Victoria Pavón kümmerte sich in ihrer Rolle als Präsidentin des kürzlich in die erste Liga aufgestiegenen CD Leganés um ihre Gäste. Anlässlich des Erstliga-Heimdebüts ihres Klubs war sie nervös und abgelenkt. Er als sie ihren Platz auf der Tribüne einnahm, stellte sie fest, dass das 12.000 Zuschauer fassende Estadio Municipal in Butarque bis auf den letzten Platz gefüllt war. "Ich wäre fast in Tränen ausgebrochen", räumt sie im Gespräch mit FIFA.com mit einem strahlenden Lächeln ein. Das Ergebnis der Partie, ein beachtliches 0:0 gegen den Nachbarn Atlético Madrid, war die Krönung eines historischen Tages für den Klub aus den Außenbezirken der spanischen Hauptstadt.

Doch was war der Grund für einen derartigen Gefühlsausbruch? Pavón erinnerte sich in diesem Augenblick an die harten Zeiten zurück, in denen der mit bescheidenen Mitteln ausgestattete Madrider Klub sein Dasein im halbprofessionellen Fussball fristete und in der Versenkung zu verschwinden drohte. Damals, im Dezember 2009, landeten Victoria Pavón und ihre Familie bei dem Klub und sie avancierte zur einzigen Präsidentin in der aus 80 Vereinen bestehenden spanischen 2ª B, der dritthöchsten Spielklasse des spanischen Fussballs.

"Ich bin durch Zufall an dieses Amt gekommen. Meine Familie war als Aktionär beim Klub eingestiegen, eines kam zum anderen, und sie ermutigten mich, Präsidentin zu werden", meint sie als sei das alles ganz natürlich – im Übrigen ein Wort, das sie häufig verwendet, um zu erklären, wie sie zur Ausnahme einer Regel wurde. Zu einer Frau auf der höchsten Stufe des Organigramms eines Männerfussball-Klubs. In dieser Saison gibt es nach dem Aufstieg von CD Leganés mittlerweile drei Vereinspräsidentinnen in La Liga.

"Wenn ich zum Beispiel bei Real Madrid angefangen hätte, hätte das wahrscheinlich für mehr Aufsehen gesorgt. Aber wir sind nach und nach dorthin gekommen, wo wir jetzt stehen. In der dritten Spielklasse gibt es nur sehr wenig Resonanz. Deshalb ist mir das alles ganz natürlich erschienen. Frauen sind überall sehr weit gekommen. Sie sind Königinnen, Staatspräsidentinnen, bekleiden hohe Ämter bei multinationalen Unternehmen. Es gibt Tausende von Unternehmen, die bedeutender sind als ein Fussballklub. Was ich erreicht habe, ist keine große Sache. Ich würde mich fast schämen, wenn die Leute sagen würden: 'Schau mal, was sie geschafft hat!', fügt sie bescheiden und mit einem Lachen hinzu.

Eine Frage der Zeit
Die Präsidentin von CD Leganés hat ihre eigene Theorie bezüglich der Frauenknappheit im Fussball. "Der Fussball war viele Jahre lang eine reine Männerwelt, und das lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern. Ich glaube, das ist eine Welt, in der Frauen früher eher in der zweiten Reihe standen. Sie haben sich nicht so sehr dafür interessiert, doch das ändert sich jetzt. Frauen verbringen ihre Freizeit häufiger gemeinsam mit den Männern, und der Fussball entwickelt sich zu einem Bestandteil dieser Freizeit. Man sieht jetzt mehr Frauen auf Fussballplätzen als je zuvor."

Sie ist überzeugt davon, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Frauen Posten übernehmen, die derzeit fast ausschließlich Männern vorbehalten sind. "Die meisten Sportdirektoren sind beispielsweise ehemalige Spieler, und ein Problem ist, dass es bislang nur sehr wenige Spielerinnen gegeben hat, die vom Profifussball leben konnten. Daher haben wir noch einen weiten Weg vor uns. Doch der Frauenfussball erlebt gerade einen Boom, und die Mädchen, die heute als Spielerinnen auf dem Platz stehen, werden morgen als Spielerberaterinnen und Scouts fungieren. Jahrelang haben das Know-how und die Ausbildung gefehlt, aber Frauen sind auf jeden Fall mehr als fähig."

In dieser ersten Saison ihres Klubs in der höchsten spanischen Spielklasse war Pavón bereits im Estadio Santiago Bernabéu und im Camp Nou zu Gast und hat dort beim Mittagessen mit den Führungsriegen der anderen Klubs an einem Tisch gesessen. Sie nutzt die Gelegenheit, um mit falschen Mythen aufzuräumen. "An den Geschichten, die darüber kursieren, ist wenig dran", versichert sie amüsiert. "Wir sind alle ganz normale Menschen, keine Stars. Es wird über alle möglichen Themen geredet, nicht über Geschäfte, und ich habe mich dort noch nie fehl am Platz gefühlt. Ich wurde genauso behandelt wie alle anderen."

Die Präsidentin von Lega hat sich zwar nie fehl am Platz gefühlt, wohl aber unter stärkerer Beobachtung – zumindest anfangs. "Ja, ich erinnere mich noch daran, dass anfangs viele Präsidenten keinerlei Zeit mit der Mannschaft verbracht haben und niemand das hinterfragt hat. Mich haben sie vielleicht etwas näher unter die Lupe genommen. Es heißt immer, als Frau musst du beweisen, dass du nicht nur zur Dekoration da bist. Und du musst einfach etwas härter arbeiten", erklärt sie.

Einmal abgesehen von den sportlichen Errungenschaften besteht ihr größter Erfolg daher darin, dass etwas zur Normalität geworden ist, was früher für hochgezogene Augenbrauen sorgte. "Vor zwei Spielzeiten, nach unserem Aufstieg in die zweite Liga, wurde mit UE Llagostera ein zweiter Klub von einer Präsidentin geführt. In der Woche vor dem Aufeinandertreffen unserer beiden Klubs, gab es einen mächtigen Wirbel in den Medien mit Radiobeiträgen und vielen Interviews. Dieses Jahr sind wir bereits gegen Valencia angetreten, das ebenfalls über eine Präsidentin verfügt, und es wurde überhaupt kein Aufhebens darum gemacht. Das wurde als etwas ganz Normales angesehen und galt nicht als Riesenereignis", meint sie mit einem zufriedenen Lächeln.

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