Frauenfussball

Scott begeistert Kinder im Irak

Alex Scott during a trip to an Iraqi refugee camp
© Others

Jede Spielerin hat ganz besondere Erinnerungen an die ersten prägenden Fussballerlebnisse, die die Begeisterung für diese Sportart geweckt haben. Bei einigen spielte die Familie eine wichtige Rolle, bei anderen sprang der Funke über, als sie ihre Teams in Aktion sahen, und bei vielen fing alles auf einem kleinen Platz in ihrem Heimatort an. Bei Alex Scott, Spielführerin des Arsenal Ladies FC, die bereits mehr als 100 Länderspieleinsätze für England auf dem Buckel hat, brach die Begeisterung für diesen Sport in einem Fussballkäfig in London aus.

"Im East End habe ich meine gesamte Freizeit in einem Fussballkäfig verbracht", erinnert sie sich im Gespräch mit FIFA.com. "Das war jeden Abend meine Anlaufstelle. Nach der Schule beeilte ich mich, nach Hause zu kommen, und dann spielte ich dort mit den Jungs Fussball."

Diese Erlebnisse stellen einerseits eine schöne Kindheitserinnerung dar, bilden jedoch andererseits auch das Karrierefundament einer Spielerin, die heute im Frauenfussball auf höchstem Niveau aktiv ist. "Damals habe ich davon geträumt, für Arsenal und im Wembley-Stadion zu spielen. Wenn mich nicht jemand entdeckt hätte, dann wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin."

Und aus diesem Grund ging sie entgegen der Ratschläge von Freunden und Familie auf ein Angebot der Arsenal Foundation und der Kinderrechtsorganisation "Save the Children" ein und reiste in ein irakisches Flüchtlingscamp. Die beiden Organisationen hatten sich zusammengetan, um in zwei Flüchtlingslagern Fussballkäfige zu errichten, die wesentlich besser sind als die, die Scott aus ihrer Kindheit kannte. Dann fragte man sie, ob sie nicht Lust hätte, die Kinder kennenzulernen, die davon profitieren würden.

"Alle haben mir abgeraten", berichtet sie, "aber je öfter ich darüber redete, desto stärker wurde ein Gedanke in mir: 'Wenn wir alle eine solche Haltung einnehmen würden, dann ginge niemand dorthin, um zu helfen oder Hoffnung zu geben.' Die Tatsache, dass alle dagegen waren, brachte mich dazu, es erst recht zu tun."

So fand sich die Abwehrspielerin mit dem rebellischen Geist, die vor knapp neun Monaten bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ die Bronzemedaille geholt hatte, in der trotzlosen Landschaft des Nordirak am Rande der Region Kurdistan wieder. Dabei war sie nur wenige Autostunden von Bagdad und von Gebieten entfernt, die von der Terrorbewegung Islamischer Staat kontrolliert werden, und damit eindeutig außerhalb ihrer Komfortzone.

"Die tragischen Umstände, unter denen sie lebten, wurden mir schlagartig bewusst", meint die 31-Jährige mit Blick auf ihre Ankunft im Lager, das aus kleinen Wohneinheiten besteht, in denen die Familien dicht gedrängt leben – 6.000 Iraker, die unter den Wirren des Krieges leiden. "Das hat mich umgehauen. Man liest darüber und sieht es im Fernsehen, aber wirklich verstehen kann man es erst vor Ort.

"Das sind ganz normale Menschen wie du und ich, doch aufgrund der widrigen Umstände mussten sie fliehen und ihr Zuhause verlassen – einige von ihnen sind seit zweieinhalb Jahren dort. [Diese Kinder] haben alle noch Hoffnungen und Träume. Sie möchten Ärzte oder Physiotherapeuten werden, um Menschen helfen zu können, die sich in der gleichen Situation befinden wie sie selbst."

Das ist eine lange Zeit, die angesichts der Instabilität in der Region wohl noch längst nicht vorbei ist, und in der ein Riesenstück Kindheit verloren geht. Daher ist Scott überzeugt, dass 500 Quadratmeter Kunstrasen viel ausrichten können. Die Reaktionen haben dies bereits unter Beweis gestellt.

