FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015

6 Juni - 5 Juli

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Onguéné: Zwischen falschem Papa und echtem Talent

© Getty Images

"Gabrielle Aboudi Onguéné ist die Tochter von Jean Manga Onguéné, ehemaliger Spieler und Nationaltrainer Kameruns." Die Information ist quasi offiziell und kann problemlos auf mehreren Internetseiten bestätigt werden, einschließlich der berühmtesten Online-Enzyklopädie. Mit diesem wertvollen Wissen in der Tasche begab sich FIFA.com zu einem Gespräch mit der Mittelfeldspielerin Kameruns, die ihrem Familiennamen gegen Ecuador und Japan alle Ehre gemacht hatte. Es war sogar schon fast alles vorbereitet, um ein Interview mit Jean Manga zu organisieren, um ihm einige Lobeshymnen auf seine Tochter zu entlocken...

"Aber von wem sprechen Sie denn da?", fragt Gabrielle unangenehm berührt auf die Bemerkung, wie stolz ihr Vater darauf sein müsse, dass seine Tochter Kamerun bei der ersten Teilnahme an der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft vertritt. "Das ist nicht mein Vater!"

Es folgen einige peinliche Augenblicke mit platten Ausflüchten und verwirrten Erklärungen, anschließend Gelächter und eine sofortige Entschuldigung. Doch die zwiespältige Situation löste sich schnell in Wohlgefallen auf und weichte für den Rest des Interviews sogar einer äußerst humorvollen Atmosphäre. Aufrichtige Entschuldigung also an Herrn Clément Onguéné, dem wirklichen Vater Gabrielles, der - um die Ironie perfekt zu machen - tatsächlich einst ein Foto von Jean Manga in seinem Wohnzimmer hängen hatte! "Ich kann ihn natürlich trotzdem als Vater bezeichnen. Für das, was er für den kamerunischen Fussball getan hat, ist er der Papa aller Spieler", sagte Gabrielle, die sich durch die Verwechslung mehr amüsiert als auf den Schlips getreten fühlte.

*Flucht und Erfolg
*
Sie hat ohnehin nicht das geringste Problem damit, einen Fehler zu verzeihen. Denn offenherzig räumte sie ein, in der Vergangenheit selbst einige begangen zu haben, unter anderem bei ihren ersten Schritten im Fussball. "Ich spielte immer mit den Jungs aus dem Viertel, als mich ein Herr Ibrahim entdeckte und mich zum ersten Mal zu einem Mädchenverein mitnahm", berichtete sie über ihre Anfänge bei Ngondi Nkam de Yabassi in Douala. "Als ich ankam, sah ich, dass es richtige Arbeit war mit Trainingsräumen, Übungen und so weiter. Für mich bedeutete Fussball, dass ich hingehe, meine Schuhe anziehe und spiele. In meinem Viertel sagte mir keiner, was ich zu tun hatte. Ich habe eine Woche trainiert und bin davongelaufen."

Einen Fehler begeht schließlich jeder einmal, und Herr Ibrahim bemühte sich, das wieder auszubügeln. Er fand das junge Mädchen und überzeugte es davon, an einem Turnier teilzunehmen. Dort weckte Onguéné  das Interesse von Canon de Yaoundé, einem der größten Vereine des Landes. Kaum ein Jahr später wurde sie in die Nationalauswahl berufen. "Damals war von Frauenteams keine Rede", erinnerte sie sich neun Jahre nach ihrem Länderspieldebüt. "Fussball hieß für mich, mit Jungs zu spielen. Also fiel es mir leicht, als ich anfing, gegen Mädchen zu spielen. Mir wurde bewusst, dass ich Talent hatte, es aber bis zu diesem Moment nicht genutzt hatte. Ich begann, Spaß am Training zu finden und bin wirklich motiviert geworden."

So sehr, dass sich die unzähmbaren Löwinnen, angeführt von Onguéné, kontinuierlich verbessert haben: Vierte bei der Afrikameisterschaft 2010, Dritte 2012, Zweite 2014 - Kameruns Ziel für die Auflage von 2016 liegt auf der Hand. "Wir müssen die Trophäe holen", kündigte die Spielerin von Louves Minproff an. Sie ist der Ansicht, dass der Abstand zu Nigeria, gegen das sie in den kontinentalen Wettbewerben bisher immer das Nachsehen hatten, nicht ganz so groß ist wie es scheint. "Ich glaube nicht, dass der Unterschied so groß ist. Doch in einem Spiel gibt es Fehler, die einem teuer zu stehen kommen, und leider machen wir mehr davon."

Das Recht auf Fehler
Das Wichtige ist, daraus zu lernen und sie zu korrigieren. Dies wurde Gabrielle beim Olympischen Fussballturnier der Frauen London 2012 klar, an dem Kamerun zum ersten Mal in seiner Geschichte teilnahm. Trotz dreier Niederlagen in ebenso vielen Spielen und nur einem Treffer, den übrigens Onguéné beisteuerte, waren die Kamerunerinnen keineswegs enttäuscht. "Wir haben zum ersten Mal erfahren, wie es bei einem großen Turnier zugeht. Es ging alles so schnell, dass wir zeitweise ein wenig verloren waren", räumte sie ein. "Wir haben auch eine Menge Tore kassiert, doch in Gedanken waren wir stolz auf uns. Denn wenn wir uns nie für solche Wettbewerbe qualifizieren, werden wir nie wissen, was uns erwartet. Heute bei der WM wissen wir, dass wir bestimmte Fehler, die uns 2012 teuer zu stehen gekommen sind, nicht machen dürfen."

Und so gelangen den Kamerunerinnen im ersten Spiel gegen Ecuador sechs Tore (6:0), bevor sie anschließend sogar den Titelverteidiger Japan zum Zittern brachten (1:2). "Das Niveau in der nationalen Meisterschaft ist nicht hoch genug, um sich auf eine WM vorzubereiten. Deshalb muss das jede für sich persönlich ausgleichen", erklärte die stellvertretende Kapitänin der Löwinnen. "Im Verein zu trainieren reicht nicht. Also habe ich zusätzliche Trainingseinheiten angesetzt und mit Männerteams gearbeitet, um mich an ein höheres Niveau zu gewöhnen und gegen die besten Mannschaften der Welt spielen zu können."

Die Arbeit hätte sich gegen die japanischen Weltmeisterinnen beinahe ausgezahlt, aber zwei Konzentrationsfehler zu Beginn der Partie verhinderten einen Erfolg Kameruns, der dem Team die Qualifikation für das Achtelfinale näher gebracht hätte. Stattdessen ist sich Gabrielle Onguéné schon im Vorfeld der Begegnung mit der Schweiz am 16. Juni darüber im Klaren, dass sie sich - ausnahmsweise - keinen Fehler mehr erlauben darf.

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