Frauenfussball

Signeul: Wenn zwei Herzen in einer Brust schlagen

Head Coach Anna Signeul, FIN 
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  • Am 1. Dezember trifft Finnland in der EM-Qualifikation erneut auf Schottland
  • Ein besonderes Spiel für Finnlands Trainerin Anna Signeul
  • "Ich hatte eine fantastische Zeit in Schottland“

Warum ausgerechnet Schottland …? Genau diese Worte gingen Anna Signeul durch den Kopf als sie erfuhr, dass Finnland in der Qualifikation für die UEFA Women’s EURO auf Schottland treffen wird. Ein Team, dass sie selbst zwölfeinhalb Jahre als Trainerin betreut hat und mit der EM 2017 erstmals zu einem großen Turnier führte. Finnland gegen Schottland, eine Begegnung unter besonderen Vorzeichen sozusagen.

"Ich hatte eine fantastische Zeit in Schottland und zwölfeinhalb großartige Jahre dort. Zusammen haben wir viel erreicht. Von den Spielerinnen, die jetzt in der Nationalmannschaft sind, kenne ich viele, seit sie zwölf Jahre alt waren. Natürlich fühlst du für sie, willst Erfolg für sie individuell und als Team. Mein Ziel war, dass Schottland und die Spielerinnen Erfolg haben", erzählt Signeul, in deren Brust zwei Herzen schlagen, im Interview mit FIFA.com.

"Als wir bei der Auslosung in dieselbe Gruppe wie Schottland gezogen wurden, war das - für mich persönlich - nicht gut. Ich glaube nicht, dass es Auswirkungen für Schottland oder Finnland hat. Ich persönlich finde es schwierig, gegen sie zu spielen, aber ich bin professionelle Trainerin und muss die Emotionen aus der Situation herausnehmen. Mein Herz und meine Leidenschaft sind absolut mit Finnland. Ich liebe meinen Job und arbeite gern mit meinen Spielerinnen zusammen. Es ist einfach eine tolle Truppe, und ich habe eine Entwicklung und Spielreife bei den Spielerinnen gesehen, die wirklich positiv ist."

Positiv ist auch das bisherige Abschneiden in der Qualifikation. Vier Siege, darunter ein 1:0-Erfolg im Hinspiel gegen Schottland, und ein Unentschieden bescherten den Finninnen Platz eins in Gruppe E. Ein Umstand, der ihre Trainerin der stolz macht, denn die Voraussetzungen waren nicht die einfachsten.

"Vor der Pandemie haben wir vier Qualifikationsspiele bestritten. Ich bin sehr zufrieden mit der Teamleistung und der Art und Weise, wie wir es geschafft haben, die Spiele zu dominieren und viele Tore zu erzielen. Wir mussten die Spiele im April und Juni absagen - wie alle anderen auch. Als die meisten Teams im September wieder auf dem Platz standen, wurde in unserer Gruppe nicht gespielt. Wir hatten 2020 nur ein Spiel und das war im November gegen Schottland. Wir haben ein großartiges Spiel gegen Schottland gemacht, unsere Spielerinnen waren unglaublich. Sie haben das ganze Spiel über so hart gearbeitet und ihren Sieg absolut verdient", erläutert die gebürtige Schwedin. Sie betont aber auch, welche Entbehrungen jede Einzelne in ihrem Team auf sich nimmt, um erfolgreich zu sein.

"Jedes kleine Mädchen träumt davon, professionelle Fussballspielerin zu werden. Es ist fantastisch, seinen Traum zu leben und das zu tun. Aber manchmal ist es nicht so einfach, Profifussballerin zu sein. Viele Spielerinnen leben alleine und gehen an Orte, an denen sie die Sprache, den sozialen Kodex und die Kultur nicht kennen. Es ist nicht so einfach, an einen neuen Ort zu kommen und sich anzupassen. Deshalb bedeutet es den Spielerinnen viel, in die Nationalmannschaft und zu ihren Freunden zurückzukehren. Zu ihrer eigenen Sprache, ihrer Kultur, zu etwas, das sie kennen. Dieses von März bis Oktober nicht zu haben, war auch für die Spielerinnen ziemlich schwierig. Sie waren sehr enttäuscht, als wir uns im September nicht trafen. Die Nationalmannschaft ist nicht nur für den Verband und das Land wichtig. Die Nationalmannschaft ist ein Ort, an dem die Spielerinnen in ein Umfeld kommen, das motivierend und inspirierend ist."

Wie wichtig dieser sichere Hafen für die Spielerinnen, aber auch die Trainer ist, und welche Auswirkungen es hat, wenn dieser wegfällt, zeigte sich deutlich in der Zeit des Lockdowns.

"Bei der COVID-19-Pandemie haben Millionen Menschen auf der ganzen Welt ihr Leben verloren, Familien trauerten um ihre Angehörigen und viele konnten ihre Familien nicht sehen. Dies war ein hartes Jahr für alle - der Alltag wurde für uns alle zu einer echten Herausforderung. Ich habe es vermisst, mit dem Kader zusammen zu sein, diese Energie und Begeisterung. Aber natürlich auch, unsere Entwicklung als Team beim Training und in Spielen fortzusetzen und unsere Fortschritte in diesen zu demonstrieren“, so die 59-Jährige. Viele von Signeuls Spielerinnen sind im Ausland aktiv, konnten ihre Familien und Freunde nicht sehen und saßen in einem Land fest, dass nicht ihre Heimat ist. "Ich bin wirklich stolz darauf, wie sie die Herausforderungen gemeistert haben, die die Pandemie ihnen gestellt hat", fügt sie an um anschließend die enorme Bedeutung von Sport zu unterstreichen:

"Ich denke, dass Sport in unserer Gesellschaft so wichtig ist. Es ist etwas, das das Land vereinen kann. Es ist etwas, auf das man stolz ist. Es ist etwas, das sich positiv auf das Wohlbefinden und die psychische Gesundheit der Menschen auswirkt. Dies erkennt man erst, wenn es nicht mehr da ist. Es besteht kein Zweifel, dass Sport und insbesondere der Fussball, ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens und meiner Identität sind. Ich habe immer gesagt, dass ich den besten Job der Welt habe und dass ich sehr glücklich bin. Diese Pandemie hat mir das noch mehr klar gemacht.“

Jetzt gilt es darum, die motivierende und inspirierende Umgebung der Nationalmannschaft auf den Platz zu bringen und Rang eins in der Tabelle mit einem erneuten Sieg gegen Schottland zu festigen. Da sich das Team durch enormen Ehrgeiz auszeichnet, dürfte es ein hart umkämpftes Spiel werden. "Es ist dieser Ehrgeiz, der das finnische Team an die Spitze bringen kann. Es macht sie so gut, dass sie niemals zufrieden sind", beschreibt Signeul mit einem Schmunzeln. "Vielleicht ist es nicht gut, dass Sie nie zufrieden sind, aber sie wollen immer mehr, sie wollen immer besser sein und sie streben immer danach, jeden Tag besser zu werden. Das ist eine großartige Möglichkeit, um Fortschritte zu erzielen."

Der Status des Frauenfussballs nimmt in Schweden stetig zu. Der Frauensport hat jetzt einen hohen Status. Das ist großartig. Dafür bin ich stolz auf Schweden und das schwedische Volk. Ich denke, dass diese Wettbewerbe so wichtig sind, um die Entwicklung voranzutreiben, und ich meine nicht nur die Seniorenwettbewerbe, sondern auch die Jugendwettbewerbe.

Anna Signeul

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