Olympisches Fussballturnier der Frauen Tokio 2020

Olympisches Fussballturnier der Frauen Tokio 2020

21 Juli - 6 August 2021

Tokio 2020 - Frauen

Euphorie, Schmerz und Streit um die Hymne: Ifeoma Dieke erinnert sich

Ifeoma Dieke of Great Britain and Ellen White of Great Britain thank the support after the Women's Football first round Group E Match of the London 2012 Olympic Games between Great Britain and New Zealand at Millennium Stadium on July 25, 2012 in Cardiff, Wales.
© Getty Images
  • Dieke spielte bei der ersten Olympiateilnahme für das Frauenteam Großbritanniens
  • Die schottische Innenverteidigerin war eine von nur zwei nicht englischen Spielerinnen im Kader
  • Dieke spricht über ihre Erinnerungen an 2012 und welche Schottinnen in Tokio dabei sein könnten

Sie wurde in den USA geboren, bekam ein Stipendium an der Florida International University, spielte als Profi in Chicago und Boston und ist jetzt Trainerin in Miami. Doch als 2004 eine Nominierung für das erfolgreichste Frauen-Nationalteam der Welt kam, tat Ifeoma Dieke etwas geradezu Unvorstellbares: Sie erteilte dem US-Frauen-Nationalteam eine Absage.

Schon bei ihren ersten Worten wird klar, was dahinter steckte, denn der starke schottische Akzent ist nicht zu überhören. Dieke erklärt, dass sie – trotz all der Bindungen nach Amerika und ganz zu schweigen von ihrer nigerianischen Abstammung – das Gefühl hat, dass "wirklich alles an mir" schottisch ist. Dieses Zugehörigkeitsgefühl für das Land, in dem sie aufwuchs, seit sie drei Jahre alt war, überwiegt die Erfolge, die sie wohl mit dem US-Nationalteam gefeiert hätte.

"Ich bereue das nicht im Geringsten. Überhaupt nicht", so Dieke gegenüber FIFA.com. "Ich erinnere mich noch an die Zeit vor dem US-Trainingslager nach meiner Nominierung. Natürlich wusste ich, was für ein enormes Privileg das war und welche Möglichkeiten sich dadurch eröffnen würden. Trotzdem war ich kein bisschen begeistert. Ich fragte mich immer wieder, woran das liegen könnte und irgendwann wurde mir klar, dass es daran lag, dass ich zwar in Amerika geboren bin, mich aber nicht als Amerikanerin fühlte.

Es fühlte sich einfach nicht richtig an, es brachte in meinem Herzen nichts zum Schwingen, so wie es stets war, wenn ich für Schottland spielte. Die meisten Leute meinten damals, ich müsste verrückt sein und ich brauchte tatsächlich ein paar Tage, um den Mut aufzubringen, der Trainerin zu sagen, dass ich nicht dabei sein würde. Aber ich habe es wirklich nicht eine Sekunde lang bereut. Ich habe diese Entscheidung mit meinem Herzen getroffen und aus den richtigen Gründen, und ich bin sehr stolz auf meine internationale Karriere."

Ifeoma Dieke in action for Scotland.
© imago images

London ruft

Dieser Stolz ist mehr als berechtigt, schließlich bestritt Dieke mehr als 120 Länderspiele, war die erste schwarze Spielführerin Schottlands und verhalf dem Team zur erstmaligen Qualifikation für ein großes internationales Turnier. Aber trotz dieser Erfolge ist Dieke vielleicht am besten wegen einer anderen internationalen Leistung bestens in Erinnerung geblieben.

2012 war sie eine von nur zwei nicht englischen Spielerinnen in der ersten weiblichen Olympia-Auswahl Großbritanniens. Das Turnier endete für sie zwar mit einer schweren Verletzung (Kreuzbandriss im zweiten Spiel), doch auch hier bleibt sie ihrem Mantra treu und bereut nichts.

"Natürlich war ich am Anfang voller Selbstmitleid, denn eine solche Verletzung kann das Ende der Karriere bedeuten", sagt sie. "Aber dann verfolgte ich vom Bett aus die Paralympics im Fernsehen und sah, wie Menschen ohne Arme und Beine an Wettkämpfen teilnahmen. Das hat mich wirklich inspiriert und die Dinge ins rechte Licht gerückt. Letztendlich glaube ich, dass die Verletzung meine Karriere sogar verlängert hat, weil ich neue Trainingsformen gelernt habe. Eigentlich hatte ich immer gedacht, ich würde mit 32 Jahren aufhören, doch schließlich habe ich bis 37 weitergespielt.

