FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015

7. Juni - 7. Juli

FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™

Bélanger: Mit Anlauf zum Gipfel

Josee Belanger of Canada
© Getty Images

Manchmal ist es ratsam, ein Stück zurückzutreten, um höher und weiter zu springen. Josée Bélanger ist aber nicht nur einen kleinen Schritt, sondern gleich knapp 100 Meter nach hinten gegangen. Man stelle sich den Satz vor, der ihr jetzt gelingen könnte! Die Spielerin, die im Team des Gastgeberlands der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft 2015™ normalerweise in der Offensive agiert, gehört seit Beginn des Turniers kurioserweise zu den besten Verteidigerinnen.

Sie wurde im letzten Moment in die Defensive versetzt, um die Verletzungen der Stammspielerinnen auf dieser Position auszumerzen. Und inzwischen fühlt sie sich am hinteren Ende des taktischen Systems Kanadas genauso wohl wie an vorderster Front. "Als Flügelstürmerin habe ich bereits viel Defensivarbeit geleistet", erklärt Bélanger im Gespräch mit FIFA.com die Entscheidung von John Herdman, sie um einige Positionen zurückzuversetzen. "Ich hatte schon die Erfahrung, auf der gesamten Außenbahn zu verteidigen. In diesem Zusammenhang war es auch interessant, dass ich sehr schnell bin. Das hilft mir, wenn mein Stellungsspiel mal nicht perfekt ist. Ich kann mit meiner Schnelligkeit ein wenig 'tricksen'."

Bélanger ist sich ihrer Qualitäten bewusst, so dass sie kaum gezögert hat, den Vorschlag anzunehmen. "Ich habe gelächelt und gesagt: 'Das ist perfekt, ich bin bereit für die Herausforderung'", erinnert sie sich an den Moment, als der englische Trainer sie in seine Pläne einweihte. "Ich war recht zuversichtlich, gleichzeitig hatte ich Zweifel, ob ich in der Lage sein würde, den Job zu erledigen. Doch ich konnte in einem Vorbereitungsspiel gegen England sehen, wo ich wirklich stehe. Das war ein guter Test."

Neue Optionen für die Zukunft
Die Probe verlief so gut, dass die aus Québec stammende Akteurin in der Defensive nicht zu überwinden war und dazu noch den 1:0-Siegtreffer durch Sophie Schmidt auflegte. Das anfängliche Experiment wurde während der gesamten Gruppenphase beibehalten und dürfte auch im Achtelfinale gegen die Schweiz fortgesetzt werden. "Erstaunlicherweise habe ich es geliebt, auf dieser Position zu spielen", räumt sie überrascht ein und kann sich sogar eine Umschulung vorstellen. "Ich halte mir diese Möglichkeit also für die Zukunft offen, falls ich erneut auf diesem Posten eingesetzt werden soll. Unabhängig davon, ob man in der hintersten Abwehrreihe oder in der vordersten Offensivreihe spielt, hat man eine ähnliche Verantwortung. Als Stürmerin musst du vor dem Tor den Unterschied machen, als Verteidigerin darfst du dir ebenfalls keinen Fehler erlauben. Man spürt, dass man wirklich zur Leistung der Mannschaft beiträgt."

Die ehemalige Spielerin der Laval Comets, die momentan vereinslos ist, war dementsprechend auch am Einzug der Kanadierinnen in die zweite Runde "ihrer" WM nicht ganz unbeteiligt. Sie freut sich umso mehr über die momentane Form der Canucks, da diese wie sie selbst zuletzt Höhen und Tiefen durchliefen. So gehörte sie bereits bei der erfolgreichen CONCACAF-Qualifikation für die Frauen-Weltmeisterschaft 2011 zu den Leistungsträgerinnen, verpasste aber verletzungsbedingt die Endrunde in Deutschland.

Sie blickt dennoch nicht mit Bitterkeit zurück. "Ich glaube daran, dass das Leben uns dorthin führt, wo wir sein sollen", sagt sie philosophisch, als das versäumte Turnier zur Sprache kommt. "Durch das Verpassen jener WM, die in einer für mich schwierigeren Zeit als diese hier stattfand, konnten meine körperlichen und psychologischen Verletzungen heilen, so dass ich unter viel positiveren Umständen zurückgekehrt bin. Mit umso größerem Enthusiasmus erlebe ich nun diesen Wettbewerb. Ich habe wieder zur Bestform zurückgefunden, bin reifer und habe ein besseres Spielverständnis. Das Leben ist gut gelaufen und hat mich zum richtigen Zeitpunkt an den richtigen Ort geführt."

Berg- und Talfahrt
Ihr Leben führte sie unter anderem im Alter von zwölf Jahren, als sie im Verein ihrer Geburtsstadt Coaticook spielte, zu einer Regionalauswahl Québecs. Eine Erfahrung, die über ihre Zukunft entscheiden sollte. "Ich konnte mir nicht vorstellen, dass man Profi werden kann. Ich verstand noch gar nicht, dass es mehr gibt", sagt die 29-Jährige, die inzwischen nicht nur im Fussball mehr erlebt, sondern auch ein Diplom in Bewegungswissenschaft gemacht hat. "Ich hatte damals schon viel Spaß und unsere Ergebnisse waren gut. Doch in dieser Auswahl habe ich festgestellt, dass der Fussball den Frauen viel mehr zu bieten hat. Außerdem war ich von Mia Hamm beeinflusst, von der man immer häufiger hörte, und habe realisiert, dass ich ebenfalls Profi werden und mein Land vertreten kann."

So kam sie 2009 zur ihrem Länderspieldebüt, als sie von Carolina Morace nominiert wurde, mit der sie sich durch die Qualifikation für die WM in Deutschland dem Gipfel nähern sollte. Durch das Verletzungspech wieder auf den Boden der Tatsachen gelandet, nimmt sie einen neuen Anlauf zur Spitze - und geht hierfür viele Schritte nach hinten.

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