität zwischen den beiden Fussballnationen reicht allerdings auch im Frauenfussball schon fünf Jahrzehnte zurück.

1972 trafen die beiden Frauenteams zu ihrem ersten Länderspiel aufeinander. Das Freundschaftsspiel fand im Ravenscraig Stadium im schottischen Greenock statt. Einige Beteiligte sprachen mit FIFA.com über das Spiel selbst, ihren Status als Pionierinnen des Fussballs und die Herausforderungen und Hürden, mit denen Fussball spielende Frauen in den 1970er-Jahren konfrontiert waren.

Das historische Spiel, fast exakt 100 Jahre nach dem ersten Länderspiel der Männer-Mannschaften, wäre ohne die Zusammenarbeit von Patricia Gregory, der damaligen Ehrensekretärin des englischen Frauenfussballverbands (WFA) und Elsie Cook, der damaligen Sekretärin des schottischen Frauenfussballverbands (SWFA), nicht zustande gekommen. Gregory stellte den Kontakt zu Cook her und die beiden einigten sich auf das Ravenscraig Stadium als Spielort, weil ein Verbot des schottischen Fussballklubs bestand, Plätze von Männer-Profiteams für Frauenfussball zu nutzen. Die beiden Frauen arrangierten die Anreise der Teams und die gesamte Logistik.

Scotland v England - poster for first women's international in 1972
© Others

"Schottland war einfach der geeignetste Gegner für unser erstes Länderspiel", so Gregory. "Wir haben nicht darüber nachgedacht, dass wir Fussballgeschichte schrieben. Wir haben ein Länderspiel bestritten, weil es eine logische Sache war. Wir wollten einfach ein Spiel spielen. Es standen keine großartigen Überlegungen dahinter."

"Finanzielle Unterstützung hatten wir überhaupt nicht", so Cook. "Die Trikots mussten wir über eine Art Vorschussregelung bezahlen,  und die Hosen haben wir uns vom den Glasgow Rangers ausgeliehen. Ich selbst habe die Wappen und die Rückennummern mitgebracht und aufgenäht."

Die Engländerinnen gingen als Favorit in das Spiel. Schließlich war ihr Verband bereits 1969 gegründet worden und entsprechend besser etabliert und es gab rund 200 Klubs, aus denen die Spielerinnen ausgewählt werden konnten. Auf schottischer Seite hingegen gab es erst sechs Klubs, die Spielerinnen abstellen konnten. Der schottische Fussballverband verweigerte dem Frauenfussball zudem bis 1974 die formelle Anerkennung. Das Spiel wurde somit ohne Rückendeckung durch den nationalen Verband ausgetragen.

"Viele Leute meinten damals noch, Frauen sollten grundsätzlich nicht Fussball spielen", so Jean Hunter, 1972 als 17-Jährige Rechtsverteidigerin im schottischen Team. "Ich denke, die Einstellung gegenüber Frauen im Fussball war ein Spiegelbild der damaligen Gesellschaft."

Doch genau diese Ablehnung war für viele der am 18. November 1972 beteiligten Frauen ein besonderer Ansporn. Und so entwickelte sich ein mit viel Leidenschaft geführtes, sehr unterhaltsames Spiel. Schottland ging durch Tore von Mary Carr und Rose Reilly mit 2:0 in Führung, wobei Reilly ihren Treffer direkt per Eckstoß erzielte. Noch vor der Pause gelang den Engländerinnen durch Sylvia Gore der Anschlusstreffer. Nach der Pause trafen dann Lynda Hale und Jeannie Allott für England und besiegelten damit einen 3:2-Sieg.

Two players battle for the ball during the Scotland-England first women's international at Ravenscraig Stadium in 1972
© Others

"Für mich und meine Familie war es etwas ganz Besonderes, dass ich für mein Land getroffen habe", so die damals 18-jährige Hale, die auf dem rechten Flügel spielte. "Doch außerhalb meiner Familie und der wenigen eingeweihten Freunde wusste niemand davon. Auch meine Kolleginnen und Kollegen hatten keinerlei Ahnung."

"Das Gefühl war unvergleichlich", meint auch Reilly, die damals 17-jährige Stürmerin. "Denn es kommt Nationalstolz ins Spiel. Es ist eben nicht einfach nur ein Fussballspiel. Es geht um Tore für dein Land – und das ist eines der schönsten Gefühle der Welt."

