Eine Führungsrolle kann sich als große Last erweisen aber auch als enorme Motivation. Auf die Australierin Lisa De Vanna trifft eindeutig der zweite Fall zu.

De Vanna selbst gibt zu, dass sie sich in ihrer Karriere schon so mancher Herausforderung auf und abseits des Spielfeldes stellen musste. Ihre Ernennung zur neuen Spielführerin der australischen Nationalmannschaft kurz vor der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft Kanada 2015™ – an der Seite von Co-Kapitänin Clare Polkinghorne – kam durchaus überraschend. Doch De Vanna blühte in ihrer neuen Führungsrolle förmlich auf, entwickelte auf dem Spielfeld eine beeindruckende Reife und sieht sich auch abseits davon mittlerweile als einen "besseren Menschen."

Die in Perth geborene Stürmerin feierte ihren Durchbruch auf der internationalen Fussballbühne vor zwölf Jahren. Wenige Monate später erzielte sie beim Vier-Nationen-Turnier in der VR China nach einem schönen Alleingang ein Tor, das den Matildas einen völlig überraschenden Sieg gegen den damaligen Weltmeister Deutschland bescherte. In gewisser Weise zeigte sich bei diesen ersten ungestümen Auftritten bereits, was man von dem australischen Wirbelwind noch erwarten konnte.

Überraschungen am laufenden Band
De Vanna gehört zu den unberechenbarsten Spielerinnen im internationalen Fussballzirkus. In voller Fahrt wirbelt sie gegnerische Abwehrreihen durcheinander. Mit dem Ball am Fuß täuscht und tanzt, dreht und dribbelt sie auf völlig unkonventionelle Weise. Und ganz plötzlich gibt sie Gas und enteilt blitzschnell und leichtfüßig allen Gegnerinnen. Kein Wunder, dass kaum eine Abwehr sie in Schach halten kann.

Zudem hat De Vanna auch einen außergewöhnlichen Torriecher, der ihr schon so manchen überraschenden Treffer ermöglicht hat. 2013 schaffte sie es mit einem perfekt ausgeführten Fallrückzieher in die Vorauswahl für den FIFA Puskás-Preis. Auch hier bewies sie in einem kurzen Moment ihre ganze Genialität. Und auch mit 31 hat De Vanna noch nichts von ihrer Explosivität verloren. Dennoch hat ein neuer Abschnitt ihrer Karriere begonnen. Auch dank des Einflusses von Stajcic agiert De Vanna auf dem Feld nun im Interesse der Mannschaft auch oft etwas konventioneller und auch abseits des grünen Rasens sorgt sie für Inspiration.

Der Weg nach Rio
Die Herausforderung besteht nun darin, ihre neuen Stärken so einzusetzen, dass Australien in der Qualifikation für das Olympische Fussballturnier der Frauen von Rio 2016 Erfolg hat. Leicht wird dies angesichts des Teilnehmerfeldes gewiss nicht. Da wäre zum einen Vizeweltmeister Japan, aber auch zwei weitere Teams, die 2015 in Kanada die K.o.-Runden erreicht haben, nämlich die VR China und die Republik Korea. Hinzu kommen noch die stets starken Nordkoreanerinnen und Vietnam. Bei dem Turnier, das am Montag beginnt, sind jedoch nur zwei Tickets nach Rio zu vergeben.

"Die Ernennung zur Spielführerin hat mich aus der Bequemlichkeit gerissen", so De Vanna im Gespräch mit FIFA.com. "Ich habe wohl einige Stärken, die ich als Führungsfigur einbringen kann.Ich bin sehr dankbar, dass Trainer Stajcic mir das Vertrauen geschenkt hat und daran glaubt, dass ich die Führungsrolle übernehmen kann. Er hat etwas in mir erkannt, das andere eher nicht gesehen haben. Damit hat er mir viel Selbstvertrauen für die Führungsarbeit vermittelt. Clare (Polkinghorne) ist mir eine sehr wichtige Stütze. Sie ist auch abseits des Spielfelds eine einflussreiche Führungsfigur und hat mir viel über Verantwortung beigebracht. Sie ist ein enorm große Hilfe. Auch diese Unterstützung trägt zum Selbstvertrauen bei. Das Kapitänsamt ist eine große Herausforderung. Stajcic sorgt stets dafür, dass ich mein Bestes geben kann. Clare wiederum sorgt dafür, dass ich mir mehr Gedanken über meine Aktivitäten mache. Abseits des Feldes denke ich jetzt immer darüber nach, wie sich meine Handlungen auf das Team oder bestimmte Teamkameradinnen auswirken können."

Eine Fussball-Nomadin
Fussball ist De Vannas große Leidenschaft. Dabei bleibt sie nie lange bei einem Verein und spielt oftmals innerhalb eines Jahres in zwei Ländern. Bisher war sie bereits für 15 verschiedene Klubs in zahlreichen Ländern aktiv. "Schon sei meiner Kindheit verspüre ich diesen Drang und die Leidenschaft", so De Vanna. "Wenn ich spiele, ist immer viel Leidenschaft und Liebe für mein Land dabei. Das macht mich zu der Spielerin, die ich bin. Ich versuche stets, ein besserer Mensch und eine bessere Spielführerin zu werden, um dem Team zu helfen. Ich habe schon so manche schwierige Situation und Herausforderung erlebt. Früher hätte ich nicht geglaubt, mit solchen Herausforderungen umgehen zu können."

De Vanna war bereits bei drei WM-Endrunden dabei und hat bei jeder mindestens ein Tor erzielt. Einzig Socceroo-Legende Tim Cahill kann das gleiche von sich behaupten. Diese Zahl zeigt einmal mehr, welchen Ausnahmestatus De Vanna im australischen Fussball hat. Doch es gibt noch eine große Lücke in De Vannas Lebenslauf, nämlich die Olympischen Spiele.

Sie war 2004 dabei und trug sich sogar in die Torschützenliste ein. Doch vor zwölf Jahren war sie nur eine 19-Jährige mit einer gehörigen Portion Nervosität, die den Stellenwert des Turniers gar nicht ganz erfassen konnte.

Nun ist sie fest entschlossen, diese außergewöhnliche Atmosphäre erneut zu schnuppern – und zu genießen. "Ich bin erfolgshungrig und freue mich sehr darauf. Gleichzeitig ist das ganze aber auch ein bisschen beängstigend", so De Vanna über die bevorstehenden Qualifikationsspiele. "Ich habe zwei Mal die Olympischen Spiele verpasst und kenne dieses Gefühl nur zu gut. Diese Wunde ist selbst nach vier Jahren kaum verheilt. Die Vorbereitung und auch die mentale Einstellung der Mädchen ist jetzt ganz anders als in den vergangenen zehn Jahren. Wir haben jetzt eine Siegermentalität und mit guten Leistungen und etwas Glück werden wir es schaffen. Es wird eines der schwersten Turniere, die wir je gespielt haben. Aber wenn wir Erfolg haben, kann das den Frauenfussball in Australien völlig umkrempeln."