FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015

6 Juni - 5 Juli

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Brasiliens doppelte Herausforderung

© Getty Images

"Alle brasilianischen Trainer träumen davon, eines Tages unsere Nationalmannschaft zu betreuen. Und ich wurde auserwählt!" Es war das entscheidende Argument, das Oswaldo Fumeiro Álvarez dazu bewog, das Traineramt zu übernehmen. Die Tatsache, dass es sich dabei um eine Frauen-Nationalmannschaft handelte, machte das Vorhaben nicht weniger attraktiv, sondern im Grunde nur umso spannender. "In einer Phase meiner Karriere, in der ich bereits sehr viel Erfahrung gesammelt hatte, stellte mich diese Aufgabe vor eine neue Herausforderung. Ich musste einiges dazulernen, verstehen und noch härter arbeiten. Es ist sowohl auf persönlicher als auch beruflicher Ebene eine großartige Gelegenheit."

Álvarez, dessen Laufbahn im Männerfussball 20 Jahre zurückreicht, hat inzwischen sein erstes Jahr als Trainer der Frauen-Mannschaft hinter sich. "Die Bilanz ist durchweg positiv. Die Mannschaft hat sich toll weiterentwickelt und wir hoffen, bestens vorbereitet zur WM zu fahren", so der Trainer mit dem Spitznamen Vadão im Interview gegenüber FIFA.com.

Die FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015™ wird seine nächste Herausforderung sein. Und vielleicht nicht einmal die Größte: "Unser größtes Ziel sind die Olympischen Spiele 2016. In Brasilien ist die Erwartung in Bezug auf die Olympischen Spiele, deren Gastgeber wir sind, bei allen Athleten extrem hoch", bestätigt der 58-jährige Trainer.

Permanente Nationalmannschaft
Die doppelte Herausforderung (WM und Olympische Spiele) sowie die bevorstehenden Panamerikanischen Spiele haben den Brasilianischen Verband dazu bewogen, besondere Maßnahmen zu treffen, um eine Mannschaft zu formen, die diesen großen Herausforderungen gewachsen ist. "Die brasilianischen Ligen sind nicht wettbewerbsfähig genug, sodass wir uns gesagt haben, dass wir in Bezug auf Physis, Taktik und Intensität nur das optimale Niveau erreichen können, wenn wir dauerhaft zusammenarbeiten", so der Trainer.

Aufgrund dieser Überlegungen betreut Vadão seit Anfang des Jahres eine 'permanente Nationalmannschaft', die in Itu Spa Sports ihr Trainingslager bezogen hat und lediglich auf die Spielerinnen verzichten muss, die bei ausländischen Klubs unter Vertrag stehen, wie Marta oder Bias.

"Die Situation ist etwas ermüdend und anstrengend. Dank der richtigen Planung wissen wir aber ganz gut damit umzugehen. Die meisten Spielerinnen kommen aus dem Bundesstaat São Paulo, wo wir unser Trainingslager bezogen haben, sodass sie in den trainingsfreien Zeiten zu ihren Familien zurückkehren können", berichtet der Trainer.

Das Fehlen einer festen und wettbewerbsfähigen Struktur im brasilianischen Frauenfussball ist eines der drei große Probleme, mit denen sich der ehemalige Trainer von Corinthians, São Paulo, Bahia, Atlético Paranaense, Ponte Preta und Guarani in seiner neuen Funktion konfrontiert sieht. "Anfangs war das größte Problem der Zeitmangel, da wir bereits nach der zweiten Begegnung unter meiner Leitung zur Südamerikameisterschaft gereist sind, um uns das Ticket für die WM und die Panamerikanischen Spiele zu sichern. Es ist aber alles gut gelaufen und wir holten schließlich den Titel. Eine andere Herausforderung bestand darin, sich eingehender mit den großen Teams des Frauenfussballs zu beschäftigen. Die Teilnahme am Algarve-Cup, wo wir sie aus nächster Nähe gesehen haben, war allerdings eine große Hilfe."

Während dieses Lernprozesses über den weiblichen Part eines Sports, den er so gut kennt, fiel dem Trainer vor allem eines auf: "Was mich am meisten beeindruckt hat, ist die große taktische Disziplin der Mannschaften. Die Frauen sind in dieser Hinsicht sehr stark."

Das Brasilien Vadãos
Und welche Taktik gibt er für seine Mannschaft aus? "Die brasilianische Spielweise zeichnet sich durch das Passspiel aus. Wir haben zwei klar definierte Systeme: ein 4-4-2 mit zwei Viererreihen und ein 4-3-3 mit drei Angreiferinnen. Bei der WM bekommen wir es mit sehr unterschiedlichen Spielweisen zu tun. Aus den letzten Testspielen haben wir gelernt, dass wir variabel auftreten, Alternativen suchen, die ganze Breite des Feldes ausnutzen oder lange Bälle spielen müssen, wenn es der Gegner erfordert", so der Trainer unter dem Kaká 2001 sein Debüt in São Paulo feierte.

Abgesehen von den taktischen Ausrichtungen und theoretischen Vorgaben verfügt die brasilianische Auswahl, die noch nie ein WM-Turnier verpasst hat und 2007 Vize-Weltmeister wurde, über eine Spielerin, die stets den Ausschlag geben kann, nämlich Marta.

"Sie steht wie keine andere für den Frauenfussball – und das weltweit! Sie ist konstant, stellt sich immer in den Dienst der Mannschaft und ist körperlich in hervorragender Verfassung. Sie nutzt weder Namen noch Bekanntheitsgrad zu ihren Gunsten und ordnet sich immer der Mannschaft unter. Sie ist nicht nur eine außerordentlich gute Spielerin, sondern auch charakterlich absolut vorbildlich", lobt ihr Trainer.

Neben Marta und anderen erfahrenen Spielerinnen wie Cristiane oder Formiga, verfügt die Mannschaft auch über talentierte Nachwuchskräfte, wie Andresinha, die dazu beitragen sollen, das Team ausgeglichener zu gestalten und zu stärken, um endlich den ersten Platz des Podiums zu erreichen.

"Ich glaube, dass die Favoriten auf den WM-Titel ganz oben in der FIFA-Weltrangliste zu finden sind. Und natürlich zählt auch Brasilien dazu. Daran arbeiten wir und sind sehr zuversichtlich, gut vorbereitet anzureisen. Bei einer WM ist die Vorbereitung alleine aber nicht ausreichend. Man muss auch Glück haben, was den Spielplan angeht, da man oft genug frühzeitig gegen einen der ganz großen Konkurrenten ausscheidet".

Vor diesen entscheidenden K.o.-Begegnungen muss sich Brasilien erst in Gruppe E gegen Spanien, die Republik Korea und Costa Rica behaupten. "Ich glaube, dass Spanien in der Gruppe unser größter Rivale sein dürfte, da sie einen temporeichen und druckvollen Fussball spielen. Aber der Fussball steckt voller Überraschungen…"

Und um böse Überraschungen zu vermeiden, zieht sich Vadão mit seinen Spielerinnen zurück und nutzt die letzten Tage des Trainingslagers, um sich intensiv auf jenes Turnier vorzubereiten, das Aufschluss geben wird über die Chancen der Mannschaft bei den Olympischen Spielen. Und da es sich dabei um nichts Geringeres als eine Weltmeisterschaft handelt, könnte die Herausforderung kaum größer sein.

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