Vor etwas mehr als einem Jahr nahm die simbabwische Nationalspielerin Rudo Neshamba eine kritische Bewertung ihrer fussballerischen Karriere vor – und was sie dabei sah, gefiel ihr nicht. So entschloss sie sich, an einem College in Harare einen Kurs für angehende Journalistinnen zu belegen. Dieses Ziel verfolgt sie auch weiterhin. Allerdings hat sie nun erst einmal eine sehr viel aufregendere Aufgabe vor sich, nämlich dazu beizutragen, dass die Mighty Warriors beim Olympischen Fussballturnier der Frauen in Rio 2016 für Eindruck sorgen.

Die Qualifikation Simbabwes für die Olympischen Spiele kann man getrost als Sensation bezeichnen. Bei der Auslosung der Gruppen allerdings hatte das Team aus dem südafrikanischen Land kein Glück: Simbabwe muss gegen Kanada (Bronzemedaillengewinner 2012), den zweimaligen Weltmeister Deutschland und die aufstrebenden Australierinnen antreten. Doch für Neshamba ist klar, dass der Status als Außenseiter dem Team Simbabwes beim Turnier in Brasilien durchaus zugute kommen könnte.

"Natürlich ist das eine sehr schwere Gruppe und wir sind ganz bestimmt kein Favorit auf den Einzug in die nächste Runde", gab sie kürzlich im Gespräch mit FIFA.com zu. "Aber genau das setzt ja die anderen Mannschaften unter Druck. Wir sind der Außenseiter und von all unseren Gegnern erwartet man, dass sie uns schlagen. Das bedeutet, dass wir ganz ohne Druck aufspielen können und genau so in unsere Spiele gehen, wie immer. Die Gegner unterschätzen uns möglicherweise."

Dramatik in der Qualifikation
Der vierte Platz beim CAF Afrikanischen Nationen-Pokal der Frauen 2000 war der bis dahin größte Erfolg der Frauen-Nationalmannschaft Simbabwes gewesen. Der Erfolg in der Qualifikation für Rio 2016 – neben dem Nachbarland Südafrika – war somit eine riesige Überraschung, bei dem das Team die Gunst der Stunde nutzte.

Simbabwe griff dank eines Freiloses erst in der zweiten Runde ins Geschehen ein. Hier traf das Team auf das Nachbarland Sambia. Bei der 1:2-Niederlage im Hinspiel erzielte die in Bulawayo geborene Stürmerin das Auswärtstor, das sich als sehr wertvoll erweisen sollte. Denn nach dem knappen 1:0-Sieg im Rückspiel zog Simbabwe aufgrund der Auswärtstorregel in die dritte Runde ein, in der die Elfenbeinküste wartete. Zum Hinspiel in Westafrika reiste Zimbabwe nicht an, woraufhin die Partie mit 3:0 für die Elfenbeinküste gewertet wurde. Die Ivorerinnen traten nun ihrerseits nicht in Simbabwe an. Das Spiel wurde zwar neu angesetzt, doch dann zog die Elfenbeinküste ihr Team komplett zurück, sodass Simbabwe in der letzten Runde stand.

Hier ging es gegen Kamerun, Olympiateilnehmer von 2012, und erneut war es Neshamba, die für die Entscheidung sorgte. Sie brachte ihr Team in Yaoundé in Führung. Danach erzielte allerdings die in Frankreich aktive Madeleine Ngono Mani zwei Tore und bescherte Kamerun einen 2:1-Sieg, doch noch hatte Simbabwe die Chance, das Blatt in Harare zu wenden. Und tatsächlich erzielte Neshamba bereits in der achten Minute den einzigen Treffer der Partie, womit die Mighty Warriors ihre erste Olympiateilnahme bejubeln konnten.

Neshamba zufolge glaubten die Spielerinnen selbst nicht an ihre Chance, bis der Erfolg schon fast unter Dach und Fach war. Die Reaktion im Land sei einfach begeisternd gewesen. "Erst nach dem Hinspiel in Kamerun begannen wir an unsere Chance zu glauben. Da wurde uns langsam klar, dass wir es tatsächlich schaffen konnten.

"Ich bin sehr stolz, dass ich dazu beigetragen habe, diesen Traum für mein Land wahr zu machen. Unser Sieg wurde in ganz Simbabwe frenetisch gefeiert. Wir spüren, dass das ganze Land hinter dem Team steht."

"Zweiter Bildungsweg" - auf und abseits des Spielfelds
Wenn Simbabwe am 3. August in São Paulo mit dem Spiel gegen Deutschland in sein Olympia-Abenteuer startet, wird kaum jemand ernsthaft damit rechnen, dass das Team die Gruppenphase übersteht. Trotzdem ist Neshamba sicher, dass dieser Anlass dem Frauenfussball in Simbabwe enorm voranbringen wird. "Die Qualifikation für die Olympischen Spiele ist für das ganze Land eine Riesensache. Die Verbandsführung sorgt dafür, dass wir uns optimal vorbereiten können. Unsere Aufgabe besteht dann darin, auf dem Platz unsere Leistung zu bringen."

Doch unabhängig davon, wie es in Rio läuft, ist Neshamba fest entschlossen, ihre zweite Ausbildung nicht aufzugeben. "Anfang des vergangenen Jahres habe ich mir meine Karriere und meine Erfolge angesehen. Ich habe mehrere Medaillen gewonnen und zahlreiche Länder bereist, aber in Simbabwe kann ich trotzdem nicht vom Fussball leben."

Neshamba war schon in jungen Jahren eine talentierte Fussballerin und bestritt bereits 2008 ihr erstes Länderspiel. Damals beschloss sie, ihre Ausbildung trotz guter Leistungen in den Abschlussprüfungen nicht fortzusetzen. Diesen Fehler würde sie heute nicht mehr machen, sagt sie. "Ich habe damals nicht über die Möglichkeit nachgedacht, meine Ausbildung fortzusetzen und das mit dem Fussball zu verbinden. Vielleicht war ich zu sehr begeistert von der Aussicht, mein Land zu vertreten. Doch heute denke ich, dass das eine schlechte Entscheidung war, die ich so bestimmt nicht wiederholen würde.

"Dieses Jahr schreibe ich meine ersten Examensarbeiten. Im nächsten Jahr folgen dann noch einige weitere, bis ich den Kurs beendet habe."