FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Eine breitere Spitze

Gaetane Thiney of France watches as a cross from Sonia Bompastor floats past Hope Solo of USA
© Getty Images

"Die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft in Deutschland war die beste aller Zeiten", schreibt FIFA-Präsident Joseph S. Blatter im Vorwort des technischen Berichts zur FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2011™, der diesen September erschienen ist. "Diese Weltmeisterschaft hat in jeder Hinsicht gezeigt, wie stark sich der Frauenfussball weiterentwickelt hat - angefangen beim Schnitt von 2,7 Toren, dem tiefsten je verzeichneten Wert über alle Spiele."

Die positive Einschätzung des Präsidenten wird auf den Seiten des Berichts klar bestätigt. Das 164-seitige Werk der Technischen Studiengruppe der FIFA (TSG) belegt mit einer Fülle von Zahlen und Fakten, dass das Niveau im Frauenfussball weiter gestiegen ist.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Berichts ist die zunehmende Konkurrenz an der Spitze. "Der Abstand zwischen den Topteams und den Verfolgern ist kleiner geworden", schreibt Vera Pauw, ehemalige niederländische Nationalspielerin und jetzige Trainerin der russischen Frauenauswahl, in ihrer technischen und taktischen Analyse und nennt als Beleg für die Ausgeglichenheit der 16 Endrundenteilnehmer die Leistungen der beiden Turnierneulinge Kolumbien und Äquatorial-Guinea.

Die beiden boten bei ihrem Debüt in der Tat eine bemerkenswerte Leistung. Die Kolumbianerinnen mussten sich zum Auftakt gegen den späteren Halbfinalisten aus Schweden nur knapp geschlagen geben und überzeugten durchwegs mit einem geduldigen Spielaufbau. Äquatorial-Guinea blieb zwar punktelos, hielt die Spiele gegen Brasilien, Australien und Norwegen bis zur Halbzeit aber jeweils ausgeglichen. Kantersiege, wie sie noch 2007 (Deutschlands 11:0 gegen Argentinien) oder 2003 (Norwegens 7:1 gegen die Republik Korea) zu sehen waren, blieben diesmal aus.

Dennoch gibt es nach wie vor kleine, aber feine Unterschiede. "Hauptunterschied war im Wesentlichen die mannschaftliche Geschlossenheit und die Qualität der Entscheidungen und Aktionen der Spielerinnen", so Pauw. "Die besten Teams verfügen über eine stabile, ausgewogene Organisation, setzen nun aber zusätzlich - sowohl in der Defensive als auch in der Offensive - verstärkt auf die gegenseitige Unterstützung durch die Spielerinnen."

*Schnelleres Pressing
*
Der Bericht geht auch eingehend auf die unterschiedlichen Spielsysteme und -arten der Teams ein. Während einige auf einen geduldigen Spielaufbau setzten, bevorzugten andere wie Frankreich und Japan eine blitzschnelle Angriffsauslösung, um den Gegner zu überrumpeln. Wenig Erfolg hatten die beiden Teams, die noch im "Kick-and-Rush"-Stil spielten. Weder Neuling Äquatorial-Guinea noch die ehemaligen Weltmeisterinnen aus Norwegen schafften es mit dieser Taktik ins Viertelfinale. "Im modernen Frauenfussball sind die Teams defensiv zu gut organisiert, um sich auf diese Weise bezwingen zu lassen", lautet das Fazit des Berichts.

Beim Defensivverhalten war festzustellen, dass immer mehr Teams den Gegner nach einem Ballverlust sofort unter Druck setzten, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg. "Die weit vorne platzierten Teams waren in der Lage, ihren Abwehrblock rund 30 Meter vor und zurück zu verschieben, ohne den Abstand zwischen den Mannschaftsteilen zu groß werden zu lassen", so die Analyse der TSG. Brasilien war das einzige Team, das auf dem ganzen Feld eins gegen eins verteidigte, wobei jede Spielerin für eine bestimmte Zone zuständig war und eine Gegnerin folglich nur in ihrem Bereich deckte. Diese Abwehrtaktik hatte aber insofern einen großen Nachteil, als die Spielerinnen ihre Positionen immer wieder neu einnehmen mussten. Die Brasilianerinnen konnten dies aber mit ihren herausragenden individuellen Fähigkeiten, sowohl in der Abwehr als auch im Angriff, wettmachen.