Ich erinnere mich noch an den Anruf (der englischen Nationaltrainerin, Red.) Hope Powell, die mir sagte, dass ich nominiert bin. Das war für mich ein absolut einmaliger Moment. Ich habe die Olympischen Spiele schon immer geliebt und geschaut, aber in erster Linie war das für mich immer Leichtathletik. Der Gedanke, dass ich nun selbst dabei sein würde, hat mich einfach umgehauen. Selbst heute fällt es mir noch schwer, mich als Olympiateilnehmerin zu bezeichnen, denn für mich sind die Athleten, die ich im Kopf habe, einfach in einer anderen Stratosphäre.

Die ganze Vorbereitungszeit war einfach fantastisch und cool, schließlich waren wir das erste Frauenteam Großbritanniens. Und dann kam das erste Spiel, vor 30.000 Zuschauern im Millennium Stadium, und wir haben gewonnen! Es war einfach ein absoluter Rausch. Riesige Euphorie. Obwohl ich mich während des Turniers so schwer verletzt habe, würde ich alles noch einmal genau so machen."

Boulevardpresse schießt quer

Diese Erklärung ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass das Abenteuer Olympia für Dieke nicht unbedingt harmonisch begann. Denn sie und Kim Little, die zweite Schottin im Team, wurden in der Boulevardpresse stark angefeindet, weil sie bei "God Save the Queen", der Nationalhymne Englands und Großbritanniens, nicht mitsingen wollten.

"Kim und ich waren uns absolut einig, dass wir nicht mitsingen würden", so die ehemalige Innenverteidigerin. Schließlich geht es in einer Strophe der Hymne darum die "rebellischen Schotten" zu "zerschmettern". "Wir haben darüber gesprochen und für uns ging das einfach überhaupt nicht. Lustig war, dass sie im ersten Spiel die Hymne bis zur zweiten Strophe weitergespielt haben – und keine der englischen Spielerinnen kannte den Text! (lacht)

Auch darüber gab es negative Schlagzeilen und ich erinnere mich noch, dass beim Abendessen Blätter mit dem vollständigen Text ausgeteilt wurden. Auch mir und Kim wurde ein Blatt gegeben, aber es gab nur ein paar Frotzeleien. Niemand im Kader oder im Stab hat uns gedrängt, mitzusingen.

Es war natürlich schon ein bisschen merkwürdig, dass wir die zwei einzigen nicht englischen Spielerinnen im Kader waren, aber ich hatte das Glück, dass ich schon mit Kelly Smith, Alex Scott und Karen Carney in einem Team gespielt hatte. Und auch die anderen waren wirklich sehr nett. Die größte Anpassung gab es auf dem Spielfeld - wir mussten uns letztlich an die Spielweise der Engländerinnen anpassen. Aber dass Kim und ich in der Startaufstellung standen, zeigt ja wohl, dass wir uns gut eingefügt haben und eine Verstärkung für das Team waren."

Kelly Smith of Great Britain, Karen Carney of Great Britain, Kim Little of Great Britain and Ifeoma Dieke of Great Britain line up
© Getty Images

Schottische Stars

In den Spielen mit Dieke kassierte Großbritannien keine Gegentore. Little, die 2012 in London alle Spiele bestritt, ist mittlerweile 30 und topfit. Entsprechend gehört sie zu den aussichtsreichsten Spielerinnen für eine Nominierung für Tokio durch Hege Riise. Welche anderen Schottinnen könnten bei den nächsten Olympischen Spielen für Furore sorgen?

"Erin Cuthbert ganz sicher", so Dieke. "Ich denke, dass sie im kommenden Jahrzehnt zu den absoluten Topspielerinnen gehören wird. Sie ist noch recht jung, hat aber schon sehr viel Erfahrung. Sie hat eine tolle Einstellung und spielt auf verschiedenen Positionen hervorragend.

Caroline Weir sehe ich ebenfalls im Kader. Sie hat eine großartige Entwicklung hingelegt. Das Talent hatte sie schon immer. Es gibt technisch kaum bessere Spielerinnen. Mittlerweile ist sie auch körperlich absolut topfit. Und sicher wird auch Kim wieder dabei sein. Sie verfügt einfach über unglaubliche Qualitäten. Meiner Ansicht nach gehört sie weiterhin zu den Allerbesten.

Es wird interessant, wie sich die Trainer letztlich entscheiden. Wird Beatts (Jennifer Beattie) beispielsweise dabei sein? Sie spielt schon seit langer Zeit in England und bildete im Klub ein tolles Duo mit Steph Houghton. Damit könnte sie gegenüber Rachel Corsie im Vorteil sein. Es geht schließlich um die richtige Balance, auf und abseits des Feldes. Ich kann mir vorstellen, dass die Auswahl alles andere als leicht wird."

Eine Ifeoma Dieke in ihren besten Jahren hätte Riise ganz sicher nicht ignoriert. Die stolze Olympiateilnehmerin wird im Sommer in ihrer Wohnung in Miami ganz sicher das zweite britische Frauenteam anfeuern, das sich in Japan auf die Jagd nach olympischen Medaillen macht.

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