An Laura Georges führt kein Weg vorbei. Das gilt im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Seit 15 Jahren ist die Innenverteidigerin von Paris Saint-Germain eine unüberwindliche Mauer und tragende Säule der französischen Nationalelf (164 Länderspiele, sechs Tore). 15 Jahre, in denen sie im Fernsehen stets mit einem Lächeln zu sehen ist als sympathische Botschafterin ihres Sports. 15 Jahre also, in denen sie sich dank ihres Könnens und ihrer Ausstrahlung allgemeiner Beliebtheit erfreut. Seit ihr ihre Rolle als Fels in der Brandung den Spitznamen Le Roc eingebracht hat, kann sie mit Fug und Recht als "Roc-Star" bezeichnet werden.

"Unser ehemaliger Trainer Bruno Bini hat diesen Begriff geprägt. Ich war damals und bin wohl noch heute eine recht kantige Spielerin. Daher mein Spitzname Le Roc. Aber ich muss zugeben, dass mir das damals nicht unbedingt gefallen hat. Es nervte mich ein wenig, als eine harte oder aggressive Spielerin abgestempelt zu werden", erklärt sie im Gespräch mit FIFA.com. "Doch im Rückblick finde ich das sehr schmeichelhaft. Der Felsen ist ein sehr starkes Symbol und steht für Solidität. Bei aller Bescheidenheit denke ich, dass es zu mir passt. Le Roc beschreibt, dass ich auf dem Platz und auch mental stark bin: Ich verliere nie die Haltung, ich gebe niemals auf."

Und das ist fast noch untertrieben, wie ein Beispiel aus dem Jahr 2012 zeigt. Zur allgemeinen Überraschung beschloss der Trainer von Olympique Lyon, Patrice Lair, kurz vor dem Olympischen Fussballturnier der Frauen London 2012, nach fünf Jahren hervorragender und loyaler Dienste in Zukunft auf Laura Georges verzichten zu wollen. Die Verteidigerin steckte diesen Schlag weg und reiste "mit dem Messer" zwischen den Zähnen zu den Olympischen Spielen: Sie erzielte gegen Korea DVR und Schweden jeweils ein Tor und brillierte über das gesamte Turnier hinweg, auch wenn am Ende ein unglücklicher vierter Platz für Frankreich heraussprang.

"Dieses Turnier war sehr wichtig für mich. Ich habe sehr gute Erinnerungen daran. Es ist ein Moment, in dem ich mich durch meine Hartnäckigkeit und Kampfkraft als Spielerin wiedergefunden habe. In den wichtigen Partien war ich ein entscheidender Faktor und habe getroffen. Das waren sehr starke Emotionen. Ich hatte eine sehr schwere Saison in Lyon hinter mir, doch nach den Olympischen Spielen zeigte Laura Georges wieder ihr wahres Gesicht", berichtet sie. "Es bleibt dennoch ein wenig Bitterkeit zurück, so knapp eine Olympiamedaille verpasst zu haben!"

Nach dem Gewinn von sechs französischen Meistertiteln und zwei Triumphen in der UEFA Champions League wird sich der Akteurin in diesen Sommer in Brasilien aber erneut eine Möglichkeit bieten, ihrer Sammlung weiteres Edelmetall hinzuzufügen. Und sie ist fest entschlossen, sich diese Chance nicht entgehen zu lassen. "Natürlich ist es unser Ziel, eine Medaille zu holen. Wir können es kaum erwarten, dort zu sein. Es ist ein besonderes Turnier an einem besonderen Ort: Brasilien, das Fussballland", sagt Georges voller Vorfreude. Ihre brasilianischen Teamkameradinnen bei PSG, Erika und Cristiane, haben ihr das Turnier bereits ein wenig schmackhaft gemacht. "Sie haben mir von den Einrichtungen, den Stadien und der Atmosphäre erzählt. Ich kann mir schon ein wenig vorstellen, was uns erwartet. Es klingt ziemlich aufregend."

Thuram: Halb Freund, halb Vorbild
Einen weiteren Vorgeschmack erhielt sie auch während der jüngsten Tournee der Französinnen in den Vereinigten Staaten. Les Bleues trafen dort auf die Teams aus Deutschland und den USA, die ebenfalls in Rio dabei sein werden, sowie auf den Fünftplatzierten der FIFA-Weltrangliste England. "Es war ein interessantes Turnier", so Georges. "In sehr kurzer Zeit auf viele große Teams zu treffen und wenige Tage zur Regeneration zu haben, war eine sehr wertvolle Erfahrung. Die ersten beiden Partien waren sehr frustrierend. Gegen die USA haben wir in der letzten Minute einen Gegentreffer kassiert und gegen Deutschland entgegen des Spielverlaufs 0:1 verloren. Wir haben kein Tor erzielt, deshalb hinterlässt das Turnier zwiespältige Gefühle. Doch man darf sich nicht zu viele Gedanken machen, wir sind schließlich in der Vorbereitungsphase. Das Wichtigste ist unsere Leistung beim Turnier."

Zur Einstimmung warten ohnehin noch einige Herausforderungen auf Laura Georges, und zwar nicht gerade die kleinsten. Zunächst einmal die UEFA Champions League, in der ihre Mannschaft im vergangenen Jahr im Finale an Frankfurt scheiterte. Schließlich steht noch das Ende der Meisterschaft in der Ligue 1 an, welche seit neun Spielzeiten von ihrem ehemaligen Klub OL dominiert wird. "Ich habe mit Lyon alles gewonnen. Es ist mein Ziel, das mit PSG ebenfalls zu schaffen", betont sie. Der Abstand zwischen den beiden Teams scheint von Jahr zu Jahr geringer zu werden. "Mich interessiert nur mein Team und was ich dazu beitragen kann. Wir entwickeln uns mit unseren Stärken weiter, und Lyon geht seinen eigenen Weg. Ich mag es nicht so sehr, wenn wir miteinander verglichen werden."

Einen Vergleich mit Lilian Thuram hingegen findet sie nicht ganz so unangenehm. Ihre Position und Langlebigkeit, die gemeinsamen Wurzeln in Guadeloupe und ihre Ausstrahlung verbinden die beiden. "Es ist kein Geheimnis, dass er mein Vorbild ist! Ich bin ihm 2002 während meiner Ausbildung in Clairefontaine begegnet. Wir haben uns sofort angefreundet. Er besucht sowohl die Spiele von PSG als auch die der Nationalelf", verrät sie. "Als Spieler habe ich ihn verehrt, aber als Mensch und Persönlichkeit mag ich ihn sogar noch mehr. So nahm ich mir immer vor: Sollte ich jemals Nationalspielerin werden, möchte ich gerne die gleiche Natürlichkeit und Aufgeschlossenheit an den Tag legen." Ein Vorhaben, das ihr dank ihres Charismas längst gelungen ist.