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Wertschätzung dank des Fussballs 

Team Berlin
© Others

Deutsche Meisterschaft im Fussball? Da fällt einem bei den Männern ganz spontan der FC Bayern München und bei den Frauen der VfL Wolfsburg ein. Doch nicht nur in der obersten Männer- und Frauenliga wird um diesen Titel gekämpft. Was 2000 als "Bundeswettbewerb Fussball der Werkstätten für behinderte Menschen" begann, trägt seit 2008 den Namen "Deutsche Fussball-Meisterschaft der Werkstätten für behinderte Menschen". Im letzten Jahr gewann das Team Berlin (Kooperation der Frauenteams der Berliner Werkstätten für behinderte Menschen (BWB) und von Frau am Ball Berlin e.V.) den Frauen-Wettbewerb.

"Das war wirklich ein ziemlich krasses Erlebnis, muss ich sagen. Ich hätte das so nicht erwartet", erzählt Anne Fischer, Gründerin von Frau am Ball e.V. im Interview mit FIFA.com. " Die Frauen waren alle mächtig stolz, dass sie diesen Titel geholt haben und fühlen sich in diesem Rahmen auch total Ernst genommen. Mir war das nicht so ganz bewusst. Es gab auch eine große Meisterschaftsschale und ist einfach eine gute Sache. Silvia Neid war auch da. Das ist toll und ein Ausdruck von Wertschätzung, das hatte schon Ambiente. Bei dem Finalspiel waren dann auch mal Zuschauer. Das kennen wir sonst nicht so, da es schon wie eine Parallelwelt ist. Da war eine sensationelle Stimmung, und die Frauen haben sich gewürdigt gefühlt. Es war sensationell, wie sie das Finale dann tatsächlich gewonnen haben."

Auch in diesem Jahr wird das Team wieder an der Meisterschaft teilnehmen und muss sich nicht erst über die Landesmeisterschaft qualifizieren, da es konkurrenzlos ist. "Wir müssen uns ja im Grunde nicht qualifizieren, weil wir das einzige Team in Berlin sind", erklärt Fischer lachend. "In Nordrhein-Westfalen sieht das schon ganz anders aus. Die haben da zwei Hände voll Mannschaften. Da kommt dann tatsächlich nur die Beste mit, bzw. der Meister des Bundeslandes weiter. Da geht es schon anders zur Sache. Da haben wir tatsächlich Glück."

Die Psychologie des Sports ist interessant. Ich fühle mich jetzt schon wie Jogi Löw mit seiner Mannschaft. Es ist ein anderes Gefühl als Deutscher Meister anzureisen. Das hätte ich nicht gedacht. Finalteilnahme ist schon fast Pflicht...

Anne Fischer, Gründerin Frau am Ball e.V.

2006 wurde der ehrenamtlich geführte Verein Frau am Ball, der sich als inklusiv versteht, von Fischer gemeinsam mit einer Mitstudentin gegründet und bietet den Frauen mit unterschiedlichsten Fähigkeiten, die Möglichkeit, in einem geschützten Rahmen gemeinsam Fussball zu spielen. Einmal die Woche leitet Fischer das Training, auch wenn sie selbst eher aus dem "Wasser kommt". "Ich bin von zu Hause aus eigentlich Schwimmerin und habe dann Kanu-Rennsport gemacht", so Fischer, die als Sozialarbeiterin tätig ist.

"Wir haben aber immer viel Fussball gespielt und es hat mir viel Freude bereitet. Mit Mitte 20 habe ich dann in Berlin mal bei einer Kreuzberger Mannschaft gespielt. Dort habe ich ein paar Sachen wahrgenommen, zum Beispiel wie Trainingsabläufe innerhalb des Fussball koordiniert werden und welche Aufgaben man machen kann. Ich habe dann Weiterbildungsmaßnahmen beim Berliner Fussball- und Behindertensportverband gemacht. Ich glaube aber, dass es bei dem Anleiten gar nicht so sehr um die Technikfragen geht, sondern eher darum, dass die Menschen gesehen werden wollen mit dem, was sie mitbringen. Der Fussball steckt sozusagen den Rahmen."

Der Fussball war es dann auch, der die Kooperation mit dem BWB, der seit vielen Jahren über eine Frauenfussball-Mannschaft verfügt, ermöglichte.

"Die Meisterschaft der Werkstätten ist ja, wie der Name schon sagt, für Beschäftigte von Werkstätten. Wir als Verein haben vor einigen Jahren mal daran teilgenommen, dann hieß es, wir können nicht mehr teilnehmen, da wir keine Werkstatt sind", beschreibt Fischer die Entstehungsgeschichte von Team Berlin. "Bei uns spielen Frauen, die nicht in einer Werkstatt beschäftigt sind. Da gab es dann die Idee mit der BWB zu kooperieren. Die BWB war die Jahre davor auch nicht so erfolgreich", fügt sie mit einem Schmunzeln an. "Wir haben uns beide etwas davon erhofft. Wir, dass wir wieder teilnehmen dürfen und die BWB, dass sie mal weiter vorne mitspielen. Wir haben im Vorfeld dann noch einen Workshop abgehalten, um zu schauen ob nach andere Frauen in Berlin Lust hätten. Und da sind dann tatsächlich zwei richtig gute Fussballerinnen bei rausgekommen."

Wissenswertes über Werkstattfussball in Deutschland

  • Viele Menschen mit einer geistigen oder psychischen Beeinträchtigung spielen in den knapp 700 Werkstätten für Menschen mit Behinderung in ihrer Freizeit Fussball
  • Die Werkstätten sind an über 2.600 Standorten aktiv
  • Der Fussball hilft Werte wie Fairplay, Toleranz und Zusammenhalt zu vermitteln und dabei soziale Kompetenzen zu schulen, um somit einen bedeutenden Schritt auf dem Weg zur Inklusion zu machen
  • Viele Werkstattmannschaften trainieren regelmäßig und messen sich in Turnieren. So findet in allen 16 Bundesländer eine Landesmeisterschaft statt, bei der sich der Sieger für die Deutsche Meisterschaft qualifiziert
  • Die 20. Auflage der Deutschen Meisterschaft der Werkstätten für behinderte Menschen findet vom 16. bis 19. September 2019 statt

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