"Ich erinnere mich noch, dass es eisig kalt war", so Hunter. "Es lag Schnee und der Boden war vereist. Ich erinnere mich noch an ein Tackling, bei dem ich sogar vom Platz gerutscht bin, weil der Boden so vereist war!"

Players and technical staff celebrate a goal during the Scotland-England women's international match at Ravenscraig Stadium in 1972
© Others

"Es war eine sehr aufregende Sache", so Wendy Owen, die damals als 18-Jährige eingewechselt wurde. "Während der zweiten Halbzeit hat es stark geschneit. Wir saßen auf der Bank unter Decken und haben so das Spiel verfolgt!"

Das Resultat, also der 3:2-Sieg der Gäste, war angesichts der Bedeutung der Partie eigentlich nur Nebensache: Es war das erste Frauenfussball-Länderspiel für beide Nationen. Der Frauenfussball kämpfte damals um Anerkennung und gegen Vorurteile.

"Wir wurden nicht ernst genommen. Der schottische Fussballverband weigerte sich, uns anzuerkennen", so Cook. "Die sagten einfach: 'Fussball ist nichts für Frauen.' Diese Einstellung herrschte allerdings auch in der schottischen Gesellschaft vor – bei Männern, aber auch bei Frauen. In der Presse wurden wir lächerlich gemacht, und auch sonst überall. Doch all diese Vorurteile haben uns nur noch entschlossener unseren Weg gehen lassen."

Selbst als die Anerkennung bevorstand, gab es noch Vorbehalte. Am Tag vor dem Spiel in Ravenscraig gab es für das englische Team noch einen Pressetermin im Wembley-Stadion.

Owen erzählt: "Ich war damals eine naive 18-Jährige und stimmte zu, für einen Fototermin etwas Augen-Makeup zu tragen. Nie zuvor hatte ich das gemacht, weder auf noch abseits des Spielfelds. Ich bekam also den Lidschatten und tat für die Kamera so, als würde ich ihn auftragen. Dieses Foto erschien am nächsten Tag in der Zeitung. In den Jahren danach habe ich mich immer wieder sehr darüber geärgert. Warum bin ich nur in diese Falle getappt? Es war einfach typisch für die damaligen Presseberichte. Man konzentrierte sich darauf, wie wir aussahen, nicht darauf, wie wir spielten."

Wendy Owen applies make-up before a training session ahead of the first women's international between England and Scotland in 1972
© Others

Diese frühen Kämpfe sollten noch Jahrzehnte andauern. Der organisierte Frauenfussball wurde erst 1993 vom englischen Fussballverband FA eingegliedert. In Schottland erfolgte dieser Schritt sogar erst 1998. Nun endlich gibt es auch für die Pionierinnen des Frauenfusballs die längst überfällige Anerkennung.

Vor dem letzten Freundschaftsspiel Schottlands gegen Jamaika vor der Abreise nach Frankreich bekamen mehrere Frauen aus dem Team von 1972, darunter auch Reilly und Hunter, von Schottlands Erster Ministerin Nicola Sturgeon und Nationaltrainerin Shelley Kerr eine symbolische Kappe überreicht.

"Das haben wir damals verpasst", so Hunter mit einem Lächeln. "Es wäre großartig gewesen, in einem Stadion wie dem Hampden Park zu spielen. Ich empfinde großen Stolz auf diese Mädchen, die hier so viel erreichen – dank uns sind sie hier. Das hat uns Shelley Kerr gesagt: "Wenn ihr nicht gewesen wärt, dann wären sie nicht, wo sie jetzt sind."

Scotland v Jamaica - Women's International Friendly
© Others

"Das war sehr bewegend und emotional", so Cook "Nun endlich erhalten wir unsere Anerkennung. Mehr konnte der schottische Verband an diesem Abend nicht für uns tun. Diese Mädchen können ihre Länderspiel-Kappen ihren Familien und Freunden zeigen. Das bedeutet ihnen sehr viel."

Und was meinen die beiden nun zu dem bevorstehenden Duell bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Frankreich 2019™?

"Ich hoffe, dass die Mädchen für den Fussball wenigstens ein Viertel der Leidenschaft empfinden wie ich selbst damals", so Reilly. "Und ich bin sicher, dass sie uns stolz machen werden."

"Wir wünschen den Spielerinnen und dem Stab alles Gute", so Gregory. "Und wir hoffen, dass sie sich auch an die Vergangenheit erinnern können."

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