Große Fortschritte gab es auch beim Angriffsspiel, insbesondere beim Spielaufbau. "Diese Fortschritte waren angesichts der besser organisierten Abwehrreihen auch nötig. Da die Verteidigerinnen zudem auch spielerisch und konditionell stärker geworden sind, müssen die Angreiferinnen neue Wege finden, um Lücken aufzureißen und Chancen herauszuspielen. Den Gegner einfach zu überrennen, ist schlicht nicht mehr möglich."

*Bessere Torhüterinnen
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Die Leistungen der Torhüterinnen sorgten bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft immer wieder für Gesprächsstoff. 2011 präsentierten sich die Torfrauen im Allgemeinen stark verbessert. Die meisten waren austrainiert und verfügten über   das nötige technische Rüstzeug wie Fausten und Hechten nach dem Ball.

Die Rolle der Torhüterinnen geht mittlerweile aber weit über die reine Abwehrarbeit hinaus. Gefragt sind immer mehr auch ihre Qualitäten als Abwehrorganisatorin und "hinterste Verteidigerin". Als Anspielstation für Rückpässe und zusätzliche Option im Spielaufbau können sie ihre Vorderfrauen entlasten.

Die U.S.-Amerikanerin Hope Solo, die von der TSG als beste Torhüterin mit dem Goldenen Handschuh von adidas ausgezeichnet wurde, war in dieser Hinsicht beispielhaft. "Indem sie immer gut positioniert war, um lange Bälle abzufangen, ermöglichte sie ihrer Abwehr, bei eigenem Ballbesitz weiter aufzurücken, ohne dadurch Lücken für schnelle gegnerische Konter entstehen zu lassen", schreibt TSG-Torhüterexpertin Anne Noe.

"Die komplettesten Torhüterinnen wurden nach Ballgewinnen häufig zum Ausgangspunkt eigener Angriffe", so Noe weiter, die als bestes Beispiel die Schwedin Hedvig Lindahl anführt. Deren Bälle fanden fast stets eine Mitspielerin. Sobald die Torhüterin in Ballbesitz war, rückte sie bis zur Strafraumgrenze vor und spielte einen präzisen Abwurf oder Pass zu ihren Stürmerinnen.

Nach wie vor verbesserungswürdig sind bei den Torhüterinnen hingegen die Schussabwehr und das Verhalten in Eins-gegen-eins-Situationen. Ebenfalls eine Schwäche sind hohe Bälle, vor allem unter Druck. Ohne ausreichend Zeit und Platz hatten viele Torfrauen Mühe, den Ball sauber zu fangen.

Damit diese Schwächen behoben werden können, müssen die Torhüterinnen schon im Jugendalter gezielt gefördert werden. "Angesichts der stetig steigenden Qualität des Frauenfussballs reicht Talent alleine nicht mehr aus, um auf der Position der Torhüterin bestehen zu können", hält Noe fest. "Die Verbände sollten deshalb unbedingt in gute Trainer für ihre Torhüterinnen investieren, und zwar schon bei den Juniorinnen."

*Stabile Verletzungsrate
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Der TSG-Bericht beschränkt sich keineswegs auf eine technische und taktische Analyse, sondern bietet eine Fülle weiterer Informationen - etwa zu den medizinischen Aspekten des Turniers. Hier wurde insbesondere die Trendwende bei den Verletzungen vermerkt. Während bei den letzten drei FIFA Frauen- Weltmeisterschaften und Olympischen Fussballturnieren eine stete Zunahme der Verletzungen verzeichnet worden war, blieben die Werte dieses Mal stabil und lagen mit 2,3 Verletzungen pro Spiel in etwa auf dem Niveau von 2007.

"Sehr erfreulich war der deutlich tiefere Wert bei den Kopfverletzungen: nur noch 12% im Vergleich mit 27% im Durchschnitt bei den letzten Frauen- Weltmeisterschaften", lautete ein weiteres Fazit des Berichts.

Weniger Verletzungen, mehr taktisches Verständnis und grenzenlose Begeisterung - die Bilanz des Turniers lässt sich sehen und dürfte weltweit noch mehr Mädchen für den Frauenfussball begeistern. "Die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Deutschland 2011 hat eindrucksvoll gezeigt, dass Frauenfussball technisch, athletisch, schnell und unterhaltsam ist", betonte Präsident Blatter in seinem Vorwort. "Der Sport hat sich etabliert."

Eine elektronische Fassung des technischen Berichts der FIFA Frauen- Weltmeisterschaft 2011™ kann über den entsprechenden Link hier in der rechten Menüleiste heruntergeladen werden.

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