"Die Leute mögen vielleicht sagen: 'Was kann man mit einem Fussballplatz schon erreichen?', aber ich habe aus erster Hand miterlebt, dass er ihnen alles bedeutet. Diese Fussballplätze geben ihnen ihre Kindheit zurück. Vorher saßen sie drinnen herum, elf von ihnen in einer Unterkunft, den ganzen Tag und die ganze Nacht – Murmeltiertag. [Der Fussballplatz] bietet ihnen einen Ausweg, einen Ort zu dem sie gehen, an dem sie spielen und ihre Sorgen vergessen können."

Scott wurde von den Kindern begeistert empfangen. Ein breites Lächeln machte sich auf ihren Gesichtern breit, und die Spielerin war während ihres Aufenthalts im Camp immer von einer Traube umringt. Sie gab den Mädchen, für die der Platz zu bestimmten Zeiten reserviert ist, eine Sondertrainingseinheit. "Ich wurde schon damit aufgezogen, dass es so aussah, als würde ich gegen sie kämpfen, anstatt sie gewinnen zu lassen. Das ist wahrscheinlich die Wettkämpferin in mir", meint sie lachend und wirkt dabei peinlich berührt.

"Sport für Mädchen ist kein Bestandteil der irakischen Kultur, daher ist es wichtig, eine Stunde nur für sie zu reservieren. Dadurch werden sie ermutigt, zusammenzukommen, gemeinsam zu trainieren und etwas aus sich zu machen."

Ein Unterschied wie Tag und Nacht
Ihre Reise in den kriegsgeschüttelten Irak und die Eindrücke vom dortigen Basisfussball der einfachsten Form stehen im krassen Gegensatz zu dem Umfeld, in dem sie sich noch vor neun Monaten aufgehalten hat. Damals lief sie nämlich in Kanada vor Zehntausenden von Zuschauern bei der FIFA Frauen-Weltmeisterschaft™ in Kanada auf. Scott, die sich 1992 Arsenal angeschlossen hat, spielt bereits seit über 24 Jahren Fussball und hat in dieser Zeit eine enorme Entwicklung der Sportart erlebt. Auch die Einstellung dazu hat sich verändert.

"Ich habe den Frauenfussball noch erlebt, als wir mit einem Minimum auskommen mussten. Wir hatten nichts, trainierten zwei Mal pro Woche. Es ist absolut fantastisch, wo wir mittlerweile gelandet sind", erklärt die Spielerin, die während ihrer drei Etappen bei Arsenal eine ganze Reihe von Trophäen holte und unter anderem im Finale der UEFA Women’s Champions League 2007 den Siegtreffer erzielte. "Ich halte es für wichtig, die Bodenhaftung nicht zu verlieren und immer im Hinterkopf zu behalten, wie die Anfänge aussahen."

"Ich hatte das Glück, bei drei Weltmeisterschaften zu spielen, und das Niveau wird immer besser", meint die Spielerin, die bei der WM in China zum ersten Mal auf der Weltbühne vertreten war, wenige Monate nach dem oben genannten Siegtreffer für die Gunners. "Ich glaube, der Frauenfussball an sich hat enorm an Einfluss gewonnen und die WM auf ein ganz neues Niveau katapultiert. Auch die Zuschauerzahlen sind gestiegen. Jede neue Turnierauflage übertrifft die vorherige um Längen."

Der jüngste Auftritt Englands auf der Weltbühne war gleichzeitig der erfolgreichste, denn die Lionesses eroberten die Herzen der Fans mit ihrem Durchmarsch auf Platz drei im Sturm. "Dass wir die Bronzemedaille geholt haben und andere Teams uns Glück gewünscht haben, nachdem sie selbst ausgeschieden waren, zeigt, dass wir den Geist des Fussballs und die Leidenschaft für unser Land herüberbringen konnten und mit Herz und Seele dabei waren", so Scott.

"Die Zeiten, in denen England ein reiner Punktelieferant war, sind vorbei. Ich kann mich noch an unsere ersten Turniere erinnern, bei denen wir gegen die Deutschen antreten mussten, die uns meilenweit voraus waren. Jetzt haben alle Länder diese Lücke geschlossen, und das ist einfach fantastisch für den Wettbewerb im Frauenfussball."

"Jetzt müssen wir beweisen, dass diese Bronzemedaille keine Eintagsfliege war." Wenn Scott mit ihrem Team aufläuft, um diesen Beweis anzutreten, kann sie sicher sein, dass ihr einige neue Fans in einem entlegenen Fussballkäfig ganz fest die Daumen drücken werden.

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